Nach den jüngsten Zwischenfällen in den Bädern in und um Stuttgart wird die Sicherheitsdebatte neu befeuert. Das Inselbad hat den Ordnungsdienst ein zweites Mal aufgestockt.
Sechs Zwischenfälle allein am vergangenen Wochenende: Stuttgart-Ost, Esslingen, Kirchheim unter Teck, Lenningen, Fellbach, Leonberg. Es geht um sexuelle Übergriffe, um Bedrohungen, Körperverletzungen. Die Polizei verzeichnet neun betroffene Badegäste, vom Kleinkindalter bis 53 Jahre alt. Und dann entbrennt in Berlin die Debatte über die Sicherheit in Freibädern – die Bundesinnenministerin Nancy Faeser fordert gar mehr Polizei in den Bädern.
Alles Alarmismus? Wird alles noch heißer am neuen Hitzetag am Samstag? Im Inselbad in Untertürkheim jedenfalls, wo es gleich zu Saisonbeginn vier Zwischenfälle mit sexuellen Belästigungen durch junge Männer gegeben hatte, ist inzwischen zweimal mit Sicherheitspersonal aufgerüstet worden. „Die Zahl der Ordnungskräfte am Wochenende ist auf zwölf erhöht worden“, sagt Jens Böhm, Sprecher der Stuttgarter Bäder. Davor waren es sechs. Angefangen hatte man mit zwei Sicherheitsmitarbeitern. Auch unter der Woche wird aufgepasst – aus zwei Kräften wurden inzwischen sechs.
Respektlotsen an Sonntagen unterwegs
Die Wirkung: „Man hat das jetzt alles ganz gut im Griff“, sagt Böhm. Auch weil man „vielschichtiger“ vorgehe: Die Respektlotsen, junge Ehrenamtliche, die vor allem durch ihren Einsatz nach den Innenstadtkrawallen 2020 am Eckensee und auf dem Schlossplatz bekannt wurden, sind jeden Sonntag im Inselbad unterwegs. Die jungen Lotsinnen und Lotsen haben meist selbst migrantische Wurzeln, treffen den richtigen Ton bei denen, die bei den Übergriffen eine Rolle spielen. Zumindest bei den Vorfällen am vergangenen Wochenende stammten die Verdächtigen aus Geflüchtetenkreisen.
Braucht es da mehr Polizei? „Wir sind durchaus auch im Bad selbst unterwegs“, sagt die Stuttgarter Polizeisprecherin Kara Starke. In Zivil, mit jungen Kräften der Einsatzhundertschaft. Wenn auch nicht rund um die Uhr. Die Stuttgarter Zwischenfälle haben sich nunmehr ins Leuzebad mit drei Vorgängen verschoben.
„Fehlentwicklungen vorhersehbar“
Im Fellbacher Erlebnisbad F3 macht man sich schon seit längerer Zeit Gedanken über die Sicherheit der Badegäste – nicht erst seit dem Zwischenfall am vergangenen Freitag, als ein unbekannter Badegast eine 53-jährige Angestellte im Streit um einen verlorenen Spind-Chip ins Gesicht schlug. Der Schwimmbadchef Kai Steuernagel sagt, bei mehr als 500 000 Badegästen pro Jahr komme es immer wieder zu Schwierigkeiten. Aber Schwimmbäder hätten definitiv Probleme: „Was wir heute erleben, ist ja nur das vorläufige Ende einer unguten Entwicklung von schwachen Hausherrn mit fataler Signalwirkung“, sagt er. „Welche Fehlentwicklungen sich da anbahnen, war vorhersehbar.“ In einer konkreten Notsituation sei die Polizei zwar nicht zu ersetzen, „aber dauerhaft wird sie nicht vor Ort sein können“.
Steuernagel erklärt, das F3 habe „wirklich gute Mitarbeiter mit langjährigen Erfahrungen im Sicherheitsgewerbe“ zu Rettungsschwimmern weitergebildet und eingestellt. Davor habe das Bad auch Unterstützung von einem lokalen Sicherheitsunternehmen bekommen. Als Badbetreiber kenne man die „neuralgischen Punkte“, an denen Probleme auftreten könnten, dort gelte es, als Gastgeber und Hausherr präsent und sichtbar zu sein. „Schon am Eingang machen wir klar, dass unsere Regeln nicht verhandelbar sind“, sagt Steuernagel. Am letzten Wochenende seien 9000 Besucher im Bad gewesen – alles entspannt. „Es gab einen unbedeutenden Polizeieinsatz wegen eines zahlungsunwilligen Jugendlichen.“
Neue Aufpasser im Leobad
Derweil ist ein Zwischenfall am Sonntag im Leobad in Leonberg bekannt geworden. Gegen 13.30 Uhr entbrannte dort ein Streit, nachdem ein Kind vom Beckenrand ins Wasser gesprungen war und von einer 44-jährigen Frau gebeten wurde, nicht mehr in ihre Richtung zu springen. Daraufhin schaltete sich ein Onkel des Kindes ein. „Jetzt wird wegen Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung ermittelt“, sagt Polizeisprecher Steffen Grabenstein. Opfer seien die Frau und der 56-jährige Bademeister. Der besagte Onkel habe sich noch vor Eintreffen der Polizei entfernt. Schon vor diesem Vorfall hat die Stadt gehandelt: Im Leobad sind zwei Sicherheitskräfte unterwegs.
Sicherheitsdienst beruhigt die Lage
Auch im Wellarium in Steinheim (Kreis Ludwigsburg) patrouillieren Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, greifen ein, wenn jemand den Bogen überspannt. „Seitdem ist es besser geworden. Wir haben jetzt keine Probleme mehr“, sagt Betriebsleiterin Katrin Schulze. Zuvor hätten Jugendliche Ärger bereitet. „Sie waren aggressiv und respektlos, haben nicht auf unsere Anweisungen gehört“, sagt sie. Und beim Eintreffen der Polizei seien die Rabauken in der Regel schon über alle Berge gewesen. Deshalb habe man den Sicherheitsdienst eingeschaltet, der seit vergangenem Jahr an besucherstarken Tagen nach Recht und Ordnung auf dem Gelände schaut. Nach der Pandemie hätten die Störenfriede in der Saison 2022 wieder ihr Unwesen im Wellarium getrieben.