Beim ersten Bundesligaspieltag nach den Anschlägen in Paris ist der Terror zwar in den Köpfen präsent, dennoch lassen sich die VfB-Fans den Spaß am Stadionbesuch nicht nehmen. Auch die miserable Leistung ihres Vereins ändert daran nichts.

Stuttgart - Sie sind zwar immer da, fallen an diesem Samstag aber besonders auf. Die Spürhunde der Bundespolizei, die auch Sprengstoff wittern, suchen die Gegend um die Haltestelle Neckarpark ab. Beim ersten Bundesligaspieltag nach den Anschlägen in Paris ist auch in Stuttgart zumindest vor dem Spiel die Bedrohung durch Terror zu spüren. Doch trotz einer Viertelstunde ­Verspätung beim Anpfiff, trotz verschärfter Sicherheitskontrollen, trotz Menschenstau vor der Untertürkheimer Kurve in der Mercedes-Benz-Arena zeigten 54 925 Fußballfans, dass sie sich die Freude am Spiel nicht nehmen lassen. Trotz einer beschämenden 0:4-Niederlage des VfB Stuttgart gegen den Tabellenletzten Augsburg.

Die Debatte, wie viel Freiheit die Bürger im Tausch für mehr Sicherheit aufzugeben bereit sind, wird nach den jüngsten Anschlägen des Islamischen Staats (IS) noch lange geführt werden. Klar war am Samstag, dass die Fußballfans die verschärften Kontrollen durch Polizei und Stadion-Security sehr bereitwillig hingenommen haben. Das bestätigt ein junger Einlasser am Eingang zur Haupttribüne, der jeden Stadionbesucher gründlicher abtastet, als das noch beim letzten Heimspiel des VfB Stuttgart der Fall gewesen war: „Die meisten begrüßen sogar, dass wir genauer hinschauen als sonst. Nur einige ältere Fans haben ein bisschen gemurrt, was das soll.“

Die verschärften Kontrollen haben dafür gesorgt, dass das Spiel eine Viertelstunde verspätet angepfiffen wurde. Dasselbe ist am Freitagabend beim Spiel Hamburg gegen Borussia Dortmund passiert, auch dort verzögerte sich der Einlass. Entweder müssen sich also die Fans darauf einstellen, früher zu kommen, oder das Stadionmanagement besser organisieren, wenn künftig pünktlich angepfiffen werden soll. Ein anderer Mann vom Sicherheitspersonal erzählt, dass doppelt so viele Sicherheitskräfte wie sonst im Einsatz sind. Zu einer Beschleunigung an den Toren hat dies nicht geführt.

Mehr Polizei als üblich war am Samstag dagegen nicht präsent. „Aber natürlich sind wir nach Paris für alle möglichen Dinge sensibilisiert“, sagt Norbert Walz, Vizepräsident der Stuttgarter Polizei, der den Einsatz geleitet hat. So wurden zum Beispiel mehr Fans als üblich kontrolliert, die mit dem Auto gekommen sind. Sonst hat sich die Polizei jedoch im Hintergrund gehalten.

Im Stadion nicht mehr viel von der erhöhten Sicherheitsstufe zu spüren

An der Untertürkheimer Kurve wäre mehr Polizeipräsenz kurz vor Spielbeginn ohnehin nicht möglich gewesen. Der Grund: Es gab dort schlicht keinen Platz mehr und es kam zu einem Menschenstau. Die meisten Fans verharrten trotzdem geduldig, einige, die auf dem Weg zur Haupttribüne oder Cannstatter Kurve waren, fanden einen Schleichweg hinter dem Zaun vorbei. Nur als ein angetrunkener Mann sich durch die Menge quetscht und dabei unachtsam sein Bier auf seine Mitmenschen schüttet, platzt einem der Kragen: „Geht’s noch?“, ruft er. Keine ungewöhnlichen Szenen bei einem Fußballspiel.

Wer die Kontrollen hinter sich gebracht hat, hat im Stadion selbst nicht mehr viel von der erhöhten Sicherheitsstufe gespürt. Und wenn Besucher das Stadion fluchtartig verlassen haben, dann nur, weil sie das, was der VfB auf dem Rasen ablieferte, nicht länger ertragen konnten. Als die Augsburger zum vierten Mal trafen, gab es ein Pfeifkonzert für die Gastgeber.

Spätestens nach dem Fußballspiel hatten der Sport und seine Begleiterscheinungen die Mercedes-Benz-Arena und das Areal drumherum zurückerobert. Und so etwas wie Bedrohungspotenzial ging nur von einer Gruppe junger Männer aus, offenbar von der Niederlage ihres Vereins gefrustet, die sich vor dem VfB-Fanshop versammelt hat. „Kamera weg!“, brüllt einer, als unsere Zeitung die Szenen nach dem Spiel in Bild dokumentieren will und greift nach dem Stativ. „Ich donner Dir gleich eine!“, fügt ein anderer junger Mann hinzu. Gelegenheit zu fragen, ob die Herren in ihrem Selbstverständnis Ultras oder Hooligans sind, bot sich leider keine mehr.

Polizeivize Norbert Walz bemerkte vor dem Spiel, dass er sich wünsche, dass Fußball möglichst bald wieder von der Terrorangst entkoppelt ist. Am vergangenen Samstag hatte die Polizei um das Fußballspiel jedenfalls nur mit pöbelnden Fans und Unbekannten zu tun, die den Bahnverkehr zum Erliegen brachten, indem sie irgendwelche Gegenstände ins Gleisbett warfen. Das fühlt sich alles sehr normal an. König Fußball hat in Stuttgart offenbar dem Terror getrotzt.

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