Rad fahren ohne Helm: Schön luftig bei einem Sturz aber auch sehr gefährlich. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Rad fahren ohne Helm ist gefährlich, aber nicht aus der Mode. Bei Unfällen in Stuttgart trug 2016 nur knapp ein Drittel der Radfahrer einen tauglichen Kopfschutz. Vor allem junge Leute verweigern gerne.

Stuttgart - Beobachtungen an einem sonnigen Frühlingstag: Eine junge Frau radelt mit wehendem Haar durch die Tübinger Straße, im Schlossgarten fährt ein Vater ­seinen Sohnemann im Anhänger spazieren, Papa ziert eine modische Sonnenbrille und ein Stirnband, der Nachwuchs winkt fröhlich mit dem Teddy aus dem Hänger. Der ­Hosenmatz trägt eine kecke Schirmmütze. Keinen Helm. Kurz darauf werden die ­beiden von einem älteren Paar rasant auf ­E-Bikes überholt. Auch die beiden sind oben ohne unterwegs, wobei der Mann auch nur eine Hand am Lenker hat, weil er mit der ­anderen an seinem Smartphone herumwischt. Gleich vorweg – verboten ist das ungeschützte Radfahren in Deutschland nicht, es gibt weder eine Helmpflicht noch Bußgelder. Aber viele gute Gründe einen Schutz zu tragen. Nach einer Studie der Universität von Arizona, in der die Daten von 6200 Radunfällen ausgewertet wurden, ist das Risiko für schwere Hirntraumata und auch für einen tödlichen Ausgang des Unfalls bei Helmträgern um etwa 60 Prozent geringer. Trotzdem nimmt gefühlt die Bereitschaft zum Helmtragen ab, besonders bei vielen Neu- und Wiedereinsteigern.

Viele fahren oben ohne in den Unfall

Datenmaterial über die Bereitschaft einen Helm zu tragen gibt es für Stuttgart nicht, bundesweit beträgt die Helmquote über alle Altersbereiche etwa 20 Prozent. Für die Landeshauptstadt gibt es aber aussagekräftige Zahlen der Polizei. Laut Unfallstatistik für 2016 wurden in Stuttgart 453 Unfälle mit Radfahrern von der Polizei registriert. In 41 Prozent der Fälle trugen die Unfallopfer dabei keine Helme, im Jahr zuvor waren es bei einer ähnlichen Unfallzahl (438) deutlich weniger (34,5 Prozent) ohne Kopfschutz unterwegs. Zudem wurde der Helm bei 28 Prozent lediglich mitgeführt oder falsch getragen, sodass am Ende nur ein schwaches Drittel (31 Prozent) der Unfallopfer 2016 mit einem korrekten Helm unterwegs war. Ein wenig geringer sind die Zahlen bei den Pedelecs. Aber auch bei Unfällen mit Fahrrädern mit elektrischem Rückenwind trugen 30 Protent der Fahrer keinen Helm.

Ob diese Zahlen über das Nutzen von Helmen bei Unfällen auch auf die Gesamtzahl aller Radler in der Stadt übertragen werden kann, ist ungewiss. Da es keine Helmpflicht gibt, zählt niemand nach. Die Experten beobachten aber. Aus den Reihen der Prävention der Polizei ist zu erfahren, dass nach deren Einschätzung die Helmdichte in Stuttgart zumindest bei denen hoch ist, die mit dem Rad täglich zur Arbeit und zurück ­fahren. In der Zeit dazwischen seien doch ­etliche Radler ohne Helm unterwegs. Auch beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) beobachtet man eine gewisse Helmmüdigkeit. „Ich habe schon den Eindruck, dass die Zahl der Helmverweigerer zugenommen hat“, sagt dazu Peter Beckmann. Laut dem Kreisgeschäftsführer des ADFC hätte dies verschiedene Gründe. Es gäbe Hardliner, die erreiche man nie. Andere, meist jüngere, störten aber auch optische Gründe. „Wir brauchen mehr Helme, die nicht nach Baustelle aussehen“, sagt Beckmann, „das würde die Akzeptanz bei vielen sicher erhöhen.“ Fetzige Helme gibt es – mittlerweile sogar mit Bluetooth und integrierter Telefonfunktion.

Verschiedene Beobachtungen beim Handel

Einen anderen Eindruck hat man bei der Stadt. Jasmin Heller vom Stadtplanungsamt berichtet, dass man mit der Helmdichte bei der Radsternfahrt am vergangenen Sonntag zufrieden gewesen sei. Zudem habe man den Eindruck, dass es eher mehr Helmträger als weniger werden. Und das wäre auch sinnvoll, den nahezu alle Untersuchungen gehen von einem positiven Effekt des Helmtragensaus. Wenn auch nicht alle. Es gibt Experten die behaupten, dass zum Beispiel eine Helmpflicht insgesamt zu einem Rückgang der Fahrradfahrer führen würde und es dadurch wieder mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen geben würde, denen man ja unter anderem durch regelmäßiges Radfahren vorbeugen will.

Die Wahrnehmung in Sachen Helm ist ­also unterschiedlich – auch im Handel. Rudi Schorp, der beim Reutlinger Radhändler Trans Velo, der auch eine Filiale in Stuttgart hat, für den Einkauf zuständig ist, erkennt „vor allem bei jungen Leuten einen leichten Trend, keinen Helm zu tragen“. Ähnlich sieht das für den Bereich der E-Bikes Hans-Michael Holczer. Der ehemalige Manager des Profi-Radrennstalls Gerolsteiner verkauft in seinem Laden in Herrenberg zur Zeit vor allem E-Bikes. „Es gibt schon einige, die einen Helm kategorisch ablehnen“, sagt er. Ganz anders sieht das dagegen ­Michelle Jehle von Stromrad in Stuttgart. Die Firma hat sich komplett auf E-Bikes spezialisiert. „Bei unseren Kunden sind Helme sehr gefragt“, sagt sie, „meistens verkaufen wir zu dem Rad auch gleich den Helm.“

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