Die Kleist- und Büchner-Preisträgerin befasst sich in ihrem neuen Buch „Abraham trifft Ibrahim“ mit dem politischen Missbrauch der Religionen. Foto: Georg Linsenmann

Sibylle Lewitscharoff hat bei ihrer Lesung in der Pauluskirche gewichtige Denkanstöße gegeben

Zuffenhausen - Leichte Kost können Andere servieren. Wir gönnen uns jetzt mal was aus der Kategorie „Nüsse knacken“! Zumindest ein Nebengedanke könnte das gewesen sein, als das Team der Evangelischen Kirchengemeinde, das die Lesungen in der Pauluskirche plant, die aktuelle Veranstaltung in der Reihe fixiert hat. Denn die aus Stuttgart stammende Kleist- und Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff ist das pure Gegenteil von geschmeidigem geistigen und literarischem Mainstream. Und Denkwürdiges bietet sie auch mit ihrem neuen Buch „Abraham trifft Ibrahim“, in dem sie mit ihrem aus dem Irak stammenden Co-Autor Najem Wali paradigmatische Figuren aus Bibel und Koran einer vergleichenden Betrachtung unterzieht. Ein Buch, das quer steht zu jeglichem polarisierenden Gebrauch wie auch zu politischem Missbrauch der Religionen – und das so auch perfekt in den dialogisch-aufklärerischen Ansatz der Reihe passt.

In der Pauluskirche las Lewitscharoff das Abraham-Kapitel, in dem sie nun ihrerseits die harte Nuss der „Abraham-Thematik“ einer anderen Geistesgröße zum Knacken gibt: Sören Kirkegaard, dem christlichen Philosophen, der das dem Vater abverlangte Opfer als Prüfung eines absoluten Gottesgehorsams gerechtfertigt hatte. Nun aber lässt Lewitscharoff dem Philosophen Gott selbst erscheinen: in Gestalt einer Maus. Wie in einem Fiebertraum muss der Philosoph die Abgründe seines extremistischen Denkens durchschreiten, immer auch am Rande der Lächerlichkeit wankend. Der Sinn der Übung ist dann auch die Botschaft der Autorin: „Dein Denken über mich ist widersinnig. Menschenopfer sind blutrünstiger alter Kram.“ Bei Brot und Butter ist der Denker dann nurmehr ein Häufchen Elend – und findet „die Kraft, alles neu zu durchdenken und sich so zu festigen“.

Autorin ging auf Fragen des Publikums ein

Den passenden Hallraum für diese Botschaft eröffnete direkt anschließend die großartige, aus Zuffenhausen stammende Musikerin Anne-Marie Hölscher, die mit ihrem Akkordeon ein Stück von John Cage wie eine kreisende, sich immer weiter dehnende Fühl- und Denkbewegung entfaltete: ein kongenialer Zusammenklang.

Erhellend dann auch, wie Lewitscharoff auf Fragen des Publikums einging, wobei sie zunächst den historischen Kontext des biblischen Textes verdeutlichte: „Das ganze Theater findet statt in einer Umgebung, in der Menschenopfer gang und gäbe waren, wo etwa Sklaven beim Tod ihres Herrn ohne Zucken umgebracht wurden.“ Vor diesem Hintergrund sei die Abraham-Geschichte ein „Fanal der Abkehr vom Menschenopfer und von der Brutalität“, womit ein „Zeichen der Zivilisierung gesetzt“ werde. Auch die Variante des Koran, die den biblischen Ismael in den Vordergrund setzt, könne „im Dienste einer Zivilisierung interpretiert werden“. Sowieso sei der Islam „ein Amalgam zweier älterer Religionen, der daraus etwas Neues macht, mit einer etwas anderen Tendenz“. Das gelte auch für das Neue Testament mit seinen Wurzeln im Alten: „Im Grunde stammen beide Religionen aus dem Judentum. Nur haben sie andere Akzente gesetzt.“

Leichtere Kost mit unveröffentlichter Geschichte

Als ein Besucher ihre Interpretation von der zivilisierenden Kraft der Abraham-Thematik „mit Skepsis“ bedachte, räumte die Autorin ein: „Zweifellos hat im Namen des Christentums immer wieder ein scheußlicher Blutrausch stattgefunden. Etwa bei der Eroberung Amerikas durch die Spanier“. Gleichwohl gelte es, diese „glorreichen Texte auf ihren Frieden stiftenden Gehalt“ zu befragen. In dieser Hinsicht stelle schon der Bibeltext „ein gewaltiges Unterfangen“ dar. Dann aber bot sie mit einer noch unveröffentlichten Geschichte doch noch leichtere Kost. Fast eine Einstimmung auf Weihnachten, wenn drei Tännchen ihrem Schicksal als Christbäumlein entlaufen – und an einem Martel, einem bayerischen Wegkreuz, dem frierenden Jesulein zum wärmenden Mantel werden. Blitzende Sternlein bot dann noch einmal Hölscher mit ihrem leuchtenden, wahrlich faszinierenden Scarlatti-Spiel.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: