Italiens Kaffeekultur – und mehr – ist auch in Deutschland angekommen. Foto: arthurhidden - stock.adobe.com

Das Beispiel der italienischen Einwanderer zeigt: Integration in Deutschland kann ohne Probleme gelingen. Ganz anders als andere Minderheiten fordern sie dabei keine besondere Aufmerksamkeit ein oder klagen über ihre gekränkten Befindlichkeiten.

Stuttgart - Nennen wir sie Giulia, diese kleine, mollige, dunkelhaarige Frau aus Sizilien, die nun schon 40 Jahre in Deutschland lebt. Mit ihrem Mann und drei Kindern kam sie hierher. Inzwischen hat sie das Rentenalter erreicht. Bis dahin arbeitete sie hart, half in Altersheimen bei der Betreuung, putzte in vielen Haushalten, schrubbte, bügelte, diente. Als es der Mann mit dem Alkohol und anderen Frauen zu weit trieb, ließ sie sich scheiden. Von da an ging es bergauf. Heute gehört ihr eine Drei-Zimmer-Altbauwohnung. Obwohl ihr Deutsch mehr als dürftig ist, fühlt sie sich hier zu Hause. Einmal im Jahr fliegt sie in die alte Heimat und kommt aufatmend zurück aus ihrem Dorf – nach wie vor ein öder Ort. Selbst im Herbst erscheint es ihr dort noch viel zu heiß. Wie schön, wieder abzureisen. Giulia ist ein glücklicher Mensch.

Alle sehen sich gerne ausgegrenzt und benachteiligt

Wie kann das sein? Gehört sie nicht zu einer Minderheit, zugewandert nach Deutschland, wo es mindestens so viele Klagen und Anklagen wie Minderheiten gibt? Frauen, Flüchtlinge, Homosexuelle, Bisexuelle, Transsexuelle, die alten weißen und die jungen schwarzen Männer, Eingeborene und Neuankömmlinge, Klimaaktivisten und Luftreinhalter, Tierschützer und Tierzüchter, hier die Kurden, dort die Türken und so weiter und so fort: Alle sehen sich gern ausgegrenzt, benachteiligt, diskriminiert, über den Tisch gezogen. Sie und ihre Fürsprecher fordern Aufmerksamkeit, verlangen Schuldeingeständnisse der Mehrheitsgesellschaft oder der Politik, begehren Gleichheit, Respekt, Entschädigung oder Bereinigung der Sprache von vermeintlich herabsetzenden Ausdrücken und Formulierungen.

Kritik am angeblich „völkischen Nationalrausch“ der Deutschen

Da gibt es die absurdesten Sachen. So klagt die türkischstämmige und in Stuttgart geborene Kolumnistin Ferda Ataman auf dem Online-Portal des „Spiegels“ über das Fest der Deutschen Einheit, bei dem sich schändlicherweise nur weiße Ostdeutsche und weiße Westdeutsche feiern. Unglaublich! Migranten und die People of Color, die auch schon lange hier seien, würden übergangen und in der Hackordnung der Gesellschaft nach unten rutschen. Einen Albtraum nennt sie diese Erfahrung. Das Schlimmste aber sei der völkische Nationalrausch.

Ich weiß nicht, wo sie den erlebt hat. Vielleicht im brandenburgischen Outback. Bei den jährlich stattfindenden höchst provinziellen Feierlichkeiten zum dritten Oktober mit den abgeschlafften Ansprachen von Kanzlerin und Bundespräsident – während viele Bürger die Freizeit benutzen, um ins sonnige Ausland zu entfleuchen – kann es nicht gewesen sein. Trotzdem gibt Frau Ataman die beleidigte Leberwurst mit ihrer an den Haaren herbeigezogenen Geschichte. Doch das ist ihr Geschäftsmodell. Sei’s drum. So gibt es viele.

Der Integration sind solche Haltungen nicht dienlich. Sie schwimmen mit im Mainstream der in der westlichen Welt verbreiteten Sucht nach Identität, nach dem Kotau der Gesamtgesellschaft vor diesen und jenen vermeintlich besonders bedauernswerten Leuten. Enterbte und Entrechtete, wo man auch hinschaut. Wer aber denkt da noch an das Allgemeine? Wer sieht das Spaltende?

Ohne italienischen Einfluss wären wir noch bei Spinat mit Mehlpampe

Giulia, die Altmigrantin, lebt dagegen an. Ihr Alltag zeigt, wie Integration gelingt. Vielleicht kann sie nicht einmal richtig lesen und schreiben, da sie in ihrem Dorf nur zwei Jahre zur Schule gehen durfte. Doch ihre Enkelin besucht hier mit Erfolg ein Gymnasium. Ich weiß nicht, ob sie deutsche Freunde hat. Allein ist sie jedenfalls nicht. Regelmäßig trifft sie sich mit anderen Italienern in einem kirchlichen Kreis. An Sonntagen fährt man zu Sehenswürdigkeiten oder aufs Land. In der Woche gibt es Tanzabende. Besuche in Altersheimen und gemeinsame Pizzaessen gehören zum Programm.

Giulia lebt in Deutschland und ist doch ganz Italienerin geblieben, ist in ihrer Identität nicht verunsichert, braucht keine besondere Aufmerksamkeit. Niemand muss die Trommel rühren für ihre gekränkte Befindlichkeit. Sie ist ganz bei sich, als Frau, die sich durch viel Arbeit völlig freigeschwommen hat, als Italienerin in einem ihr angenehmen deutschem Umfeld, als eine von den vielen italienischen Einwanderern, die hier heimisch geworden sind und unser Land bereichern – mit ihrer Freundlichkeit, ihrer Gastronomie, ihrer unbeschwerten Lebensart, ihrem Fleiß, ihrem guten Geschmack.

Proteste aus der italienischen Gemeinde sind nicht bekannt

Ohne die italienischen Einflüsse würden wir noch Blumenkohl und Spinat mit Mehlpampe essen, Blümchenkaffee trinken statt Cappuccino und Espresso. Wir wüssten nicht, wie ein edles Speiseeis schmeckt und hielten Liebfrauenmilch für einen Spitzenwein. Abends nach 22 Uhr hätten wir Schwierigkeiten, eine gute Wirtschaft zu finden, die warme Mahlzeiten und eine aufmerksame Bedienung anbietet. Die Herren Bosch und Daimler wären aufgeschmissen. Und hat man irgendwo gehört, dass aus der italienischen Community ein Protest gegen die deutsche Einheitszeremonie auftaucht? Dass sich jemand übergangen fühlt? Oder einen Kniefall fordert?

Natürlich, die Mafia ist auch hier. Dies eingeschlossen, gilt ein abgewandeltes Christian-Wulff-Wort: die italienischen Einwanderer gehören zu Deutschland.

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