Die Macher der deutschen Netflixserie „Dark“ schwärmen von „Zurück in die Zukunft“ und „Shining“, schimpfen über 08/15-Geschichten, erzählen von ihrer Schreibblockade und verraten, was nach „Dark“ kommt: Jantje Friese und Baran bo Odar im Exklusivinterview.
Berlin - Das neue Serienzeitalter begann in Deutschland am 1. Dezember 2017. An dem Tag veröffentlichte Netflix seine erste deutsche Eigenproduktion. „Dark“ wurde zur erfolgreichsten nicht-englischsprachigen Seriedes Streamingdiensts und löste in Deutschland eine Qualitätsserien-Welle aus. Am 21. Juni startet die zweite Staffel. Wir haben die Serienschöpfer Jantje Friese und Baran bo Odar in Berlin getroffen.
Frau Friese, Herr Odar, die zweite Staffel von „Dark“ spielt unter anderem in den 1950er und den 1980er Jahren, in der Gegenwart und der Zukunft. Das macht Sie zu Zeitreise-Experten. Welchen Zeitreise-Film können Sie empfehlen?
Baran bo Odar „Zurück in die Zukunft“ ist ein Film, mit dem wir groß geworden sind. Der hat eines der besten Drehbücher überhaupt. Der Aufbau ist perfekt, alles ist miteinander verzahnt. Und alles geht hundertprozentig auf. Das war sicher ein großer Einfluss für uns. Auch wenn Bob Gale und Robert Zemeckis die Zeitreise ganz anders erzählen als wir. Die glauben an den freien Willen, also daran, dass der Zeitreisende den Lauf der Geschichte ändern kann, bei uns gibt es den Determinismus. Aber man sollte das Thema Zeitreisen nicht überbewerten. Letztlich ist es nur ein Gimmick.
Jantje Friese Uns interessiert vor allem die menschliche Psyche: Warum machen Menschen das, was sie machen? Wie werden sie zu dem, was sie sind? Da ist das Zeitreise-Thema einfach ein wahnsinnig gutes Mittel, um zu zeigen: Wie war jemand als Kind? Wie ist er als Erwachsener? Wie ist er als alter Mensch? Und was passiert, wenn man mit sich selbst konfrontiert wird? Wir interessieren uns mehr für Tiefenpsychologie als für Zeitreisen.
Odar Ja, wir mögen Puzzles, und wir mögen Geschichten mit vielen Figuren.
Friese Uns langweilen diese 08/15-Narrative, diese immer gleich aufgebauten Filme. Und es stimmt schon, dass es uns Spaß macht, spielerisch die Zuschauererwartungen zu durchbrechen. Aber wir haben auch immer im Blick, wie wir den Zuschauer an die Hand nehmen und durch dieses Abenteuer hindurchleiten können. Wir reihen da nicht willkürlich Szenen aneinander, sondern es hat tatsächlich einen tieferen Sinn, wie die Dinge gebaut sind. Und wir versprechen: In der zweiten Staffel lösen wir ein paar Dinge auf. Und in der dritten wird dann vieles noch deutlicher werden.
Das heißt, Sie wussten von Anfang an, wohin diese Reise durch die Zeit gehen wird, wie sie enden wird?
Friese Wir hatten immer ein sehr sehr klares Bild im Kopf. Auf dem Weg dorthin haben wir uns in der zweiten Staffel teilweise entschieden, ein paar Umwege einzuschlagen. Aber wo wir ganz am Ende hinwollen, wussten wir von Anfang an, und da werden wir auch nach der dritten Staffel ankommen.
Odar Wir werden viele Fragen am Ende der dritten Staffel beantworten haben. Ein paar werden wir aber auch bewusst nicht beantworten. Wir mögen solche Geschichten, weil die einem dann oft länger hinterherhängen. Ich finde, das beste Beispiel ist einer meiner Lieblingsfilme: „Shining“. Die letzte Einstellung zeigt ein Foto, auf dem Jack Nicholson zu sehen ist. Der Film verrät einem zwar am Ende, warum es in dem Hotel geisterhafte Erscheinungen gibt, das Foto erklärt er aber nicht und stellt damit eine neue große Frage. Und dieses Gefühl, das ich aus so einer Geschichte mitnehme, ist für mich wertvoller, als nur Antworten zu haben.
Friese Wichtig ist es, die Balance zu finden. Wie viele Fragen stellt man? Wann gibt man Antworten? Was löst man auf? Was lässt man den Zuschauer selbst für sich beantworten?
Und die Frage, ob es Ihnen gelingt, die hohen Erwartungen, die es nach der erfolgreichen ersten Staffel gab, zu erfüllen, dürfte Sie auch beschäftigt haben.
Odar Wir hatten wirklich Angst. Da müssen wir ganz ehrlich sein. Als wir nach dem Erfolg von Staffel eins das Go bekommen haben, die zweite Staffel zu machen, hatten wir tatsächlich kurz mal eine Schreibblockade, weil wir fast obsessiv auf das sensationelle Feedback der Fans reagieren wollten. Wir haben dann gemerkt, dass wir uns dabei ein bisschen verlieren. Wir mochten plötzlich nicht mehr, was wir hatten, und drei, vier Wochen ging es uns nicht so gut. Dann haben wir gesagt, okay, wir müssen die zweite Staffel einfach genauso wie die erste angehen: ohne diese Erwartungshaltung. Und dann ging es plötzlich.
Ich würde behaupten, die erste „Dark“-Staffel war Mystery, die zweite ist Science-Fiction.
Friese Es gibt auf jeden Fall eine Verschiebung im Genremix. Wobei Mystery allein schon wegen der Erzählstruktur weiterhin eine große Rolle spielt. Aber Science-Fiction wird wichtiger in der zweiten Staffel. Das „Dark“-Universum weitet sich aus.
In „Dark“ bringen Sie nicht nur die Genres und die Zeiten durcheinander, sondern auch die Popzitate, die bei Ihnen immer wieder das Geschehen kommentiert. Es wird nicht viele Serien geben, die sich da an so eine Vielfalt trauen. Von Elvis’ „Suspicious Minds“ über Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ bis zu Kreators „Pleasure to kill“. Wie kommt man auf solche Ideen?
Friese Die Idee, Kreator zu verwenden, ist im Writers Room entstanden. Auch Nena stand schon in den Skripts. Einige Songs tauchen auch deshalb auf, weil ich zu denen geschrieben habe. Ich höre immer Musik beim Schreiben.
„Dark“ ist nicht nur die erfolgreichste nicht englischsprachige Serie im Angebot von Netflix, es ist auch die Serie, die vor zwei Jahren dafür gesorgt hat, dass das goldene Zeitalter der TV-Serien endlich auch in Deutschland begonnen hat. Wie sehen Sie die Entwicklung hierzulande?
Odar Ich glaube, da passiert gerade definitiv etwas. Der Mut, etwas zu riskieren und auch mal zu scheitern, steigt. Damit meine ich nicht die Filmemacher. Als Filmemacher riskierst du ja eigentlich immer was. Aber ich glaube, dass jetzt andere Leute, die nämlich, die bestimmen oder bezahlen, gemerkt haben, dass man etwas riskieren muss, um etwas Großes zu schaffen. Da lernt die Branche gerade dazu – nicht nur, aber auch in Deutschland.
Zeitgleich zum Start der zweiten „Dark“-Staffel beginnen Sie schon mit den Dreharbeiten zur dritten. Brauchen Sie nicht mal eine Pause?
Odar Irgendwann schon – und dann gehen wir in die Psychiatrie. Nein, Quatsch. Wir arbeiten wirklich gerne, schließlich haben wir unser Hobby zum Beruf gemacht.
Friese Das Ende ist ja aber auch in Sicht. Bei „Dark“ ist nach der dritten Staffel Schluss. Es wird trotzdem schwer sein, sich von den ganzen Figuren zu trennen, weil man ja doch eine emotionale Bindung hat.
Nach „Dark“ geht Ihre Zusammenarbeit mit Netflix allerdings weiter: mit der Serie „1899“, die Auswanderergeschichten erzählt. Sie hatten mir in einem früheren Interview einmal erzählt, dass Sie finden, dass es viel zu viele deutsche Serien gibt, die sich mit historischen Stoffen auseinandersetzen. Was ist bei Ihrer anders?
Friese Bei uns kommt der Zweite Weltkrieg nicht vor.
Odar Es gab noch nicht mal den Ersten Weltkrieg und erst recht keine DDR.
Friese Das ist ein europäischer Stoff und keine deutsche Geschichte. Es ist tatsächlich ein vielsprachiger Kommentar zur europäischen Lage.
Die Serie „Dark“ und ihre Macher
Jantje Friese (1977 in Marburg geboren) ist Drehbuchautorin und Produzentin. Mit dem Regisseur und Drehbuchautor Baran bo Odar (1978 im schweizerischen Olten geboren) hat sie vor „Dark“ das Drama „Das letzte Schweigen“ (2010) und den Thriller „Who Am I – Kein System ist sicher“ (2014) realisiert. Zusammen entwickeln sie bereits ihre nächste Serie „1899“, die 2021 bei Netflix erscheinen soll. Die beiden sind auch privat ein Paar.
Verfügbarkeit: Alle acht Episoden der zweiten Staffel von „Dark“ sind von diesem Freitag an bei Netflix verfügbar.