Händler in Stuttgart und die City-Initiative sehen nach dem jüngsten verkaufsoffenen Sonntag während der EM Potenzial für einen jährlich wiederkehrenden zusätzlichen Verkaufstag.
Die Vorfreude auf den ersten verkaufsoffenen Sonntag in der Innenstadt seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war bei den Händlern groß. Mit Mühe und am Ende auch mit richterlicher Unterstützung hatte die City-Initiative auch die letzte Hürde überwunden, nachdem die Gewerkschaft Verdi im Vorfeld Widerspruch eingelegt hatte.
Doch hat sich der Aufwand am Ende überhaupt gelohnt? Citymanager Sven Hahn ist davon überzeugt: „Es war ein Erfolg.“ Die Stadt sei voll gewesen – wie an einem starken Samstag. Die Zahlen des Internetportals hystreet.com scheinen ihm Recht zu geben: In der Mitte der Königstraße wurden am Sonntag knapp 82 000 Passanten gezählt. An einem Sonntag Mitte Juni 2023 waren es nur rund 24 000 Menschen. Nun waren die meisten Besucherinnen und Besucher der Innenstadt Fußball-Fans, insbesondere aus Dänemark und Slowenien, und nicht unbedingt wegen der geöffneten Läden auf der Königstraße unterwegs. „Aber sie haben das Angebot dennoch genutzt“, sagt Hahn.
War der Verkehr ein Problem?
Das kann Melanie Cintean, die Centermanagerin des Gerbers, bestätigen: „Der verkaufsoffene Sonntag war insgesamt ein voller Erfolg. Einige unserer Shops haben stark von der Sonderöffnung profitiert.“ Doch nicht nur dort sei die Frequenz gut gewesen, betont Hahn. „Auch im Dorotheenquartier habe ich viele Leute in den Geschäften gesehen.“ Zum Beispiel im Concept-Store Fyra. Dort war man grundsätzlich mit der Nachfrage zufrieden. Mitinhaberin Anja Raiser: „Es waren viele interessierte Kunden da. Wir würden sicher wieder teilnehmen.“ Nur die Verkehrssituation rund um die Innenstadt habe noch mehr potenzielle Kunden von einem Besuch abgehalten.
Der Geschäftsführer des Buchhauses Witwer-Thalia, Rainer Bartle, spricht von einem schönen Nachmittag: „Eine Wiederholung könnte ich mir sehr gut vorstellen, aber dann ohne Fußball.“ Die Zahl der Menschen, die nur wegen des verkaufsoffenen Sonntags da war, sei überschaubar gewesen. „Es wurden eher Dinge gekauft, die in kleine Tüten passen oder schnell verbraucht werden konnten“, sagt Bartle. Ähnliches hat Thomas Breuninger erlebt, der Geschäftsführer beim Traditionsunternehmen Tritschler: „Leider konnten wir nicht feststellen, dass Menschen aus dem Umland aufgrund der Einkaufsmöglichkeit am Sonntag nach Stuttgart gekommen sind.“ Und von denjenigen, die sich in den beiden Läden umgeschaut haben, hätten auch nur einige etwas gekauft. „Immer wieder haben wir aber gehört, dass sie größere Dinge wegen Fußball schauen und aufgrund der Restriktionen in der Fan-Zone nicht mitnehmen wollten“, sagt Breuninger. Mehrere Kunden hätten beispielsweise Trinkflaschen oder Isolierbecher kaufen wollen, das dann aber gelassen, weil sie aufgrund der Größe nicht zum Public Viewing mitgenommen werden durften. „Insgesamt war es aber spannend und bestimmt einen Versuch wert“, sagt Breuninger, wenn auch letztlich aus Sicht des Einzelhändlers „leider doch ein enttäuschender verkaufsoffener Sonntag.“
Alles geht friedlich über die Bühne
Von Enttäuschung möchte Bartle nicht sprechen. „Meine Umsatzerwartungen wurden erfüllt, weil ich keine Erwartungen hatte“, sagt der Geschäftsführer des Buchhauses Witwer-Thalia und lacht. Er sei froh, dass sein Haus nicht als öffentliche Toilette benutzt wurde und die Stimmung sehr friedlich war. „Das hat Wiederholungscharakter. Einmal im Jahr einen verkaufsoffenen Sonntag? Warum nicht?“, betont Bartle. Das sei auch für seine Mitarbeiter kein Problem. Es sei sehr einfach gewesen, die Schichten am Sonntag zu besetzen.
Auch Armin Dellnitz, der Geschäftsführer der Stuttgart-Marketing GmbH, könnte sich weitere verkaufsoffene Sonntag in der Innenstadt vorstellen: „Dass die Geschäfte geöffnet hatten, hat zu einer gelungenen Präsentation Stuttgarts bei unseren internationalen Gästen geführt. Das Gesamtangebot am Sonntag war klasse.“ Vor allem die Dänen seien begeistert gewesen. Bislang spielen sie bei den Übernachtungszahlen in Stuttgart keine große Rolle. „Es wäre prima, wenn wir das ändern könnten.“
Dass es künftig einmal im Jahr einen verkaufsoffenen Sonntag in der Innenstadt gibt, ist aktuell mehr als unwahrscheinlich. „Es wäre super, wenn die Einzelhändlerinnen und Einzelhändler einen zusätzlichen, umsatzstarken Tag bekämen“, sagt Citymanager Hahn. Er könne sich vorstellen, dass es im Rahmen des Trickfilmfestivals funktionieren würde. Allerdings habe die Stadt in der Vergangenheit einen diesbezüglichen Vorstoß schon einmal abgelehnt. „Ich würde mich gerne mit Verdi, den Kirchen und der Stadt an einen Tisch setzen, um über die Möglichkeiten zu sprechen.“