Pfarrerin Dorothee Eisrich und Kantor Julian Handlos würden die „Mass for Peace“ jederzeit wieder aufführen. Foto: Phillip Weingand

Das Video eines islamischen Gebetsrufs in einer evangelischen Kirche sorgt für einen Sturm der Entrüstung. Die Verantwortlichen erklären, warum sie dennoch nichts bereuen.

Rund drei Minuten Videoclip, und das Netz steht Kopf. Darauf zu sehen ist der Gebetsruf eines Muezzins, wie er weltweit jeden Tag tausendfach gesungen wird. Nur: Die Aufnahme stammt nicht von irgendwo, sondern aus der evangelischen Schorndorfer Stadtkirche. Seit sie im sozialen Netzwerk X – ehemals als Twitter bekannt – veröffentlicht wurde, tobt ein Shitstorm.

 

Viele sehen in dem Video den Beweis für eine Unterwerfung der Kirche gegenüber dem Islam. „Vor allem in den ersten Tagen waren es täglich Dutzende Mails, die bei uns eingingen“, sagt Dorothee Eisrich, die geschäftsführende Pfarrerin in Schorndorf. Manche Schreiben seien belehrend, andere unverschämt, andere schlicht beleidigend.

Tatsächlich ist die Aufnahme nicht bei einem islamischen Gottesdienst in der christlichen Kirche entstanden, sondern bei einem Konzert zum Volkstrauertag am 16. November – konkret einer Darbietung von „The Armed Man: A Mass for Peace“ des walisischen Komponisten Karl Jenkins. Das Stück ist rund 25 Jahre alt und enthält neben Texten aus der katholischen Messliturgie auch Passagen aus anderen religiösen und historischen Quellen – beispielsweise dem islamischen Gebetsruf, der Bibel und dem hinduistischen Epos Mahabharata.

Schorndorfer Pfarrerin: „Allahu akbar“-Video aus dem Kontext gerissen

Die Schorndorfer Stadtkirche Foto: Evangelische Gesamtkirchengemeinde Schorndorf

Dass dieses Stück Erklärungsbedarf hat, war den Verantwortlichen um den Bezirkskantor Julian Handlos vorher klar. Auch, weil mehrere Texte teils drastische Schilderungen von Tod und Gewalt beinhalten. Das Konzert zeige auch, sagt Pfarrerin Eisrich, wie alle Religionen missbraucht werden könnten, um Menschen gegeneinander aufzustacheln.

Nicht nur die teilnehmenden Sänger und Musiker, sondern auch das Publikum bekamen daher eine umfassende Einführung in das Werk. In der „Mass for Peace“ entscheiden sich die Überlebenden des Kriegs schließlich zum Frieden. „Es war uns wichtig, ein Konzert mit Aussage aufzuführen, gerade zum Volkstrauertag“, sagt Handlos.

Jene rund drei Minuten des Stücks, in denen ein Muezzin „Allahu akbar“ singt, den islamischen Ruf zum Gebet, wurden mitgefilmt und ins Netz gestellt. Der direkt darauffolgende Teil, das christliche „Kyrie“, fehlt in der Aufnahme genauso wie das restliche mehr als eine Stunde lange Konzert. „Ich verstehe, dass diese Aufnahme für Irritationen sorgen kann“, sagt Eisrich. „Aber so ist sie völlig aus dem Kontext gerissen.“

Der islamische Gebetsruf in Schorndorf löst eine Kontroverse aus

In den sozialen Netzwerken sorgt das Video für unzählige Reaktionen – manche differenziert, andere wutschäumend. Von „Selbstaufgabe“ der Kirche ist die Rede, von „Blasphemie“. „Eine Schande für dieses Land“, schreibt jemand. „Die Kirche hat sich dem Islam unterworfen“, zürnt ein Facebook-Nutzer, „das hat mit Frieden nichts zu tun, nur mit Übernahme“, ein anderer. Manche, wie der Autor Hasnain Kazim, betrachten die Sache subtil – aber wie das Netz so ist, werden lautere Stimmen eher gehört.

„Das Seltsame ist, dass keiner dieser Mailschreiber wirklich beim Konzert war“, sagt Eisrich. Die Besucher seien „ergriffen und begeistert“ gewesen – „es gab stehende Ovationen“. Ebenfalls die Begegnung mit dem Sänger der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinschaft sei durchweg positiv gewesen. „Auch der Imam war als Zuhörer dabei. Die muslimischen Vertreter waren sehr angetan von unserer Kirche – und dass sie sich auf uns eingelassen haben, ist nicht selbstverständlich.“

„The Armed Man“ von Jenkins – immer wieder Anlass für Kontroverse

Die Diskussion um Jenkins „Friedensmesse“ ist nicht neu. Bereits im Jahr 2013, so ist im christlichen Medienmagazin „Pro“ zu lesen, gab es eine Kontroverse um eine Vorführung des Werks in Konstanz. Die dortige katholische Pfarrei legte damals ein Veto gegen den Auftritt eines Muezzins ein, woraufhin dieser gestrichen wurde. Im Jahr 2009 wurde das Werk in Singen am Bodensee aufgeführt – inklusive Allahu-akbar-Ruf – und sorgte für heftige Kontroversen.

Andernorts ging das komplette Werk ohne Diskussion über die Bühne – und der Muezzin-Ruf wurde als Zeichen der Ökumene gelobt. Auch der Komponist Karl Jenkins selbst hat sich zu der Diskussion geäußert – er sprach im Jahr 2013 in der Zeitung „Die Welt“ von einem „Missverständnis dessen, worum es in dem Werk geht, nämlich einer Botschaft an alle Menschen, ungeachtet ihres Glaubens und ihrer Konfession“.

Auch für den Kantor Julian Handlos wäre die Aufführung einer gekürzten Konzertfassung ohne den islamischen Gebetsruf sinnlos gewesen. „Dann wäre die Botschaft doch genau das Gegenteil von dem, was die Messe uns sagen will“, ist er überzeugt. Beide bereuen nichts – im Gegenteil: „Diese ganze Diskussion zeigt doch, dass solche Konzerte und das Gespräch miteinander wichtiger sind denn je“, sagt Dorothee Eisrich.

In der Diskussion

Gebetsruf
Der sogenannte Azan ist der muslimische Aufruf zu den Pflichtgebeten. Die darin enthaltene Formel „Allahu akbar“, was „Gott ist überaus groß“ bedeutet, ist als Schriftzug auch ein Teil der Flaggen einiger muslimischer Länder – aber islamistische Milizen und Terrorgruppen verwenden den Ausruf auch als Schlachtruf.

Komponist
Karl Jenkins wurde im Jahr 1944 in Wales geboren, er ist Musiker und Komponist. Sein Stück „The Armed Man: A Mass for Peace“ ist zur Zeit des Kosovokrieges 1999 entstanden und dessen Opfern gewidmet. Es wurde vom Londoner Royal-Armouries-Museum in Auftrag gegeben und allein bis zum Jahr 2023 weltweit mehr als 3000 Mal aufgeführt.