Die deutsch-amerikanische Freundschaft soll aufblühen: Annie King-Close (links) besuchte Esslingen und Katrin Radtke, die Beauftragte für Städtepartnerschaften. Foto: Roberto Bulgrin

Einwohner der Partnerstadt Sheboygan tauschen sich regelmäßig in virtuellen Sprachchats mit Mitgliedern der Esslinger Feuerwehr aus. Nun haben sich zwei der Online-Gesprächspartner in der Neckarstadt erstmals persönlich getroffen.

Donald Trump bleibt außen vor. Über den ehemaligen US-Präsidenten haben sie nie geredet. Doch auch ohne ihn, sagt Annie King-Close, gingen die Gesprächsstoffe nie aus. Seit zwei Jahren trifft sich die Frau aus Esslingens US-amerikanischer Partnerstadt Sheboygan im Bundesstaat Wisconsin mindestens einmal monatlich im Online-Chat mit Christian Jüstel. Der Feuerwehrmann möchte durch diese virtuellen „Coffee Talks“ seine englische Sprachkompetenz verbessern. Zum 55-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft von Esslingen und Sheboygan ist Annie King-Close jetzt zusammen mit einer 18-köpfigen Delegation nach Esslingen gereist.

 

Viele deutsche Einwanderer

„Ja“ ist ein Wort, das sie in ihrer Heimatstadt sehr oft hört. Die deutsche Community, sagt Annie King-Close, sei groß. Viele Auswanderer würden in Sheboygan leben. Deutsche Nachnamen, deutsche Straßenbezeichnungen und ein paar deutsche Worte im Sprachgebrauch haben sich erhalten. Auch sie selbst habe über ein paar Ecken herum deutsche Wurzeln. Darum war sie Feuer und Flamme, als sie im Partnerschaftskomitee ihrer Heimatstadt von den „Coffee Talks“ erfuhr.

Den Esslinger Feuerwehrleuten brannte nämlich ein Problem unter den Nägeln, ergänzt Katrin Radtke als Beauftragte für Städtepartnerschaften der Stadt Esslingen. Denn es gingen vermehrt Notrufe nicht-deutscher Muttersprachler ein, die ihr Anliegen auf Englisch vermitteln wollten. Unter Zeitdruck, in der Stresssituation und angesichts drängender Notlagen taten sich manche Feuerwehrleute schwer mit der Verständigung. Sie wollten ihre Sprachkompetenz verbessern, Hemmschwellen abbauen, sicherer in der Fremdsprache werden, das Vokabular auffrischen. So wurde die Idee mit den „Coffee Talks“ geboren. Um Grammatik sollte es nicht gehen. Ein flüssigeres Sprechen stand im Vordergrund. Darum wurde der gemütlich-einladend klingende Name „Coffee Talks – Kaffeegespräche“ gewählt.

Traditionen in den Talks

So ganz passt die Bezeichnung aber nicht. Denn einen Kaffee trinkt Annie King-Close beim digitalen Talk nie. Dabei könnte sie die Koffeinspritze dringend gebrauchen. Denn die Unterhaltungen werden meistens in den Morgenstunden geführt – einer mit Blick auf die Zeitverschiebung für beide Gesprächspartner passenden Zeit. Doch für das Nippen an einer Kaffeetasse hätte sie keine Muße. Es gibt viel zu viel zu erzählen, sagt die Mutter zweier Kinder im Alter von drei und sechs Jahren. Urlaube, Freizeitaktivitäten, ganz alltägliche Dinge werden behandelt. Zufällig interessieren sie und ihr deutscher Counterpart sich beide für Hausrenovierungen. Aber auch über die Pflege von Traditionen wird gesprochen. Sie sei ganz erstaunt darüber gewesen, dass Ostern und Weihnachten in Deutschland ähnlich wie in den USA gefeiert werden.

Meist eine Stunde lang reden beide über Gott und die Welt, aber eben nicht über Donald Trump. Vielleicht sind die Talks auch deswegen so angenehm. Nebenbei erfährt Annie King-Close etwas über Deutschland, blickt über den eigenen US-amerikanischen Tellerrand hinaus, kann einem Feuerwehrmann bei seinem lebenswichtigen Job weiterhelfen. Sie interessiere sich für internationale Beziehungen, sei im Komitee für Städtepartnerschaften in Sheboygan aktiv – daher drängte sich eine Teilnahme an den „Coffee Talks“ geradezu auf.

Diplomatische Charakterstärke, Einfühlungsvermögen und Takt bringt Annie King-Close als persönliche Eigenschaften mit. Ihr Gesprächspartner habe sehr große Fortschritte im Englischen gemacht, lobt die sympathische Frau. Fehler korrigiere sie auf sanfte, unaufdringliche Weise. Sie sage etwa, dass in einem bestimmten Zusammenhang ein anderes Wort besser passen würde. Aber das tut sie mit Charme und ohne erhobenen Zeigefinger. Beim ersten analogen Zusammentreffen mit ihrem Gesprächspartner in Esslingen wurden ihre Erwartungen nicht enttäuscht – die kommunikative Chemie stimmte auch bei der persönlichen Begegnung. Sie war nur erstaunt, wie groß ihr Chat-Partner im wahren Leben ist. Denn online konnte sie sein Gardemaß natürlich nicht erkennen. Annie King-Close ist von Beruf Research Consultant, eine Art wissenschaftliche Referentin und Beraterin. Mit der Feuerwehr hat sie nichts am Hut. Das sei auch so gewollt, erklärt Katrin Radtke. Bei den Talks sollte nicht gefachsimpelt werden. Ziel sei es, die Alltagssprache zu optimieren und das Verständnis für das andere Land zu vergrößern.

Kein Fan des Oktoberfestes

Annie King-Close hat schon einige Erfahrungen in Deutschland gemacht. Die Schlangen beim Münchner Oktoberfest seien unendlich lang. Statt Bierzelt auf der Wiesn sei sie daher lieber in einen Biergarten etwas abseits ausgewichen. Nachhaltigkeit, sagt sie, werde in Deutschland mehr gepflegt als in ihrer Heimat. Und die deutsche Sprache sei schwer zu erlernen. Ein paar Wörter aber kennt sie dank der großen deutschen Community von zu Hause. „Ja“ zum Beispiel.

Esslingens Partnerstädte

Coffee Talks
An den „Coffee Talks“ nehmen nach Angaben von Katrin Radtke sieben Angehörige der Esslinger Feuerwehr und ein Mitarbeiter des Esslinger Stadtplanungsamtes teil. Geplant sei aber eine Ausweitung der nach ihrer Ansicht so erfolgreichen Idee. Städtepartnerschaften sollten ihrer Meinung nach nicht nur auf höchster Verwaltungs- und offizieller Ebene, sondern auch niederschwellig gepflegt werden.

Partnerstädte
Esslingen unterhält Partnerschaften mit insgesamt elf Städten, die quer über den Globus verteilt sind. 1958 wurde die Verbindung mit Vienne in Frankreich besiegelt. Die 1967 geschlossene Beziehung zu Sheboygan feiert in diesem Jahr ihr 55-jähriges Jubiläum. Partnerstädte befinden sich aber auch in Indien, Belarus, Ungarn, Großbritannien oder Schweden. Kontakte werden über gegenseitige Besuche, gemeinsame Projekte oder Schüleraustausche gepflegt. Mehr dazu unter www.esslingen.de unter dem Stichwort „Städtepartnerschaften“.