Szene aus „Sturm“ im Schauspielhaus Stuttgart Foto: JU_Ostkreuz

Shakespeares Alterswerk „Der Sturm“ zählt offiziell zu den Komödien. Doch Armin Petras verweigert in seiner dreistündigen Regiearbeit die finale Versöhnung. Der Regisseur zeigt im Schauspielhaus eine verdorbene Welt voller radikaler Machtmenschen.

Stuttgart - Sie schnaufen und japsen, sie rennen im Kreis in geduckter Haltung. Abstoßend und bemitleidenswert: Der hinkende Caliban in seinen grauen Fetzen, der tantenhaft watschelnde Ariel im Superhero-Dress; die viehisch trampelnde Miranda im Kinderkleid. In der Mitte des Kreises steht ihr Dompteur Prospero. Ein halbseidener Kerl mit strähnigem Haar im zerschlissenen Zaubermantel.

Fabelhaft: Julischka Eichel

Das starke Bild eröffnet am Freitag im Schauspielhaus Stuttgart Shakespeares „Sturm“. Es zeigt, wohin die Reise in Armin Petras’ Inszenierung geht – ins Nirgendwo. Wer im Kreis rennt, hat kein Ziel. Es gibt kein Entkommen von der Insel, diesem bis auf eine haushohe Wand kahlen Ort der Verdammnis (Bühne: Kathrin Frosch). Hier regiert Prospero, seit er, Herzog von Mailand, von seinem Bruder Antonio ins Exil gezwungen wurde. Die Ränke hatte er nicht bemerkt, weil er zu sehr mit seiner Wissenschaft beschäftigt war. Prosperos Tochter Miranda, vor zwölf Jahren mit ihm geflohen, weiß nichts von den Menschen, sie ist nicht von dieser Welt. Die fabelhafte Julischka Eichel interpretiert Miranda wild, ungebärdig. Sie imitiert die Sprechweise ihres Vaters (Manuel Harder), der harsch die Konsonanten knallen lässt, keine anerzogene Niedlichkeit ist in ihren Bewegungen. Wo hätte sie sich die auch abschauen sollen? Sicher nicht beim Luftgeist Ariel, den Paul Grill als sympathisch freiheitsliebende und ständig die Kostüme wechselnde Drag-Queen interpretiert; Rotz und Wasser heulend, wenn Prospero ihn daran erinnert, wie viel er ihm schuldet, seit er ihn aus einer verzweifelten Lage befreit hat. Und auch nicht bei Caliban, dem missgestalteten Hexenspross, den Prospero vergeblich zu erziehen versucht und verstoßen hat. Sandra Gerling spielt das Wesen mit gelbfauligen Zähnen und gefährlichem Blick, anrührend in dem Hass, der aus Trauer über zurückgewiesene Liebe zu Prospero erwuchs.

Beobachtet werden sie alle von Zeugen einer untergegangenen, womöglich würdevolleren Zivilisation: von menschengroßen Holzfiguren, anmutig und stumm. Umso lauter und peinlicher ist die Welt von heute. Wer auf eine Komödie gehofft hatte, unter der Shakespeares 1611 uraufgeführtes Werk offiziell firmiert, wurde enttäuscht (es waren wohl einige, wie die Buhs für den Regisseur vermuten lassen). Petras zeigt nur verrohte, verluderte Figuren. Die Welt ist ein Narrenfest voller flatterhaftem Tand. Prospero ist nicht wie etwa in Greenaways berühmter Verfilmung ein weiser feiner Herr. Manuel Harders Prospero ist ein eindrücklich rachelüsterner Wüterich, selbst eine halbe Bestie, schier irr geworden durch den Machtverlust. Auch seine adeligen Widersacher, die Ariels herbeigezauberter Sturm auf die Insel spült, kommen daher wie heruntergekommene Zirkusleute (Kostüme: Patricia Talacko). Sie tragen hohe Hüte zu Plateauschuhen und billig glänzende Anzüge.

Mord im Ku-Klux-Klan-Gewand

Alonso (Robert Kuchenbuch), Herzog von Neapel und Prosperos einstiger Erzfeind, ist ein tumber Gesell. Sein Bruder Sebastian wird von Manja Kuhl als zartes Dummerchen gespielt, das sich von Antonio (Abak Safaei-Rad), Prosperos Bruder, zum Mordversuch Alonso anstiften lässt. Sie reden sich, die die Nasen an Blumen des Bösen blutrot schnuppernd, in eine Mordslaune. Ein fieses Duo auch die Spaßvögel: Alonsos Diener Stefano (Peter René Lüdicke) und Trinculo (Horst Kotterba) sehen in Knobelbechern an den Füßen und beigefarbenen Shorts aus wie rechtsradikale Rentner auf Thailand-Urlaub. Von Caliban zum Mord an Prospero angestiftet, stülpen sie sich Ku-Klux-Klan-Hauben über die rotbackigen Gesichter. Stephano hält später dann aber auch noch eine Anklagerede über die verfehlte Dritte-Welt-Politik.

Umso nervtötender ist der Theaterkommentar, ohne den es offenbar einfach nicht geht in Stuttgart. Petras setzt sich selbstironisch mit Caliban gleich: Sandra Gerling steigt aus der Rolle aus und wechselt ins Regiefach, lässt Horst Kotterba und Peter René Lüdicke den Mordversuch wieder und wieder üben.

Mehr als den modischen Theaterkommentar und die Anspielung an erstarkende Rechtsradikalität leistet sich Petras nicht. Keine platt tagesaktuellen Bilder zu den Themen Flucht, Vertreibung, Exil – Petras geht es um Grundsätzliches: die Entfremdung von den eigenen Wurzeln, die verlorene, vielleicht auch nur vermeintliche vergangene heile Welt. Nach der Pause bombardiert Petras also das Publikum mit einem eindrucksvoll überfordernden Bildersturm. Er knallt auf zwei Leinwände dokumentarische Videos zum Brauchtum, dörfliche Hochzeiten von einst ebenso wie vor Großstadtkulissen tanzende Bräute. Bilder, die überlagert werden von apokalyptischen Szenen, die Prospero und Caliban auf einem Projektor herstellen und an die Wand im Zuschauerraum werfen. Ekelszenen, Todesmotive, die davon zeugen – weder eine „schöne neue Welt“ wird es je geben, wie sie bei Shakespeare propagiert wird, noch hat eine schöne alte Welt je existiert. Schon klar: Alle sind auf der Flucht, suchen vergeblich Sinn und Heimat.

Petras bleibt analytisch böse

Nicht einmal Liebesglück ist beständig: zwar haben Miranda und Ferdinand (wunderbar linkisch: Manolo Bertling) charmante Szenen, wenn sie sich Knall auf Fall ineinander verlieben. Doch während Petras den Untergang des Abendlandes an die Wände malt, sieht man auf der Drehbühne Wüstes – Miranda schneidet sich die Pulsadern auf.

In diesem Chaos ist kein Mensch rettbar, Petras bleibt dabei. Prospero vergibt zwar seinem Bruder Antonio, und er überlässt die Tochter Ferdinand, dem Sohn des Erzfeindes Alonso. Und er kehrt auch mit zurück nach Mailand, wo er wieder herrschen will. Kaum aber verschiebt sich der Boden, auf dem alle stehen, und entfernt sich in Richtung Bühnenwand, da kramt Prospero zwischen ihnen auf dem Boden liegend wie einst in seinen Büchern herum. Er merkt nicht, wie er schon wieder auch in wörtlichem Sinn ausgebootet wird. Caliban – traurige Verkörperung verfehlter Zivilisierungsbemühungen - sitzt in meditierender Haltung am Bühnenrand, lächelt fatalistisch über Prosperos Scheitern. Keiner entkommt seinen Dämonen. Eine düstere, kluge Diagnose einer ganz und gar unschönen Welt.

Die nächsten Vorstellungen: 19. und 28. Dezember; 12., 22. und 30. Januar. Karten: 07 11 / 20 20 90

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