Der sexuelle Missbrauch im Vaihinger Teilort Kleinglattbach (Kreis Ludwigsburg) steht vor der Aufklärung. Die Polizei nimmt einen 17-Jährigen fest. Wie ist die Stimmung im Ort? Wir haben uns umgehört.
Ein 17-Jähriger hat sich an einer Achtjährigen im Vaihinger Teilort Kleinglattbach sexuell vergangen – davon geht die Staatsanwaltschaft Heilbronn aus. Die Polizei nahm den Jugendlichen nach einer Hausdurchsuchung am Freitag fest. Sie war ihm im Zuge ihrer Ermittlungen auf die Spur gekommen. Der mutmaßliche Täter ließ sich widerstandslos festnehmen. Der Haftrichter am Amtsgericht Heilbronn wies ihn wegen einer geistigen Einschränkung in ein psychiatrisches Krankenhaus ein.
Ist der Jugendliche auch für Fälle im April verantwortlich?
Der 17-Jährige soll das Mädchen am Montagnachmittag auf dem Gelände der Ottmar-Mergenthaler-Realschule bedrängt haben. Ob er in Kleinglattbach auch am 12. und 14. April mehrere Kinder angesprochen und sich entblößt hatte, stehe noch nicht fest, teilte das Polizeipräsidium Ludwigsburg am Freitag gegen 16 Uhr mit. Weitergehende Auskünfte lehnte ein Pressesprecher nach Absprache mit der Staatsanwaltschaft Heilbronn wegen der laufenden Ermittlungen ab.
Noch am Mittag hielt die Nässe an dem verregneten Tag viele Eltern in dem Vaihinger Teilort nicht davon ab, gegen 12 Uhr ihr Kind von der Grundschule abzuholen. Die Sorge vor einem erneuten Vorfall war groß gewesen. Nach der Tat am Montag war in dem beschaulichen 4500-Einwohner-Ort das Sicherheitsgefühl bei vielen Eltern gesunken. Hinzu kam eine massive Präsenz überregionaler Medien. Einige Journalisten erhielten sogar einen Platzverweis, weil sie auf den Schulhof gegangen waren, um Schulkinder zu interviewen, teilte die Stadt mit. Eltern riefen in sozialen Medien zu Patrouillen und Wachgängen auf, eine große Boulevardzeitung sprach von einer Vergewaltigung und stellte die Frage, ob man Schulhöfe einzäunen solle.
Der Oberbürgermeister warnte vor „Spirale der Mutmaßungen“
Die Behörden mussten zwischen berechtigten Ängsten und panikgetriebenen Überreaktionen unterscheiden. Tatsächlich hatte es im April bereits ähnlichen Vorfälle gegeben, was ebenso angstverstärkend wirkte wie die Tatsache, dass der mutmaßliche Täter am Montag auch noch zwei zwölfjährige Mädchen im Ort sexuell anzüglich angesprochen haben soll. Der Oberbürgermeister Uwe Skrzypek nahm die Vorfälle von Anfang an ernst, wies aber auf die Zuständigkeit der Kriminalpolizei hin. Er mahnte am Mittwoch im Gemeinderat zur Besonnenheit. „Ich kann nur appellieren, nicht in eine Spirale der Mutmaßungen zu geraten.“
Von Ängsten waren einige der Eltern, die an diesem Freitagmittag ihr Kind von der Grundschule abholen wollten, weit entfernt. „Jetzt Panik zu schüren, wäre absurd“, sagte ein Vater, der anonym bleiben wollte. Die Polizei fahre ständig Streife, alle schauten hin – er glaube nicht, dass der Täter kurzfristig wieder aktiv werde. Schulhöfe abzusperren, um Kinder zu schützen, führe nicht weiter: „Solche Verbrechen ereignen sich leider immer dort, wo niemand hinsehen kann.“
Ein anderer Vater wollte wachsam bleiben. „Jedes Kind wird gerade abgeholt oder geht in Gruppen“, sagte Marjan Boshevski, der mit seiner Frau vor dem Auto auf seinen zehnjährigen Sohn wartet. Er halte den Täter für psychisch krank. „Er wird sein Verhalten nicht ändern und wird deshalb auch irgendwann gefasst.“
Kritik: Wurde die Situation zu sehr aufgebauscht?
Erleichtert reagierte der Kleinglattbacher Ortsvorsteher Matthias Siewert auf die Verhaftung des Tatverdächtigen. „Jetzt, so kurz vor den Pfingstferien und dem Maientag, ist Druck von uns genommen worden.“ Siewert hält aber eine psychische Aufarbeitung mit den Kindern für wichtig, „damit nichts bleibt“. Er lobte die Kindergärten, Schulleitungen und das Schulamt für ihre bisherige diskrete und professionelle Arbeit mit Betroffenen und Eltern. „Es war auch richtig, dass die Polizei Präsenz gezeigt hat.“ Patrouillen und Bürgerwehren – solche Gedanken führten in die Irre. „Am Ende sieht jeder nur noch Täter.“ Leider sei die Situation sehr aufgebauscht worden.
Siewert, der auch als Vorsitzender des Kreisverbands Ludwigsburg der Jugendzentren agiert, sieht die beste Prophylaxe darin, den Kindern Verhaltensweisen beizubringen, die Sexualtätern keine Angriffsflächen bieten. „In der Gruppe zur Schule und wieder nach Hause laufen, ist ein guter Schutz, aber auch im Ernstfall schreien, weglaufen oder bei Freunden klingeln.“ Auf keinen Fall sollten Kinder versuchen, sich in kritischen Situationen zu verstecken. Überhaupt sei das Mitgehen mit Fremden zu vermeiden. Er denke, dass die Eltern sensibilisiert seien und das richtige Verhalten mit ihren Kindern nun verstärkt einübten. Die Schulsozialarbeiter seien bereits eingebunden.
Erleichterung bei der Vaihinger Stadtverwaltung vor dem Maientag
Aufseiten des Schulträgers, der Vaihinger Stadtverwaltung, sei man von der Straftat sehr betroffen gewesen und habe die Ängste der Eltern verstanden, betonte die Pressesprecherin Astrid Kniep am Freitagnachmittag.„Wir sind total erleichtert, dass von uns allen jetzt die Angst abfällt, insbesondere vor unserem schönsten Stadtfest.“ Die Stadtverwaltung freue sich über den schnellen Fahndungserfolg der Polizei. Es sei richtig gewesen, auf deren Kompetenz zu verweisen. Deshalb habe man sich dem Appell der Polizei angeschlossen, keine Gerüchte zu verbreiten. „Wir waren uns auch mit den Fraktionen des Gemeinderats einig, dass der Vorfall nicht zum Wahlkampfthema gemacht werden sollte.“
Hinter den Kulissen sei an den Schulen viel an dem Problem gearbeitet worden, so Kniep. Es sollte nun Ruhe einkehren. Dies sei auch schon vor der Verhaftung in einem Brief an die Eltern deutlich gemacht worden. „Maßgeblich ist die Arbeit der Polizei, die für die Strafverfolgung zuständig ist.“