Schon wieder Staufen: 2018 stand die 48-jährige Mutter vor dem Landgericht, die ihr Kind im Internet für Vergewaltigungen angeboten hatte. Jetzt wird ein Pfadfinder-Betreuer des sexuellen Missbrauchs an Jungen verdächtigt. Foto: dpa

Ein Pfadfinder-Betreuer soll sich an mehreren Jungen vergangen haben. Er sitzt bereits in Haft.

Staufen - In der Kleinstadt Staufen im Breisgau gibt es offenbar erneut einen Fall von schwerem Kindesmissbrauch. Ein ehemaliger Pfadfinderbetreuer soll sich über Jahre an mehreren Jungen vergangen haben, wie die Sprecherin des Polizeipräsidiums Freiburg bestätigt. Der Mann, der etwa 40 Jahre alt ist, sitzt in Untersuchungshaft, er wurde bereits vor mehreren Wochen verhaftet. Er sei durch einen Hinweis aus der Bevölkerung aufgedeckt worden. Aus ermittlungstaktischen Gründen haben Polizei und Staatsanwaltschaft Freiburg bisher nicht über die Vorwürfe berichtet. „Die Jungen waren zu Beginn des Missbrauchs zwischen neun und zwölf Jahre alt“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Zu den Vorwürfen habe sich der Mann bisher nicht geäußert. Weitere Details sollen bei einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag in Freiburg bekannt gegeben werden.

„Wir sehen keinen Zusammenhang zu dem letzten Missbrauchsfall in Staufen“, betont die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. 2018 war bekannt geworden, dass ein Junge mehr als zwei Jahre lang missbraucht worden war. Seine Mutter hatte das Kind im Darknet für Vergewaltigungen angeboten und verging sich auch selbst an ihm. Die acht Täter aus Deutschland und dem Ausland wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, darunter auch die Mutter und ihr Lebensgefährte.

Der Stammesvorstand der katholischen Pfadfinder in Staufen ist schockiert

In Staufen ist das Entsetzen über die Festnahme groß. „Gerüchte gab es schon lange, das ist schockierend“, sagt Christoph Geng von den katholischen Pfadfindern St. Martin in Staufen. Er hofft auf eine schnelle Aufklärung. Es sei wichtig, solche Nachrichten in den Jugendgruppen anzusprechen und aufzuarbeiten. „Wir haben zusammen mit der Kirche ein Schutzkonzept entwickelt, das in Schulungen umgesetzt wird“, sagt der Vorstand des Pfadfinderstammes. Das sei als Reaktion auf den tragischen Missbrauchsfall von 2018 entwickelt worden. Verstärkt habe man das bereits geltende Prinzip beachtet, dass niemals ein Leiter mit einem Kind oder Jugendlichen allein sein darf. „Es müssen immer mindestens drei Personen anwesend sein.“

Bei dem verdächtigen Mann handele es sich um einen früheren Mitarbeiter der evangelischen Kirchengemeinde Staufen, bestätigte die Evangelische Landeskirche in Baden. Er arbeite seit mehreren Jahren nicht mehr bei der Kirche. Der Fall werde nun aufgerollt, die Kirche kooperiere mit den Ermittlern. Die Kirche rief außerdem Betroffene und Eltern dazu auf, Kontakt mit der Beratungsstelle Wendepunkt in Freiburg aufzunehmen. Dort stehe ein Psychotherapeut bereit, um zu helfen.

Eine Kampagne gegen Missbrauch im Sport ist gerade angelaufen

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die im Auftrag der Bundesregierung handelt, fordert, stärker alle Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen zu durchleuchten. Sexuelle Gewalt geschehe in derFamilie, in Institutionen, in der Freizeit und auch beim Sport, heißt es in einer Presse­mitteilung vom Montag. Aktuell läuft eine Kampagne, um Missbrauch im Sport aufzuarbeiten.

Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission, betont: „Aus den Berichten der Betroffenen geht hervor, wie häufig das nahe Umfeld und die gesamte Gesellschaft versagt haben und Kinder nicht geschützt wurden.“ Seit Mai 2016 haben sich knapp 1700 Betroffene bei der Kommission gemeldet. Es wurden rund 900 vertrauliche Anhörungen durchgeführt und 300 schriftliche Berichte ausgewertet.

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