Ein Mann hat vor einem Monat eine Frau in einem Gebäude an der Immenhofer Straße sexuell bedrängt. Die 28-Jährige hofft, dass der Täter bald geschnappt wird. Nur durch eine List konnte sie sich in Sicherheit bringen.
Eine junge Frau betritt kurz vor 2.30 Uhr in der Früh den Hausflur, nach einem schönen Abend mit Freunden freut sie sich auf ihr Bett. Sie trägt keine Kopfhörer, hat ausnahmsweise keine Musik auf den Ohren. Und so bemerkt sie nach wenigen Metern, dass die Eingangstür nicht wie gewohnt hinter ihr ins Schloss fällt. Als sie sich umdreht, weiß sie auch warum: Hinter ihr steht ein 1,65 bis 1,70 Meter großer Mann mit normaler Statur. Auffällig ist vor allem ein grob gestochenes Kreuztattoo unter einem Auge. Die 28-Jährige, die etwas kleiner ist als der Mann, will, dass er das Gebäude verlässt, bringt das auch deutlich zum Ausdruck. Er denkt nicht daran, berührt sie an der Schulter und spricht sie in gebrochenem, aber verständlichem Deutsch an. Der Mann, der einen osteuropäischen Akzent hat, macht ihr Komplimente, zugleich fordert er sie mehrfach zu sexuellen Handlungen auf. Sie zeigt ihm immer wieder die Grenzen auf, betont, dass sein Verhalten alles andere als in Ordnung ist.
Frau greift zu einer List
Tausende Gedanken schießen ihr in diesem Moment durch den Kopf. Soll sie schreien? Oder versuchen, in den dunklen Hinterhof zu flüchten? Was ist, wenn sie stolpert? Und, wie reagiert ihr Gegenüber dann jeweils? Letztlich greift die Frau zu einer List – und spricht den Mann in aller Ruhe an. „Hey, weißt du was, ich komm mit dir erst einmal raus“, lauten ihre Worte. „Das hätte allerdings auch nach hinten losgehen können“, sagt sie. Die Frau hat Glück im Unglück. Beim Verlassen des Gebäudes erblickt sie zwei Männer und eine Frau – und ruft um Hilfe. Das Trio kommt sofort zu ihr, schlägt den Täter in die Flucht und alarmiert die Polizei. „Ich bin den drei jungen Menschen, die mir geholfen haben, noch immer unendlich dankbar. Durch sie habe ich mich auf einen Schlag wieder sicher gefühlt.“
Die sexuelle Belästigung hat sich bereits in der Nacht zum Samstag, 7. Dezember, im vergangenen Jahr an der Immenhofer Straße in Stuttgart-Süd ereignet. Auch rund einen Monat nach der Tat ist der Mann noch nicht gefasst. „Mir wäre eine Verhaftung sehr wichtig“, sagt die 28-Jährige. „Solche Vorfälle dürfen nicht ignoriert werden. Sein Verhalten war übergriffig und bedrohlich. Was er getan hat, war vermutlich nur ein erster Schritt, wie ein zweiter aussehen könnte, möchte ich mir gar nicht ausmalen.“ Ihr gehe es primär darum, andere Frauen zu schützen und sie vor der potenziellen Gefahr zu warnen. Denn der Übergriff ging an der jungen Frau nicht spurlos vorüber.
Nach der Tat Psychologen aufgesucht
Noch in derselben Nacht habe sie trotz toller Betreuung durch ihren Freund, der Sozialarbeiter ist, einen Nervenzusammenbruch erlitten. Darüber hinaus geht sie seit dem Vorfall nachts nicht mehr allein nach Hause. Tipps, wie dunkle Straßenzüge meiden und dafür lieber beleuchtete Umwege in Kauf nehmen, hätten in ihrer Situation nicht geholfen. Anderen Frauen empfiehlt sie daher, schon zu Beginn des Abends abzuklären, wie man sicher heimkommt oder wer wen begleiten kann. „Man sollte keine Scheu haben, dem Umfeld dies auch so mitzuteilen.“ Darüber hinaus rät sie Opfern, sich professionelle Hilfe zu holen und sich zu öffnen. Sie sei generell keine ängstliche Person, habe aber nach der Tat einen Psychologen aufgesucht. Unter anderem sei in ihr ein riesiger Selbsthass aufgestiegen, weil sie ihn nicht direkt attackiert habe. „Letztlich war es wohl die bessere Lösung. Aber es hat sich angefühlt, als hätte ich versagt.“
Marc Reinelt von der Stabsstelle der Kommunalen Kriminalprävention der Stadt Stuttgart betont, dass die junge Frau genau richtig gehandelt habe. „Sie hat auf sich aufmerksam gemacht und sich Hilfe gesucht.“ Es gebe aber keine allgemeingültige Empfehlung, wie man sich in solch einer Situation verhalten soll. Die Stadt biete gemeinsam mit der Polizei jedoch kostenlos den Selbstbehauptungskurs „Mit mir nicht!“ an. „Grundsätzlich geht es darum, den Teilnehmerinnen zu verdeutlichen, dass sie mit vergleichsweise einfachen Mitteln Situationen deeskalieren respektive vermeiden“, sagt er.
Stimme, Mimik und Gestik werden trainiert
Trainiert werde das Auftreten. „Stimme, Mimik, Gestik – diese Mittel hat jede Frau bei sich, sie werden von erfahrenen Konflikttrainern herausgearbeitet.“ Zudem sei ein Ziel des Kurses, Gefährdungslagen besser einschätzen und entsprechend reagieren zu können. „Auch wenn es schön wäre, wenn wir keine opferbezogenen Hinweise mehr geben müssten, so sind diese doch sehr erfolgversprechend“, sagt Reinelt. Er merkt an, dass Stuttgart die zweitsicherste Großstadt mit mehr als 500 000 Einwohnern Deutschlands ist. „Auf struktureller Ebene arbeiten Stuttgarter Nachtmanager, die Clubbetreiber und wir als Kommunale Kriminalprävention daran, das Nachtleben noch sicherer zu gestalten.“ Ein Beispiel seien hier die Nachtbojen. Einrichtungen wie Bars und Gaststätten, die sich am Projekt beteiligen, stehen als Anlaufstelle für Hilfesuchende bereit.
Der Kurs „Mit mir nicht!“ ist per E-Mail an kriminalpraevention@stuttgart.de buchbar, weitere Infos zum Thema gibt es unter https://sichersauberstuttgart.de/nachhauseweg .
Anzeige erstatten?
Psychische Belastung
Die Entscheidung für oder gegen eine Anzeige sei für viele Betroffene von sexueller Gewalt eine schwierige, sagt Marc Reinelt von der Stabsstelle der Kommunalen Kriminalprävention der Stadt Stuttgart. Einerseits möchte man weitere Taten verhindern und diese bestraft sehen, anderseits gehen mit Strafverfahren jedoch damit immer psychische Belastungen einher. „Aus strafrechtlicher Sicht ist es immer sinnvoll, eine Anzeige zu stellen.“
Beratungsstellen
Es könne dennoch sehr hilfreich sein, sich bei dafür qualifizierten Beratungseinrichtungen wie zum Beispiel bei Fetz (https://frauenberatung-fetz.de/) beraten zu lassen, um zur individuell bestmöglichen Entscheidung zu gelangen. Zudem gebe es auch bei der Polizei Opferschutzexpertinnen und -experten, die eine Betroffene weiterverweisen können. „Am Ende ist elementar, dass nach den Wünschen der Betroffenen agiert wird“, so Reinelt.