Strümpfe, Schuhe, Leder – wenn Kleidung oder Dinge des Alltags das Sexleben befeuern, ist das mitunter ein großer Spaß. Doch der Lustgewinn der Fetische liegt im feinen Unterschied zwischen Schärfe und Würze.
München - Die Welt der Fetische ist weit gefasst: Stoffe, Schuhe, Strümpfe und Gegenstände des Alltags – und manche werden mit sexueller Lust verknüpft. Ein großer Spaß, solange es beim Spaß für alle Beteiligten bleibt.
„Ein Fetisch ist im Normalfall ein unbelebtes Objekt, das als sexueller Stimulus dient“, sagt die Sexualtherapeutin Heike Melzer aus München. „Latex, Leder, Seide, eine bestimmte Form von Nylon, Sportkleidung, bestimmte Formen von Schuhen. Es kann ein bestimmtes Material, ein Stoff sein – manchmal gekoppelt an ein Körperteil oder eine bestimmte sexuelle Praktik.“
Die Füße von Quentin Tarantino
Berühmt ist beispielsweise der Fetischismus von US-Regisseur Quentin Tarantino, der seiner Vorliebe für nackte Frauenfüße in schöner Regelmäßigkeit ein filmisches Denkmal setzt. Ob die inhaltliche Auseinandersetzung mit einer Fußmassage, barfuß Tanzen („Pulp Fiction“) oder gegen Windschutzscheiben gepresste schmutzige Fußsohlen („Once upon a Time in Hollywood“) – Tarantino verschwendet bei seinen Darstellerinnen kaum Produktionsbudget für schicke Schuhe. „Der Fuß ist oft an andere Dinge gekoppelt“, erklärt Melzer. „Welche Strümpfe? Was für ein Schuh? Der Fuß wird oftmals nicht singulär gesehen, sondern eben auch mit dem, was ‚dazu gehört‘.“
Der Unterschied zwischen Vorliebe und Fetisch
Sauer stößt Melzer der inflationäre Gebrauch des Begriffs auf: „Das ist momentan eine Unsitte“, sagt die 56-Jährige. „Sex im Freien zum Beispiel: Das ist eine Vorliebe, kein Fetisch.“ Und außerdem: Einen Fetisch zu haben und ihn zu pflegen, das sei nichts Schlimmes, nicht mal sonderlich anrüchig. Weit verbreitet seien da beispielsweise die Lust an Strümpfen, Schuhwerk, Dessous und ähnlichen Kleidungsstücken. Wichtig sei, dass sich Topf und Deckel treffen und gemeinsam (legalen) Spaß daran haben und sich gegenüber mit offenen Karten spielen.
Archaische Rollenverteilung
Dabei gebe es eine Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern. „Die Männer haben die Fetische, die Frauen bedienen sie“, sagt Heike Melzer. Es sei die Verknüpfung von Objekten mit einem sexuellen Reiz, eine optische Fixierung. Grob gesagt: Männer suchen Anzeichen von sexueller Bereitschaft und flippen vor Freude aus, wenn sie ein Dirndl, hohe Schuhe oder eng anliegende Kleidung an Frauen sehen. „Frauen nutzen das eher als Köder“, erklärt Melzer. „Sie adaptieren sich und bedienen diesen Fetisch. Sie können manchmal aber nicht richtig differenzieren, ob das ihr eigener Fetisch ist oder ob sie den Push-Button ihres Partners gefunden haben.“
Frauen bevorzugen eher Statusfetische
Während das Internet, die einschlägigen Communitys wie Joyclub voll mit männlichen Objekten der Begierde sind, hört man eher selten von Frauen, die Bilder von Männern in Ledertangas super finden. „Frauen pflegen eher Statusfetische – Uniformen mit Abzeichen, Rolex, schnelle Fahrzeuge, rahmengenähte Schuhe, schöne Hände, maßgeschneiderte Anzüge“, sagt Heike Melzer.
„Angenommen jemand steht auf High Heels und hat eine Frau gefunden, die diesen Fetisch gerne bedient, dann passt das wie der Schlüssel ins Schloss. Man zelebriert das gemeinsam – hier ist kein Leidensdruck vorhanden.“
Probleme beginnen beim Leidensdruck
Denn beim Leidensdruck fängt das Problem mit den Fetischen an: In der Psychologie wird zwischen aktivem und passivem Leidensdruck unterschieden. Letzterer besteht bei Partnern, die den Fetisch ihres Gegenübers nicht teilen mögen. Sie fühlen sich nicht selten in der Beziehung neben dem Fetisch auf eine Statistenrolle reduziert.
Aktiver Natur ist der Leidensdruck, wenn sich Menschen beispielsweise für ihren Fetisch schämen oder deshalb keinen Partner finden können. Oder ihr Leben nicht mehr normal führen können, ohne ständig in Erregung zu verfallen. „Manchmal ist der Fetisch aber schon sehr gewöhnungsbedürftig und atypisch, da müsste man den Sechser im Lotto haben, um sein Gegenstück zu finden“, sagt Melzer. Dieses Vakuum im Internet zu bedienen ist heute problemlos möglich. Also, fast problemlos.
Konditionierung durch Pornos
„Wenn ich mir sehr viel Pornografie im Internet anschaue, dann füttere ich mein Gehirn mit neuen Lerninhalten, und über Neuroplastizität bauen sich im Gehirn dazu Straßen aus, ähnlich wie wenn ich eine neue Sprache lerne“, sagt Heike Melzer. „Irgendwann wird aus einem neutralen Reiz ein konditionierter Reiz, der mit Sexualität verknüpft wird.“
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Kein Hunger ohne Fetisch
Vergleichbar sei das mit dem Pawlow’schen Hund. Der wurde so lange konditioniert, dass er Hunger bekam, sobald ein Tonsignal eingespielt wurde. Im gleichen Maße gibt es auch Fetischisten, deren Alltag nur noch Tonsignalen besteht – mitunter eben durch eine sich wiederholende Kombination von sexuellen Reizen der Pornografie in Kombination mit dem entsprechenden neutralen Reiz des Fetisch. Manche stumpfen derart ab, dass sie ohne Fetisch gar keinen Hunger auf Sex mehr verspüren.