Wenn der Nachwuchs flügge wird, kommen Sorgen über ungewollte Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten auf. Was Eltern wissen sollten, bevor sie ein Aufklärungsgespräch führen.
Wenn das eigene Kind zum ersten Mal richtig verliebt ist, tun sich für Mütter und Väter viele Fragen auf. Kennt der Nachwuchs seine eigenen Grenzen und weiß er genug über Verhütung? Wie sollten Eltern diese Themen bei Sohn und Tochter ansprechen? Wanda Mesam und Barbara Wittel von der Beratungsstelle Pro Familia in Stuttgart haben dazu eine klare Meinung.
Frau Mesam, Frau Wittel, müssen Eltern ihr Kind aufklären?
Mesam: Sexualaufklärung und sexuelle Bildung ist wichtig, weil Wissen Kinder und Jugendliche schützt. Eine aktuelle Studie vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit hat herausgestellt, dass beim Thema Sexualität der Schulunterricht die wichtigste Aufklärungsquelle ist. 78 Prozent der Jugendlichen geben an, in der Schule Wissen über Sexualität und Verhütung erhalten zu haben. Dennoch bleiben die Eltern mit 64 Prozent die wichtigsten Ansprechpersonen für Jugendliche, Lehrkräfte kommen hier auf 45 Prozent. Laut Bildungsplan ist in der vierten Klasse die Geschlechtserziehung dran. Unserer Erfahrung nach sind Kinder, die vorher schon mal mit ihren Eltern darüber geredet haben, dabei viel offener.
Wittel: Das Reden allein ist es aber nicht. Es ist die Haltung, die die Eltern leben. Denn das Kind schaut sich ab, wie mit bestimmten Themen umgegangen wird. Wenn ein sehr prüdes Paar nie über sich, Gefühle und den Körper spricht, aber dann einmal ein Aufklärungsgespräch führt, dann würde das, glaube ich, verpuffen. Umgedreht könnte es sein, dass in einer Familie, in der nie ein Aufklärungsgespräch stattfindet, aber viel über den Körper und Gefühle gesprochen wird, sowieso alles schon gesagt ist.
In welchem Alter sollten Eltern ihre Kinder aufklären?
Mesam: Häufig haben Kinder schon in den ersten Lebensjahren Fragen zu ihrem Körper und zur Liebe. Und sie haben von Anfang an ein Recht auf Antworten. Das heißt nicht, dass man mit kleinen Kindern über Sex reden sollte. Aber Sex ist kein Synonym für Sexualität. Das verwechseln viele Menschen. Wichtig ist es, seine Antworten immer altersgemäß zu formulieren. Eine gute Formel ist: Je jünger das Kind, desto kürzer die Antwort.
Und wann sollten Eltern mit ihrem Kind über Sex sprechen?
Mesam: Vermutlich ist es den meisten Kindern und Jugendlichen unangenehm, wenn die Eltern plötzlich sagen: „Jetzt sprechen wir über Sex.“ Einfacher ist es, es situationsbedingt einfließen zu lassen. Dann, wenn man im Alltag zufällig auf dieses Thema kommt. Zudem sollten Eltern ihren Kindern immer signalisieren: „Wir können auch über Sex sprechen. Wenn du da Fragen hast, kannst du auf mich zukommen.“
Wittel: Manche Eltern bedienen sich auch eines Tricks und reden über irgendeine Erfahrung. Zum Beispiel über ein Mädchen, das nicht „nein“ gesagt habe, obwohl sie hätte „nein“ sagen wollen. Manchmal ist es leichter, über dritte Personen zu sprechen, auch wenn es vielleicht fiktiv ist. So vermeidet man, dass es peinlich wird.
Welche Themen sollten Eltern unbedingt platzieren?
Mesam: Die Dinge, die während der Pubertät unweigerlich passieren. Dabei sollten Eltern nicht nur die erste Periode der Tochter auf dem Schirm haben, sondern auch die erste Erektion und den ersten Samenerguss des Sohnes. Diese Themen fallen manchmal hinten runter.
Wittel: Das ist ein wichtiger Punkt. Gerade bei Jungen schweigen Eltern manchmal lieber, anstatt einfach zu sagen: „So etwas kann passieren. Und wenn es passiert, dann ziehen wir einfach die Bettwäsche ab.“ Man sollte so nüchtern wie möglich drüber sprechen, informieren, Wissen vermitteln – und versuchen, der Peinlichkeit aus dem Weg zu gehen.
Mesam: Eltern sollten auch die Schattenseiten der Sexualität thematisieren, also zum Beispiel sexuelle Übergriffe und Missbrauch. Spätestens, wenn das Kind ein eigenes Smartphone hat, sollte es auch über potenzielle Gefahren im Internet Bescheid wissen, wie beispielsweise Cybergrooming, Pornografie und Sexting.
Informieren sich Jugendliche im Internet über Sex und Sexualität?
Mesam: Ja, und da erleben wir, wie viele falsche Informationen im Netz kursieren. Ich habe von Jugendlichen schon gehört, dass man ein Kondom wiederverwenden kann, wenn man es in der Waschmaschine wäscht. Es ist eine wichtige Aufgabe von Eltern, Lehrkräften und Fachkräften der sexuellen Bildung, dass man Jugendlichen hilft, diese Informationen nach richtig und falsch zu sortieren.
Was erleben Sie bei Ihren Veranstaltungen mit Jugendlichen?
Mesam: Die Kinder in unseren Veranstaltungen sind mindestens in der vierten Klasse, überwiegend machen wir Veranstaltungen mit Siebt- und Achtklässlern. Für die meisten sind Sexualität und Sex aufregende Themen. Aber es gibt auch diejenigen, die damit noch gar nichts zu tun haben wollen. Meistens bringen sie aber viele Fragen mit. Uns ist wichtig, dass es ein freiwilliges Angebot bleibt. Wer sich nicht einbringen will, muss es nicht. Und wir wollen das Thema positiv darstellen, zeigen, dass es auch Spaß machen kann, darüber zu reden, und dass man keine Angst haben muss vor der Pubertät und Liebeskummer.
Zurück zu Elternperspektive: Welche Fehler sollten Mütter und Väter vermeiden, wenn sie mit ihren Kindern über Sexualität und Sex reden?
Mesam: Auch da finde ich die Freiwilligkeit wichtig. Eltern sollten einem Kind das Thema nicht aufzwängen. Wenn ein Kind nicht darüber reden will, muss man das respektieren. Wenn Eltern da über die Grenzen gehen, ist das definitiv die falsche Botschaft. Denn Eltern sollten ja gerade wollen, dass der Nachwuchs lernt, solche Grenzen zu akzeptieren. Man kann dann alternativ altersentsprechende Literatur zur Verfügung stellen. Dann kann das Kind entscheiden, ob und wann es sich damit beschäftigen will. Auf keinen Fall sollten Eltern mit erhobenem Zeigefinger sprechen oder gar ihren Kindern Angst machen, indem man Themen wie Geschlechtskrankheiten oder eine ungewollte Schwangerschaft zu sehr betont.
Sollte die Mutter mit der Tochter und der Vater mit dem Sohn reden?
Mesam: Natürlich haben Geschlechterrollen einen Einfluss darauf, wie wir zu gewissen Themen stehen. Es kann wertvoll sein, etwas aus einer Frauen- oder Männerperspektive erzählt zu bekommen. Aber viel wichtiger ist, dass man den Themen gegenüber grundsätzlich offen ist. Studien zeigen, dass die Mütter häufiger die Ansprechperson sind. Ich plädiere dafür, dass Eltern das als gemeinsame Verantwortung ansehen.
Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind mit ihnen über ihr erstes Mal reden möchte?
Mesam: Wenn das tatsächlich passiert, ist viel gewonnen, weil es eine riesige Wertschätzung der Eltern ist, wenn sich das Kind bei so einem Thema anvertraut. Das würde ich dem Kind gegenüber aussprechen. Und dann versuchen, gelassen zu bleiben. Zuhören ist wichtig. Wenn man überrumpelt ist, muss man nicht sofort Rede und Antwort stehen. Eltern können sich bei diesem Thema ruhig etwas Zeit nehmen. Und könnten dann zum Beispiel mit einigen Mythen rund um das erste Mal aufräumen. Zum Beispiel damit, dass das erste Mal immer wehtut oder dass man beim ersten Mal nicht schwanger werden kann. Verhütung ist ein wichtiges Thema. Noch wichtiger ist es aber, über Gefühle zu sprechen.
Wittel: Ehrlich gesagt, glaube ich, dass selbst bei dem besten Verhältnis die wenigsten Kinder mit ihren Eltern über ihr erstes Mal reden wollen. Ich denke, dieses Thema betrifft den eigenen intimen Raum, den die Kinder für sich wahren. Da wollen sie die Eltern nicht dabei haben. Das muss man akzeptieren. Der Erziehungsanteil besteht darin, über Verhütung und Grenzen zu sprechen. Das erste Mal ist dann – hoffentlich – ein ganz persönliches Glück. Und die meisten Jugendlichen sind da auch schon erwachsen.
Gemäß der aktuellen Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, sind die meisten jungen Menschen 19 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Mal erleben. Bei der letzten Erhebung 2019 waren die meisten 17 Jahre alt. Woran liegt es, dass junge Menschen immer später sexuell aktiv werden?
Mesam: Die meisten junge Menschen geben an, dass es ihnen wichtig ist, das erste Mal mit einer Person zu erleben, zu der man wirklich Gefühle hat und mit der man in einer Beziehung ist. Und so eine Person zu finden und Vertrauen aufzubauen, das erfordert Zeit.
Wittel: Vielleicht hat auch die ganze Entwicklung rund um das Smartphone dazu geführt, dass man sich weniger in Gruppen aufhält, dass die Lebenswelt der jungen Menschen individualisierter ist, und dass bestimmte soziale Prozesse sich verändert haben und verlangsamt stattfinden.
Mesam: Womöglich hat es auch mit einer besseren Aufklärung zu tun, dass wir offener über dieses Thema und mehr über Grenzen und Konsens sprechen. Das haben Jugendliche heute mehr auf dem Schirm. Sie können darum besser eigenverantwortliche Entscheidungen treffen und lassen sich nicht unter Druck setzen.
Wo bekommen Eltern Hilfe, die mit ihrem Kind über Sex und Sexualität reden wollen, aber keinen guten Zugang finden?
Wittel: Wie gesagt, das Thema wird von frühester Kindheit an vermittelt. Ich verstehe aber sehr gut, wenn Eltern irgendwann an einen Punkt kommen, wo sie nicht wissen, wie sie das Gespräch in der eigenen Familie gestalten möchten. Eltern können sich gerne bei uns melden und mit jemanden von uns darüber sprechen.
Mesam: Pro Familia bietet für Jugendliche, aber auch für Eltern und Bezugspersonen Beratung an. Wobei Jugendliche nicht unbedingt von selbst in eine Beratungsstelle gehen. Beliebter sind Informationen im Internet. Auch hier bieten wir viele digitale Infos und Online-Beratungen. Auch queere Jugendliche können mit ihren Themen zu uns kommen. Für sie gibt es in Stuttgart weitere Beratungsmöglichkeiten wie zum Beispiel das Zentrum Weißenburg.
Zur Person
Barbara Wittel
Die 60-jährige Diplom-Pädagogin ist die Geschäftsführerin von Pro Familia Stuttgart. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Paar- uns Sexualtherapie sowie die Supervision.
Wanda Mesam
Die 28-jährige Sozialpädagogin ist bei Pro Familia Stuttgart zuständig für die Bereiche Schwangerschaftsberatung, Schwangerschaftskonfliktberatung und sexuelle Bildung.