Der Trainer, der beim SV Fellbach acht Jugendliche über Jahre sexuell missbraucht haben soll, muss ins Gefängnis. Viele fragen sich, was man gegen solche Fälle tun kann – Matthias Reinmann vom Württembergischen Landessportbund (WLSB) hat Antworten.
Acht Jugendliche sind beim SV Fellbach über Jahre Opfer sexueller Übergriffe geworden. Der Täter war ein Mann, dem sie vertraut haben – ihr Trainer. Der Sportökonom Matthias Reinmann beschäftigt sich als Sportjugendreferent bei der Württembergischen Sportjugend im Landessportbund seit sechs Jahren mit der Prävention und Bewältigung solcher Fälle. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie Eltern und Vereine eine Atmosphäre schaffen können, die Kinder und Jugendliche vor solchen Erfahrungen schützt.
Wie oft erleben Kinder und Jugendliche im Sport sexualisierte Gewalt?
Schätzungen aus dem Jahr 2003 zufolge erlebt jedes dritte bis vierte Mädchen und jeder neunte bis zwölfte Junge unter 18 Jahren sexualisierte Gewalt. In Fellbach hat der Trainer sich ausschließlich Jungen ausgesucht – das bestätigt eine Erkenntnis, die sich seit einem Runden Tisch von Experten im Jahr 2010 durchsetze, sagt Matthias Reinmann: „Missbrauch an Jungen kommt sicher häufiger vor, als man bisher angenommen hat.“
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Ist die Sensibilität für Gewalt gegenüber Jungs weniger ausgeprägt?
Der raue Umgangston in vielen Sportvereinen wird Jungs gegenüber eher toleriert als bei Mädchen – der Übergang zu psychischer Gewalt ist dabei fließend. „Wichtig wäre, dass man diese alten Rollenbilder nicht mehr weiter bedient“, erklärt Sportökonom Matthias Reinmann.
Was meint man, wenn man von sexualisierter Gewalt spricht?
Fachleute unterteilen sexualisierte Gewalt in drei Stufen: Die häufigste Form von sexualisierter Gewalt im Breitensport ist Matthias Reinmann zufolge psychischer Druck auf Kinder und Jugendliche, etwa in Form von abfälligen Bemerkungen oder Erniedrigungen. Bei Befragungen gaben 80 Prozent an, schon einmal Opfer solcher Bemerkungen geworden zu sein. Die zweite Stufe ist erreicht, wenn wiederholt die Grenzen eines Kindes verletzt werden – beispielsweise durch unangemessene Berührungen. Die dritte Stufe ist dann das, was Eltern am meisten fürchten: Körperkontakt gegen den Willen des Kindes in Form von Umarmungen, Küssen, unerwünschten Berührungen oder Schlimmeres.
Was bringt ein Schutzkonzept bei Vereinen tatsächlich?
Tatsächlich gibt es bisher keine wissenschaftlichen Studien dazu, ob Schutzkonzepte von Sportvereinen sexualisierte Gewalt und erst recht einen Missbrauch verhindern können. Am Deutschen Jugendinstitut beginnt zurzeit die erste Studie, die diese Frage an Schulen untersucht. Matthias Reinmann ist dennoch fest von der Effektivität eines solchen Konzepts überzeugt: „Aber es ist nur dann wirksam, wenn der Verein es auch mit Leben füllt.“ Wichtig sei, dass die Prävention nicht von oben verordnet werde, sondern Eltern und vor allem Kinder mit einbezogen werden – allerdings ohne dass man ihnen Angst mache. Der Verein könnte die Kinder fragen, wo sie sich wohlfühlen und wo nicht. Und ihnen ein Ampelsystem zur Bewertung zur Hand geben – Grün für Situationen, die okay sind, Rot für Erlebnisse, die schmerzhaft waren. Eine solche Risiko-Analyse ist aus der Sicht von Matthias Reinmann der Kern effektiver Prävention. Dazu gehört, dass auch das Vereinsgelände einer Prüfung unterzogen und sicherer gestaltet wird.
Bei welchen Signalen sollten Eltern hellhörig werden?
Wenn ein Kind sich plötzlich anders verhält, kann das ein Signal sein, dass es etwas Verstörendes erlebt hat. „Kein Kind, das Missbrauch erlebt hat, ist hinterher noch das gleiche“, sagt Reinmann. Eltern sollten sich bewusst sein, dass Übergriffe selten durch Fremde passieren. Meistens kennt das Kind den Täter und vertraut ihm. Denn Täter verwenden viel Zeit auf das Anbahnen.
Gegen welche Strategien der Anbahnung kann ich mein Kind wappnen?
Der Fellbacher Täter hat beispielsweise seine Opfer mit Gutscheinen für Amazon oder Sportgeräten beschenkt und dann von ihnen Gefallen eingefordert. Matthias Reinmann rät Eltern deshalb, so eine Situation mit den Kindern durchzuspielen – und ihnen klarzumachen, dass sie zu keinen Gegenleistungen verpflichtet sind. Hellhörig sollte man auch werden, wenn Kinder anders behandelt werden als der Rest der Mannschaft.
Was ist der wichtigste Tipp?
Der allerbeste Schutz, sagt der Vater zweier Töchter im Alter von fünf und acht Jahren, sei allerdings, zu Hause eine Atmosphäre zu schaffen, in der über Sexualität unverkrampft gesprochen wird und Kinder lernen, dass sie über ihren Körper selbst bestimmen können. Matthias Reinmann nennt das „intelligenten Ungehorsam“. Das kann zwar dazu führen, dass das wehrhafte Kind von älteren Erwachsenen als unhöflich oder frech empfunden wird – aber dafür sinkt sein Risiko, Übergriffe zu erleben.
Hilfe im Fall der Fälle
Prävention
Die Deutsche Sportjugend (DSJ) hat eine Anlaufstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt. Die vier Ansprechpartnerinnen sind unter der E-Mail-Adresse psg@dsj.de erreichbar.
Aufarbeitung
Seit 2016 gibt es eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt. Auf der dazugehörigen Internetseite www.aufarbeitungskommission.de kommen nicht nur Experten, sondern auch Betroffene zu Wort.