Das Frauenkollektiv Stuttgart beklagt „Angsträume“ in Stuttgart. Wo passieren die meisten Sexualdelikte im öffentlichen Raum?
Stuttgart - Das „Frauenkollektiv Stuttgart“ hat mit einer Umfrage sowie öffentlichen Aktionen auf „Angsträume“ für Frauen in der Stadt hingewiesen, etwa den Mittleren Schlossgarten. Der Jugendrat hat für Stuttgart-West mit einer Umfrage den Feuersee und die Elisabethenanlage auf die Landkarte des Unwohlseins gesetzt. Auch S- und U-Bahnstationen empfinden Frauen oftmals als unsicher.
Das ist die gefühlte Wahrheit, die es ernst zu nehmen gilt. Gleichwohl hat sich bislang wenig Greifbares getan – womöglich auch, weil bislang kaum über die konkreten Orte gesprochen wurde, an denen Sexualdelikte tatsächlich stattfinden. Die Kriminalstatistik kann hier ebenso helfen wie die Crimemap, auf wir jedes einzelne von der Polizei Stuttgart kommunizierte Delikt eintragen – auch sexualisierte Gewalt. Wo sind die Hotspots?
Sexualdelikte finden oft daheim statt
In diesem Beitrag geht es um Sexualdelikte im öffentlichen Raum. Auf vier solcher Delikte kommen laut Polizeipräsidium sechs im privaten Umfeld – zumindest jene, die angezeigt werden. Vermutlich sprechen wir also nur über den kleineren Teil der Sexualdelikte in Stuttgart. Doch ihn muss in den Blick nehmen, wer über einen möglichen Umbau der Stadt für mehr echte oder gefühlte Sicherheit spricht.
Vergewaltigungen, sexuelle Belästigungen, Exhibitionismus und andere Sexualdelikte treffen überwiegend Frauen. Sie verteilen sich weiträumig auf das Stadtgebiet, wie der Blick auf die Crimemap zeigt. Natürlich gibt es auch Fälle in Stuttgart-Mitte, aber genauso in allen anderen Stadtbezirken – die berichteten Fälle verteilen sich bei Sexualdelikten weit stärker über das Stadtgebiet als etwa bei Gewalttaten. Insbesondere finden sich zahlreiche Fälle von Exhibitionsmus in der Crimemap. Wer sich entblößen will, dem ist offenbar egal, ob er sich gerade in Zuffenhausen, Möhringen oder Heslach befindet.
Wasen und ÖPNV als Hotspots
Das Polizeipräsidium hat noch weitaus mehr Fälle in der Datenbank als das, was per Pressemitteilung berichtet wird – jedenfalls, sofern sie angezeigt wurden und als Straftat definiert sind. Wie sich die einzelnen Sexualdeliktarten aufs Stadtgebiet verteilen, sagt die Polizei nicht. „Gerade weil Sexualdelikte so ein sensibles Thema sind, wollen wir nicht differenzieren“, lässt sich der Polizeisprecher Stefan Keilbach zitieren.
Die detaillierte Übersicht zur Kriminalstatistik 2018, die unsere Zeitung damals von der Polizei erhalten hatte, gibt zumindest Hinweise. Damals waren sexuelle Belästigung (165 Fälle), Vergewaltigung (115) sowie exhibitionistische Handlungen (105) die häufigsten Sexualdeliktarten in Stuttgart. Sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen verteilten sich relativ gleichmäßig auf die Stadtbezirke, mit den Ausreißern Bad Cannstatt und Mitte.
Laut Polizei sind die hohen Werte in Bad Cannstatt zumindest bis 2019 vor allem auf Volks- und Frühlingsfest zurückzuführen. Zweiter Schwerpunkt: Busse, Bahnen und Haltestellen. Im mehrjährigen Mittel hat gut jede vierte Sexualstraftat im öffentlichen Raum laut Polizei „im Zusammenhang mit dem ÖPNV“ stattgefunden. Die Fälle verteilten sich „relativ gleichmäßig auf Haltestellen und Fahrzeuge“, so die Sprecherin Ilona Bonn. Auch hier: keine klaren Hotspots.
Exhibitionismus in Bus und Bahn
Dafür häuft sich eine bestimmte Art von Vergehen: In gut der Hälfte aller Sexualstraftaten im Nahverkehrsumfeld traten Exhibitionisten auf, 2018 war es noch jede dritte. Es handelt sich im komplexen Feld der Sexualdelikte um ein klar umgrenzbares Problem, für das es aber offenbar keine einfache Lösung gibt. „Wird ein Brennpunkt erkannt, werden entsprechende Maßnahmen ergriffen wie erhöhte Präsenz oder Streifentätigkeit“, sagt Ilona Bonn. Man kann es mangels entsprechender Brennpunkte auch so sehen: Exhibitionisten können überall auftreten und sie tun es in der Regel da, wo eben gerade kein Polizist zugegen ist.
Die in Stuttgart tätigen Nahverkehrsunternehmen selbst geben sich von der Statistik überrascht. Die SSB habe „keine Hinweise auf eine vergleichsweise hohe Anzahl von Sexualdelikten“ in ihrem Bereich, so die Sprecherin Birte Schaper. Womöglich sei das Dunkelfeld niedriger als in Parks oder an Straßenecken, weil solche Taten häufiger auffallen und der Polizei gemeldet werden.
Die Bahn weist neben dem laut Umfragen relativ hohen Sicherheitsgefühl der Fahrgäste darauf hin, dass alle S-Bahnen mit Videokameras ausgestattet sind. Es gibt Sprechanlagen an den Türen, um Kontakt mit dem Fahrpersonal aufnehmen zu können sowie abends und nachts Sicherheitskräfte in den Zügen. Mit den Polizeibehörden habe man „eine gut funktionierende Ordnungspartnerschaft“, so ein Sprecher. Auch die SSB verweist auf gut ausgeleuchtete und einsehbare Haltestellen, Notrufmöglichkeiten und Angebote wie das Nacht-Taxi oder SSB Flex.
Gegenmaßnahmen? Schwierig
Sexualdelikte sind trotzdem kein Thema, das nur in Bussen und Bahnen auftritt. „Es gibt nur keine krassen Häufungsstellen“, so die Polizeisprecherin Ilona Bonn. Deshalb könne die Polizei auch keine bestimmten Punkte nennen, an denen mehr Beleuchtung oder Videoüberwachung zur Abschreckung sinnvoll wären. Wie schwierig so etwas einzurichten ist, zeigen entsprechende Bemühungen am Eckensee infolge der „Krawallnacht“ vom Juni 2020.
Die Polizei weist auch darauf hin, dass Sexualdelikte oftmals nicht von langer Hand geplant werden, jedenfalls nicht in Bezug auf die Örtlichkeit. „Es gibt einfach kein Muster. Sexualstraftäter handeln ja nicht koordiniert“, so die Sprecherin Ilona Bonn. Es ist, so das aus Frauensicht vermutlich ernüchternde Fazit, offenbar weiter an den potenziell Betroffenen, gut beleuchtete Orte und belebte Straßen zu bevorzugen.