Über zwei Familien liegt nun ein böser Schatten. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Wenn Kinder das Opfer von sexuellen Übergriffen werden, ist es meistens nicht der dunkle Unbekannte. Vieles spielt sich im erweiterten Familienkreis ab – wie jetzt in Stuttgart.

Stuttgart - Er wollte kurz auf das Mädchen aufpassen – nun droht ihm eine lange Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs: Ein 26-Jähriger ist am Freitag von einem Richter hinter Gitter geschickt worden, nachdem er ein fünfjähriges Kind unsittlich berührt und mit einem Pornovideo konfrontiert haben soll. Ein Fall, der nun ins Visier der Behörden gekommen ist. Wie andere: In Stuttgart werden jährlich zwischen 60 und knapp 100 Kindesmissbräuche registriert.

 

Es soll am vergangenen Wochenende in einem nicht näher beschriebenen Stadtteil passiert sein. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Kripo ist das fünfjährige Mädchen bei einer verwandten Familie zu Gast, darf dort übernachten, ohne die Mama. In der Wohnung lebt auch ein 26-Jähriger, der zum erweiterten Familienkreis gehört. Als die Familie das Haus kurzzeitig verlässt, verspricht der Mann, derweil auf das Kind aufzupassen. Er ist mit dem Mädchen dann offenbar weniger als eine halbe Stunde allein. Beim Aufpassen bleibt es offenbar nicht.

Das Dunkelfeld ist groß

Nach den bisherigen Erkenntnissen soll der Mann dem Kind ein pornografisches Video auf seinem Smartphone gezeigt haben. Und nicht nur das: Er soll auch den körperlichen Kontakt gesucht und das Kind unsittlich berührt haben. Ein Vorfall, der zunächst unbemerkt blieb.

Das Dunkelfeld ist überhaupt sehr groß. Offiziell hat es in Stuttgart in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich 84 Fälle pro Jahr gegeben. Tendenz: sinkend. In der jüngsten Polizeistatistik von 2019 ist von 79 Fällen die Rede. Zwei Jahre davor waren es noch 99 gewesen. Freilich handelt es sich hierbei meist um Exhibitionisten, die sich ohne näheren Kontakt entblößen. Doch der Eindruck, dass Kinder aus dem Fokus von Sexualstraftätern geraten wären, würde täuschen. Die Fälle von verbotenem Kinderpornografie-Besitz haben sich letztes Jahr in Stuttgart auf 82 nahezu verdoppelt.

Der Mann war nicht einschlägig aufgefallen

Die Studien sind sich uneinig über das Dunkelfeld – über die Jahrzehnte sollen aber immer weniger Kinder Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch gemacht haben. Laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hatten 5,2 Prozent weibliche und 1,1 männliche Kinder bis 13 Jahre sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt erlebt.

Im jüngsten Fall vertraute sich das fünfjährige Mädchen zum Glück Tage später seiner Mutter an – und die fiel aus allen Wolken. Sie erstattete Anzeige bei der Polizei, die am Freitag die Wohnung aufsuchte und den 26-Jährigen festnahm. „Er ist zwar wegen anderer Sachen polizeilich bekannt“, sagt Polizeisprecherin Ilona Bonn, „nicht aber einschlägig wegen solcher Delikte.“ Die Beweislage allerdings war offenbar so eindeutig, dass die Staatsanwaltschaft Haftbefehl beantragte. Ein Haftrichter erließ diesen am Freitag.

Anklage folgt auf Anklage

Für sexuellen Missbrauch von Kindern drohen mindestens sechs Monate Haft, in Fällen des schweren Missbrauchs fängt das Strafmaß gar erst bei zwei Jahren an. So hat die Staatsanwaltschaft gerade Anklage gegen einen 21-Jährigen erhoben, der in den Sommermonaten 2020 eine 13-Jährige missbraucht haben soll. Er war zuvor über soziale Netzwerke an sie herangekommen. Der junge Mann wurde im Oktober festgenommen.

Bereits vor Gericht steht ein 56-Jähriger aus Esslingen, der sich über Jahre an seiner Tochter vergangen haben soll – das Kind aus zweiter Ehe war da zwischen sechs und neun Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft hat 48 Fälle dokumentiert.