Die Küsschen gehören zur Tour wie die Trikots – bisher zumindest. Foto: AFP

Auch bei der Tour de France wird über Gleichberechtigung diskutiert. Es geht dabei einerseits um den Frauen-Radsport. Auf der anderen Seite wird ein überholtes Frauenbild kritisiert. Aktivistinnen fordern die Abschaffung der Hostessen bei den Siegerehrungen. Andere Sportarten haben das schon gemacht.

Albi - Es ist ja eine ganz nette Idee: 54 französische Politiker haben gefordert, die Tour de France zum Weltkulturerbe zu ernennen. Weil sie nicht nur ein globaler Mythos sei, sondern einzigartig in der Welt – sie verbinde Liebhaber des Sports, der Geografie, Architektur und Geschichte. Es gibt in der Tat viele Gründe, warum man dieses Rennen faszinierend finden kann. Der Umgang mit Frauen gehört eher nicht dazu. „Ich kenne keinen Sport“, sagt zum Beispiel die dänische Berufsradfahrerin Cecilie Uttrup-Ludwig, „in dem der Unterschied zwischen den Geschlechtern so groß ist wie bei uns.“ Was sich während der Tour manifestiert.

 

Die Frankreich-Rundfahrt ist ein Rennen von Männern für Männer. Sie lässt Frauen keinen Raum, sich zu entfalten. Am Sonntag ging der Giro Rosa zu Ende, das wichtigste Etappenrennen für Radsportlerinnen. Annemiek van Vleuten verteidigte ihren Titel, interessiert hat das kaum jemanden. An diesem Freitag haben die besten Radlerinnen dann einen kurzen Auftritt bei der Tour. Im Rahmen des Einzelzeitfahrens in Pau bestreiten sie La Course, ein Rennen über rund 120 Kilometer, das seit fünf Jahren zum Programm der Tour gehört und ebenfalls alles andere als im Fokus steht. Eigentlich ist es nicht mehr als eine gönnerhafte Geste des Veranstalters. Deshalb fordert eine Gruppe Frauen, die ihrer Zeit schon seit Jahren voraus ist, echte Gleichberechtigung.

Der Mindestlohn soll kommen

Das Projekt der 13 Rennfahrerinnen heißt „Donnons des elles au vélo“, was so viel bedeutet wie „Frauen, rauf aufs Rad!“. Die Gruppe fährt seit fünf Jahren genau die Strecke ab, die auch die Männer zurücklegen. Allerdings einen Tag vorher, noch ohne Absperrungen, dafür in Begleitung vieler Hobbyradler. Sie fordern, dass nach dem Ende des Rennens im Jahr 2009 endlich wieder eine Tour de France für Frauen stattfindet. Am liebsten parallel zum Rennen der Männer. Gefahren werden soll am selben Tag, nur etwas früher, auf den letzten 120 bis 150 Kilometern der Etappe. „So könnten die Frauen von der Infrastruktur, den Zuschauern und der Berichterstattung profitieren“, sagt Initiatorin Claire Floret, „die Tour muss unter dem Aspekt der Gleichberechtigung auch für Frauen geöffnet werden.“ Es wäre ein wichtiger Schritt. Am Ziel wäre der Frauen-Radsport damit aber nicht.

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Mittlerweile unterhalten zwar einige Rennställe der World-Tour eigene Frauenteams (Mitchelton-Scott, Trek-Segafredo, Astana, Movistar, CCC, Sunweb, Lotto-Soudal), die Unterschiede sind aber weiterhin groß: Für weibliche Radprofis gibt es weniger Rennen, weniger Preisgeld, weniger Sponsoren – und auch noch keinen Mindestlohn. Der soll zwar 2020 kommen, dürfte aber um einiges niedriger liegen als bei den Männern (derzeit 38 115 Euro pro Jahr). Eine Umfrage ergab, dass in der vergangenen Saison zwei Drittel der Berufsfahrerinnen weniger als 10 000 Euro verdient haben, jede sechste erhielt eigenen Angaben zufolge gar keinen Lohn. Was nur zeigt: Es gibt noch viel zu tun. Und das auch neben dem Zielstrich.

„Bei den Frauenrennen der Aso erhalten die Siegerinnen Küsschen von Männern“

Denn die Macher der Tour de France dokumentieren mit ihrem Eintagesrennen La Course nicht nur, dass Athletinnen lediglich fürs sportliche Rahmenprogramm gut genug sind, auch sonst scheint ihr Frauenbild eher rückständig zu sein. Nach jeder Etappe werden auf dem Podium der Sieger sowie die Führenden in den vier Einzelwertungen geehrt. Mit dabei sind – Küsschen links, Küsschen rechts – auch jeweils zwei gut aussehende, dauerlächelnde Frauen in knielangen Kleidern. Sie beglückwünschen die Fahrer, helfen ihnen ins gewonnene Trikot, überreichen Blumen und Geschenke von Sponsoren. Reden dürfen sie nicht mit den Männern, zumindest auf dem Podium. Die Kritik, dass bei diesen Ehrungen ein völlig überholtes Frauenbild transportiert werde, kontert Tour-Direktor Christian Prudhomme gerne mit dem Hinweis darauf, dass seine Organisation sehr wohl auf Gleichberechtigung achte: „Bei den Frauenrennen der Aso erhalten die Siegerinnen Küsschen von Männern.“Mit solchen Äußerungen wollen sich Aktivistinnen nicht mehr abspeisen lassen. In Berlin haben Tamara Danilov und ihre Frauen-Radgruppe She 36 nun eine Online-Petition gestartet. Sie fordern die Tour-Oberen dazu auf, künftig auf die Podium-Girls zu verzichten – analog zur Formel 1 (keine Grid-Girls mehr) oder zur Darts-WM (keine Walk-on-Girls mehr). „Frauen bei Siegerehrungen als Dekoration, gar als Preis für den Fahrer? Frauen sind nichts davon: kein sexualisiertes Objekt, keine Siegestrophäe“, sagt Danilov, „ich finde es eine Schande, dass diese Tradition bei der Tour immer noch existiert.“

Keine Antwort auf unsere Anfrage

Pünktlich zum Start des Rennens haben Danilov und ihre Mitstreiterinnen in Berlin eine Demonstration gegen den Einsatz der Podium-Girls organisiert, zudem mittlerweile rund 17 500 Unterschriften gesammelt. Diese würde die Aktivistin gerne persönlich an Prudhomme überreichen, am liebsten nach einer Etappe während der Siegerehrung. Was die Aso, deren Pressestelle eine Anfrage unserer Zeitung zum Thema Gleichberechtigung unbeantwortet ließ, wohl eher zu verhindern wissen wird. Die Petition, die Tour zum Weltkulturerbe zur ernennen, wird sicherlich auf bedeutend mehr Gegenliebe stoßen.