Ginge es nach den Kreisräten, müsste im C 33 keine Frau mehr arbeiten, genauso wenig wie in den anderen Bordellen im Landkreis. Foto: factum/Jürgen Bach

Politiker aller Fraktionen im Kreistag wollen eine Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen einrichten, die sich eine bürgerliche Existenz aufbauen wollen. Allerdings dürfte die Aufgabe weit umfangreicher sein als angenommen.

Böblingen - Die gefühlte Statistik ist unvereinbar mit den Zahlen der Polizei. In deren aktuellem Kriminalitätsbericht für den Landkreis Böblingen kommt das Wort Prostitution nicht vor. Die Kollegen aus Stuttgart listen für das Jahr 2018 sechs Fälle von Zuhälterei auf. Wegen Förderung der Prostitution oder gar wegen Menschenhandels ist 2018 in der Landeshauptstadt niemand angezeigt worden.

„Im Milieu herrschen Alkohol, Drogen und Gewalt.“ Dies ist die Einschätzung des Kreis-Gesundheitsamts, das verpflichtet ist, Prostituierte zu beraten. „Oftmals werden Frauen auch ihre Reisepässe abgenommen.“ So merkt es die Böblinger Stadtverwaltung unter der Überschrift „Menschenhandel und Zwangsprostitution“ an, die sich bemerkenswerterweise in der Rubrik „Bürgerservice“ verbirgt.

Im Kreistag herrscht in allen Fraktionen die Überzeugung, dass den Frauen geholfen werden muss. Dies sei ein Gebot der Menschenwürde, sagt der Freie Wähler Wilfried Dölker. „Die Frauen fürchten um ihr bisschen Leben“, sagt die Christdemokratin Cornelia Ikker-Spieker. „Es reicht uns nicht, wenn dazu wieder ein Bericht kommt“, mahnt der Genosse Günther Wöhler – wie vor anderthalb Jahren.

Eine Ausstiegsberatung ist im Gesetz nicht vorgesehen

Die Kreispolitiker fordern, das Gesundheitsamt möge zusätzlich eine Ausstiegsberatung leisten, damit Prostituierte eine bürgerliche Existenz aufbauen können. Allerdings ist eine solche Leistung im Gesetz nicht vorgesehen. Mithin zahlt keine übergeordnete Stelle dafür nur einen Cent Zuschuss, und dem Amt fehlt für die Aufgabe das Personal. Die Kreisräte denken an eine zusätzliche Halbtagskraft. Ikker-Spieker schwebt bereits eine Idealbesetzung vor: „Eine Schwester, die es geschafft hat.“ Gemeint ist eine ehemalige Prostituierte. Die Teilzeitkraft hätte allerdings „eine Riesenaufgabe zu bewältigen“, wie der Amtsleiter Thomas Wagner erklärt.

Wohl zurecht, jedenfalls gemessen am Beispiel Stuttgart. Das städtische Gesundheitsamt hat für die Ausstiegsberatung zusätzliches Personal eingestellt und betreibt im Rotlichtviertel das Café La Strada als erste Anlaufstelle für weibliche Prostituierte. Um das Angebot unter Neuankömmlingen bekannt zu machen, sprechen Sozialarbeiterinnen pro Woche rund 100 Mal Frauen auf der Straße an. 2018 zählten die Mitarbeiterinnen des Cafés 4691 Besucherinnen. Die meisten stammten aus Osteuropa. Ohne ehrenamtliche Übersetzerinnen wäre keine Beratung möglich. Einmal wöchentlich kommt ein Arzt zur Sprechstunde für Prostituierte, die nicht krankenversichert sind.

In Stuttgart helfen Verbände, Sozialfirmen und Vereine

Wenige Schritte entfernt wird im „Hoffnungshaus“ ebenfalls für den Abschied aus dem Milieu geworben. Die altpietistische Gemeinde hat es eröffnet. Sie ist eine von vielen außerbehördlichen Organisationen, die sich um Prostituierte bemühen. Die Caritas und der Verein Sisters bieten Aussteigerinnen Wohnungen an. Der Verein Lagaya hilft genauso wie das Sozialunternehmen Zora mit seinem Projekt Plan P. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Das Gesundheitsamt meldete, dass sich im vergangenen Jahr 152 Frauen für den Ausstieg entschieden hatten. Etwa ein Drittel von ihnen saß später Stefanie Handler oder einer ihrer beiden Kolleginnen gegenüber, die bei Zora die Aussteigerinnen betreuen. Was zunächst bedeutet, „alles zu besorgen, was man braucht, um einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben“, sagt Handler – von der Adresse bis zur Sozialversicherungsnummer. Die Mehrzahl der Frauen hat keinerlei Anspruch auf Sozialleistungen. „Die müssen arbeiten“, sagt Handler, „auch wenn es ihre psychische Verfassung eigentlich nicht zulässt“.

Kaum jemand will eine ehemalige Prostituierte einstellen

Die Auswahl der Arbeitsangebote ist mangels Schul- und Berufsausbildung begrenzt. Sie schrumpft weiter, falls der potenzielle Arbeitgeber vom Vorleben der Bewerberin erfährt. Kaum jemand will eine ehemalige Prostituierte einstellen. Am Ende bleibt üblicherweise ein Job als Putzfrau oder Fabrikarbeiterin. Danach „sind viele Frauen noch mehrere Jahre in der Beratung“, sagt Handler. Ob die Aufgabe im Kreis Böblingen in Teilzeit zu bewältigen ist, mag sie nicht beurteilen: „Ich kann nur die Daumen drücken.“

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