Fassunsglos nach dem Urteil: Siegfried Mauser bei der Verhandlung in München. Foto: dpa

Der frühere Chef der Münchner Musikhochschule ist wegen sexueller Übergiffe verurteilt worden. Der Fall offenbart, dass es an der renommierten Akademie einen nahezu rechtsfreien Raum gab, an dem Abhängigkeiten skrupellos ausgenutzt wurden.

München - Siegfried Mauser ist ein angesehener Konzertpianist; CDs hat er eingespielt in Menge, als Liedbegleiter ist er unterwegs – und als Rektor leitete er zwei hochbedeutende Musikhochschulen: die in München und das Mozarteum in Salzburg. Bis 2016, bis ihm eben die Frauen dazwischenkamen. Das heißt: Frauen hatte er immer, „frei erzogen“ wie er war, „Hippie“ sogar, früher mal. Von mindestens hundert Affären spricht der 63-Jährige selbst: „viele, vielleicht zu viele sexuelle Kontakte“. Die Umgebung war halt schuld, sagt Mauser; die Frauen hätten „ihre femininen Reize eingesetzt, ich reagiere sehr schnell darauf“. Geradezu eine „Atmosphäre der Verführung und Verführbarkeit“ sei um ihn herum entstanden.

Erzwungene Zungenküsse

Bis ihn der Richter einbremste: „Möglicherweise fühlen Sie sich sexuell so attraktiv wie James Bond. Da überschätzen Sie sich aber.“ Das war im Mai 2016. Da wurde Mauser von zwei Frauen angezeigt, er habe sich bei ihnen etwas genommen, das sie nicht hatten geben wollen. Und Mauser sah sich zu Haft verurteilt wegen sexueller Nötigung. Ein Jahr später ging das Verfahren in die Berufung – gleichzeitig kamen die nächsten Anzeigen: wegen Grapschens, wegen erzwungener Zungenküsse, wegen Vergewaltigung. Jetzt hat Mauser auch seine zweite Verurteilung kassiert. Zwei Jahre und neun Monate Haft. Dabei hatte er noch Glück: Denn nach der Rechtslage von 2004, als die Vergewaltigung geschah, hatte die Frau sich nach Ansicht des Gerichts körperlich nicht hinreichend stark widersetzt. Der Grundsatz „Ein Nein ist ein Nein“ galt damals noch nicht, sonst wäre Mauser viel länger ins Gefängnis gegangen; sieben Jahre hatte die Staatsanwaltschaft gefordert.

Der Fall Mauser ist nicht der einzige seiner Art an der Münchner Musikhochschule. Von „Sodom und Gomorrha“ sprachen Mausers Verteidiger sogar – wohl um das Verhalten ihres Mandanten als irgendwie normal darzustellen. Ein zweiter Professor, ein Komponist, ist angeklagt, seit zwei Jahren schon. Das Landgericht München hat aber immer noch nicht entschieden, ob der Prozess eröffnet wird. Die Gemengelage ist ja kompliziert: An einer Musik- und Tanzhochschule, heißt es, komme man sich eben auch leiblich nahe. Da werden Körperhaltung und Bewegung eingeübt und nachjustiert; teils auch zu Hause. Da kann es leicht zu etwas kommen, das als Grenzüberschreitung empfunden wird. Oder, im Fall Mauser: Frauen erhofften sich etwas von ihm, einen Job, ein Engagement an der Oper, eine künstlerische Empfehlung. Empörung löste dann noch der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger aus, der in einem Leserbrief an die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen. Ihre Rachsucht sollte man nie unterschätzen. Sie wissen sich der überforderten Justiz virtuos zu bedienen.“

Jetzt soll aufgeklärt werden. Endlich.

Das spezielle Problem der Musikhochschulen ist intern bekannt, auch wenn es aus der Rektorenkonferenz heißt, die „Zeiten von Don Giovanni und Figaro“ seien vorbei. In München zitiert man Erhebungen, nach denen fast 20 Prozent der Musikstudentinnen sexuelle Übergriffe erlebt haben; die Hochschule selbst – etwa 1300 Studenten – hat bei einer anonymen Umfrage im eigenen Haus herausgefunden, dass 34 Studenten beiderlei Geschlechts „angegrapscht oder absichtlich berührt“ worden seien; gegenüber neun Studenten wurden Genitalien gezeigt; acht sahen sich zu sexuellen Handlungen gezwungen und anderes mehr.

Drei Frauenbeauftragte hat die Münchner Hochschule inzwischen eingesetzt. „Maximale Transparenz“ will Präsident Bernd Redmann schaffen, und dieser Tage hat er etwas nachgeholt, was viele Kritiker bisher vermissten: Redmann hat eine prekäre Situation, von der alle wussten, über die aber bis zum Fall Mauser keiner gesprochen hat, zum Problem der Hochschule selbst erklärt: „Die Hochschule ist für ein Betriebsklima verantwortlich, das sexuell übergriffigem Verhalten jeden Boden entzieht.“ Und Mauser? Noch sind die Urteile nicht rechtskräftig.

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