Die Berlinerin Uta Melle hat sich nach ihrer Krebserkrankung mit ihrem Mann von der Fotografin Esther Haase ablichten lassen. Foto: Esther Haase

Erkranken Frauen an Krebs, haben sie mit weitaus mehr als nur mit der Krankheit zu kämpfen: Die Therapie und deren Nebenwirkungen haben häufig Folgen für die eigene Sexualität. Ärzte und Betroffene raten, offen damit umzugehen.

Berlin/Stuttgart - Wenn ihr Mann über die Narben streicht, dann vermisst Uta Melle ihre Brüste. „Aber dann denke ich einfach, dass es noch so viele andere Dinge gibt, die die Erotik einer Frau ausmachen“, sagt sie. Es klingt ganz selbstverständlich, wenn Uta Melle so spricht. Eine selbstbewusste Frau in den Vierzigern, die sich nach überstandener Krebserkrankung nackt mit ihrem Mann hat ablichten lassen, in innigen Posen. Bilder, die zeigen sollen, dass der Krebs einem Menschen viel nehmen kann, aber nicht das ­erotische Erleben.

So scheint es. Und so ist es auch, bestätigt Uta Melle. Aber so war es nicht immer. Man muss sich das so vorstellen: „Erst hat man regelmäßig Sex, dann kommt der Krebs – und plötzlich ist das Verlangen weg.“

Als bei Uta Melle der Krebs plötzlich kam, waren es nur noch wenige Tage hin zu ihrem 40. Geburtstag. Da es sich um ein genetisch bedingtes Mammakarzinom handelte, ließ sie aus Sorge um ihre zwei Kinder vorsorglich nicht nur beide Brüste entfernen, sondern ein halbes Jahr danach auch ihre Eierstöcke – „so wie es Angelina Jolie später auch gemacht hat“. Ihr Körper kämpfte erst mit der Chemotherapie, später dann mit dem sich verändernden Hormonhaushalt. „Da ist es doch ganz logisch, dass all das den Sex beeinträchtigt und einschränkt.“ Das sagt Uta Melle heute. Damals, vor sieben Jahren, war ihr noch nicht so ganz klar, wie sehr eine Krebserkrankung die eigene Sexualität beeinflussen kann. „Ich hätte mir gewünscht, die Ärzte hätten mich auf diese schwierige Phase vorbereitet und aufgeklärt.“

Sexualberatungen sind noch kein Standard

Tatsächlich gehören Sexualberatungen bei Krebskranken noch nicht zu den Themen, die ein Arzt gegenüber seinen Patienten stets anspricht. „Die Sensibilisierung der Ärzte für diesen wichtigen Bereich wird erst seit wenigen Jahren vorangetrieben“, sagt der Gynäkologe Ulrich Karck, Ärztlicher Direktor der Frauenklinik des Klinikums Stuttgart. Vielen sei die Bedeutung dieses Themas gar nicht bewusst. Und auch die Patienten haken diesbezüglich nur ungern nach – was auch verständlich sei, sagt Karck: „Wenn der Verdacht auf ein Mammakarzinom geäußert oder der Tumor nachgewiesen wurde, rückt das Thema Sexualität erst einmal in den Hintergrund. Dann hat die Sorge um das eigene Leben Vorrang.“

Aber mit der Rückkehr in den Alltag zeigt sich, dass der Kampf gegen den Krebs größere Spuren hinterlassen hat – und zwar nicht nur bei Brustkrebspatienten: So gibt es beispielsweise Betroffene, die sich nach der Chemotherapie über Monate hinweg abgeschlagen und müde fühlen – und dann natürlich auch kein Bedürfnis nach Sex verspüren. „Mit dem Fatigue-Syndrom verschwindet in der Regel auch das sexuelle Verlangen“, sagt Ulrich Karck. Durch eine Chemotherapie kann außerdem die Fertilität, die Fruchtbarkeit beeinträchtigt werden – und das möglicherweise in einem Lebensabschnitt, in dem die Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist.

Hinzu kommen die psychischen Folgen: Trotz erfolgreich überstandener Therapie fallen ehemals Krebskranke häufig in eine depressive Verstimmung, aus der sich auch eine Depression entwickeln kann. „Vielen macht ihr verändertes Körperbild zu schaffen“, sagt Karck. Zwar kann bei Brustkrebs häufig so operiert werden, dass das Brustgewebe weitgehend erhalten bleibt. Frauen, für die allerdings nur eine radikale Abnahme infrage kommt, empfinden diesen Verlust gleichbedeutend mit dem Verlust der Weiblichkeit. „Man will sich nicht mehr nackt zeigen“, sagt Karck.

„Ich war total verunsichert“

Auch Uta Melle musste sich „komplett neu finden“, wie sie sagt. Wobei sie den Verlust der Brüste besser überwinden konnte als befürchtet. Ihr machte vielmehr der Hormonhaushalt zu schaffen, der aufgrund der Eierstockentfernung von einem Tag auf den anderen die Wechseljahre beginnen ließ: „Ich war total verunsichert.“ Selbstzweifel überkamen sie, vor allem aber die Angst, ihrem Mann nicht mehr zu genügen.

Die Verunsicherung ist eine häufige und nachvollziehbare Reaktion, sagt ­Miriam Weisenburger vom Klinikum ­Stuttgart. Die leitende Oberärztin in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie gibt Betroffenen einen recht simplen Rat: reden. „Darüber sprechen ist sehr wichtig“, sagt die Ärztin. Wer nicht mit dem eigenen Partner oder der Freundin reden mag oder kann, sollte sich professionelle Hilfe suchen – etwa den psychoonkologischen Dienst, den es in vielen Krebs­zentren gibt. Auch die Beratungsstellen des Landeskrebsverbands können weiterhelfen, ebenso niedergelassene Psychotherapeuten.

Das erotische Erleben muss keineswegs dramatisch nachlassen, ergänzt der Gynäkologe Karck. Statt des Sex schieben sich andere Formen der Zuneigung in den Vordergrund. Zärtlichkeiten werden wichtiger, ebenso das Gefühl, dass man sich von seinem Partner, so wie man ist, geliebt und angenommen fühlt. Das war auch der Auslöser, der Uta Melle dazu gebracht hat, sich mit ihrem Mann zusammenzusetzen und zu sagen: „Wir müssen vielleicht eine neue Form der Sexualität finden.“ Seltener und wenn, dann gut vorbereitet.

Heute sagt sie, dass das Wichtigste das Vertrauen sei, das sie dem Partner entgegengebracht hat – und auch von ihm zurückerhielt. Sich von den Selbstzweifeln zu befreien, sagt sie, das war der Schlüssel. Um Paaren Mut zu machen, haben Uta Melle und ihr Mann ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben – „jeder aus seiner Sicht“, sagt sie. „Denn die Männer haben auch zu leiden und werden oft gar nicht gefragt.“

Das Buch „Die Amazone vom Kollwitzplatz“ von F. Hendrick Melle ist im Eigenverlag (9,90 Euro) erschienen. Uta Melle hat mit der Fotografin Esther Haase einen Bildband erstellt: „Amazonen – das Brustkrebsprojekt der Uta Melle“, Kehrerverlag, wofür sie sich mit 19 weiteren brustamputierten Frauen fotografieren ließ.
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