Die Hilfsbereitschaft angesichts des Krieges in der Ukraine ist riesig. Doch die Flüchtlinge wecken auch Begehrlichkeiten bei Abzockern – von der überteuerten Wohnung bis hin zur sexuellen Ausbeutung. In Stuttgart ist man wachsam.
Plötzlich stehen zwei teure Autos am Hintereingang der Stuttgarter Schleyerhalle. Zwei Männer steigen aus und geben an, sie seien Immobilienbesitzer und wollten Wohnungen an Geflüchtete aus der Ukraine vermitteln. Von denen ist in Bad Cannstatt derzeit eine dreistellige Zahl in zwei Nebenhallen untergebracht – vorwiegend Frauen und Kinder. Die Männer verschwinden auf dem Gelände – um kurz darauf von Sicherheitsleuten rausgeworfen zu werden. Ob sie wirklich helfen wollten oder vielleicht etwas ganz anderes im Schilde führten, kann niemand genau sagen.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich das Sicherheitspersonal an der Schleyerhalle mit merkwürdigen Besuchern konfrontiert sieht. „Hier tauchen immer wieder Leute auf, bei denen man nicht so genau weiß, was die eigentlich wollen“, sagt einer der Mitarbeiter. Klar sei: Wer auch immer irgendwelche Angebote habe, seien es auch gut gemeinte, habe auf dem Gelände zunächst einmal nichts verloren.
Vorsicht am Bahnhof
Die Vorsicht ist begründet. Bundesweit häufen sich Berichte, dass die oft ohne ihre Männer anreisenden Ukrainerinnen zum Ziel dubioser Geschäftemacher oder gar von Zuhältern werden könnten. Zwar sind bisher weder bei der Stuttgarter Polizei noch bei der für die Bahnhöfe zuständigen Bundespolizei konkrete Fälle bekannt, doch man ist äußerst wachsam. „Alle Beamtinnen und Beamten sind im Zusammenhang mit dieser Thematik informiert und sensibilisiert worden“, sagt Denis Sobek, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Stuttgart. Man zeige an den Bahnsteigen im Hauptbahnhof Präsenz und wisse auch, dass es in anderen Städten schon Versuche der sexuellen Ausbeutung und des Menschenhandels gegeben habe.
Ankommende Vertriebene würden sensibilisiert, „prioritär staatliche beziehungsweise offizielle Hilfen in Anspruch zu nehmen“, sagt Sobek. Die Bundespolizei stehe auch mit der Deutschen Bahn in einem engen Austausch. Die eigenen Kanäle, etwa auf Twitter, nutzt man, um in deutscher, ukrainischer und russischer Sprache entsprechende Hinweise zu geben. Falls es Vorfälle geben sollte, könnte man mit Platzverweisen oder Ermittlungen reagieren.
Sicherheitspersonal zum Schutz
Die dunkle Seite der Hilfsbereitschaft zeigt sich anderswo bereits deutlich. Stuttgarter Hilfsnetzwerke berichten von unmoralischen Angeboten. So meldeten sich in deren Gruppen in den sozialen Netzwerken immer wieder Männer, die zum Beispiel anbieten, Frauen gegen sexuelle Handlungen bei sich aufzunehmen.
Auch die Stadt hat deshalb gemeinsam mit dem Hilfsnetzwerk Wolja verschiedene Vorkehrungen getroffen. Dazu gehören Durchsagen am Hauptbahnhof zum Schutz der Frauen, Flyer auf Ukrainisch oder Sensibilisierung der Security an allen Anlaufstellen. Im Hauptbahnhof sind zudem zugangskontrollierte Schutzorte in den Wartehallen geschaffen worden. An allen Unterkünften ist Sicherheitspersonal vorhanden und kontrolliert den Zugang. So soll verhindert werden, dass sich Unbefugte dort aufhalten oder gar Frauen gefährdet werden.
Überteuerte Wohnungen
Doch die Ausbeutung muss nicht immer in die sexuelle Richtung gehen. Andere wollen mit den Geflüchteten einfach nur schnelles Geld verdienen. Auch der Stadt werden immer wieder private Unterkünfte für Kriegsflüchtlinge angeboten – auf sehr unterschiedlichem Preisniveau. „Das reicht von kostenlosen Wohnungen bis hin zu 1100 Euro Kaltmiete für zwei Zimmer“, weiß Sprecher Sven Matis. Offerten außerhalb des Mietspiegels weise man grundsätzlich zurück.
Die Hilfsorganisationen stoßen zudem bereits wieder auf ein altbekanntes Phänomen aus dem Jahr 2015: Wenn sehr schnell sehr viel Material für Geflüchtete benötigt wird, wittern manche Händler ein gutes Geschäft. Das spürt auch das Deutsche Rote Kreuz. „Die Preise steigen kräftig“, sagt Udo Bangerter, Sprecher des DRK-Landesverbandes Baden-Württemberg. Feldbetten seien bereits nicht mehr zu bekommen. „Anderes Material wie Decken ist auch dezimiert, aber in der Wiederbeschaffung.“ Auch hier gilt: Jeden Preis bezahlt man nicht, sondern setzt lieber auf zuverlässige Händler.
Die große Mehrheit hilft wirklich
Immerhin: Ein anderes altbekanntes Abzocker-Problem spielt im Fall der Ukraine derzeit nur eine untergeordnete Rolle. Geflüchtete aus Syrien oder Afrika kennen es nicht erst seit 2015: Schlepper kassieren viel Geld, um sie in wackligen Booten aufs Mittelmeer zu setzen oder sie über Grenzen zu schmuggeln. Für dieses Phänomen sind die Wege innerhalb Europas zu kurz und zu einfach. Zudem kommen nach Angaben der Stadt inzwischen immer mehr Ukrainer mit dem eigenen Auto an. Nur aus der Ukraine selbst wird immer wieder von bezahlten Schleusungen an die Grenzen berichtet.
Es gilt also für alle Beteiligten, wachsam zu sein und Auswüchse zu unterbinden. Insgesamt aber, betont Matis, überwiegt das Positive bei weitem: „Sichtbar wird der Geist der Offenherzigkeit, des Anpackens, des Engagements. Hunderte sind in der Stadt hauptamtlich und ehrenamtlich dabei, den Geflüchteten das zu bieten, was sie suchen: Schutz vor dem Angriffskrieg.“