Wer das Älterwerden mit dem Ende erotischer Aktivitäten gleichsetzt, irrt. Doch steht ab der zweiten Lebenshälfte anderes als Matratzensport im Mittelpunkt.
Hamburg - Klar, man kann auch ohne Sex leben, gut sogar. Aber herrscht in späteren Lebensjahren wirklich tote Hose im Bett? Im Gegenteil! Glaubt man Umfragen, hat mehr als jeder Zehnte über 50 mindestens einmal in der Woche Sex. Zudem experimentieren ältere Männer und Frauen gern, heißt es. Im Vergleich hat „reiferer Sex“ sogar gewisse Vorteile. Wir liefern sechs Gründe, warum man sich auf den Sex im Alter freuen kann.
Mehr Gelassenheit
Wenn der Körper so langsam Wehwehchen bekommt, kann das auch romantische Abende beschwerlicher machen. „Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa, Gelenkschmerzen, Diabetes oder auch Krebserkrankungen nehmen im Alter nun mal deutlich zu“, sagt Lisa Rustige, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. „Das heißt aber nicht, dass alles schlechter wird, sondern eben anders.“
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Sex werde insofern zur Herausforderung, da man lernen müsse, ihn dem veränderten, nicht mehr so leistungsfähigen Körper anzupassen. Akzeptiert man etwa, dass die Haut faltig oder eine Erektion erschwert ist, führt das zu mehr Gelassenheit und zu einem offeneren Umfang mit dem anderen.
Entspanntheit ist generell der Schlüssel zu gutem Sex, ob jung oder alt. Wer seinen Körper mag, strahlt Selbstbewusstsein aus. Das – plus Vertrauen, das Ältere auch oft in sich selbst haben – steigert die Lust.
Mehr Erfahrung
Für jedes Alter gilt: Beim Sex ist loslassen wichtig. Wer sich oder den anderen unter Druck setzt oder meint, Leistung bringen zu müssen, wird keinen großen Spaß haben. Menschen ab 50 haben in der Regel den Vorteil, dass sie schon vieles erlebt haben. Sie sind erfahren, kennen ihren Körper und wissen, was prickelt und erregt.
„Man muss dennoch lernen, dass nicht das Funktionieren, die Performance im Mittelpunkt steht, sondern dass Sex auch ohne Erektion und Penetration geht, dass das Wohlfühlen wichtig ist“, sagt Lisa Rustige, die am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf tätig ist.
Weniger Angst
Hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille können die Libido negativ beeinflussen – und die Furcht vor ungewollter Schwangerschaft ist sowieso ein Erotikkiller. Mit über 50 fällt dann in den meisten Fällen das Thema Verhütung weg – eine Erleichterung!
„Wenn sie nicht mehr fruchtbar ist, stellt sich allerdings so manche Frau die Frage, inwiefern sie überhaupt noch Frau ist“, schränkt die Expertin Lisa Rustige ein. Dass die Wechseljahre die Lust senken, hält die Medizinerin allerdings für einen großen Mythos: „Sexualität wird nicht plötzlich irrelevant.“ Und auch die Begierde sinke nicht zwangsläufig.
Wichtig sei, dass man sich von bestimmten Vorstellungen verabschiede, wie Sex zu sein habe. Wer also sich und seine Lebensphase annimmt, kann in jedem Alter Nähe und Erotik genießen.
Mehr Qualität
Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nehmen sexuelle Aktivitäten nicht mit dem Alter, sondern eher mit der Dauer der Beziehung ab. Was im Umkehrschluss bedeuten könnte: Wer eine neue Beziehung beginnt, hat wieder mehr Sex. Doch wie bei vielem kommt es beim Sex weniger auf die Quantität an, denn auf die Qualität.
Ob das Sexualleben als befriedigend empfunden wird, hängt laut Studie der Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag des Magazins „Senioren Ratgeber“ mit zunehmendem Alter auch von einer guten Partnerschaft ab. Fühlt man sich dem anderen nahe, wird der Sex als intensiver empfunden.
„Man kann sich als langjähriges Paar das Begehren neu erarbeiten“, so die Expertin Rustige. Das sei nicht leicht, aber eine Chance. So könne man sich zum Sex verabreden: „Damit ist kein Kalendereintrag gemeint, sondern dass man sich vornimmt, aufeinander einzugehen, zärtlich miteinander zu sein oder mehr.“ Lust und Erregung entstehe oft erst dann, wenn man sich darauf einlasse: „Das spontane Geilsein ist ein Mythos, nicht nur im Alter oder in langen Beziehungen.“
Weniger Stress
Menschen zwischen Mitte 20 und Mitte 40 stecken meist in ereignisreichen Lebensphasen: Sie stellen die Weichen für die Karriere, gehen feste Partnerschaften ein, bekommen Kinder, bauen Häuser. Das bedeutet Arbeit und Stress. Da hat man oft nicht viel Muße für Verführung und Leidenschaft. Zumindest nicht, wenn’s gerade mal passen würde – und somit fast nie.
Es gibt zwar auch die sogenannte Midlife-Crisis und die Angst vor Arbeitslosigkeit. Ab 50 sind jedoch viele da angekommen, wo sie all die Jahre hinwollten. Man kann sich wieder auf anderes, nicht minder Wesentliches besinnen. Der Druck fällt ab, der Alltag gestaltet sich einfacher und häufig sorgenfreier – was befreiend wirken kann. Durch die neue Leichtigkeit kann im Idealfall das Sexualleben erfüllter werden.
Mehr Selbstbewusstsein
Kein Durchschnittsex, sondern stets große Verführung, gefolgt von stundenlangem Matratzensport samt multiplen Orgasmen – oder alternativ die aufregende Spontannummer: Junge Leute haben oft genaue Vorstellungen davon, wie guter Sex zu sein, wie und wo und wie lang er stattzufinden hat.
Reifere Menschen können sich von derartigen Normen leichter lösen, sich über Konventionen hinwegsetzen. Laut einer Langzeitstudie, an der unter anderem die Freie Universität Berlin beteiligt war, sind ältere Menschen heutzutage ohnehin deutlich selbstbewusster als noch vor Jahren.
Um sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen, müssen allerdings auch die Umstände stimmen – sprich: Selbst wenn man irgendwann nicht mehr im häuslichen Umfeld lebt, muss es entsprechende Freiräume geben. Denn egal in welchem Alter, Sex ist gut für die Seele und den Körper, er macht uns glücklich und kann gesund halten.
Und es gilt die Regel, dass es keine Regeln gibt. Jeder Mensch muss seine Wünsche selbst herausfinden und versuchen, diese mit dem Partner oder der Partnerin umzusetzen.