Ein verheerendes politisches Duo: Charles Lindbergh (Ben Cole, li.) und Rabbi Bengelsdorf (John Turturro) Foto: HBO

Sommer 1940: In den USA kommen Nazisympathisanten an die Macht. Die Miniserie „The Plot against America“ erzählt gruselig glaubhaft von einem alternativen Geschichtsverlauf.

Stuttgart - Es herrscht Wahlkampf in den USA im Sommer 1940. Fahnen flattern, Marschkapellen tröten, Menschenmengen wedeln mit kleinen Wimpelchen, die Kandidaten halten ihre Reden. Für die Wochenschaukameras ist der Wettstreit längst entschieden.

Der Berufspolitiker und Amtsinhaber im Weißen Haus, Franklin Delano Roosevelt, 58, verlässt sich aufs Radio. Seine öffentlichen Auftritte müssen sorgfältig inszeniert werden, das Wahlvolk soll nicht mitbekommen, wie schwer der geistig agile Mann körperlich von Polio gezeichnet ist. Roosevelts 20 Jahre jüngerer Gegenkandidat, Charles Augustus Lindbergh, stellt sich dagegen gerne vor jede Kamera. Der schneidige Kerl ist einer der größten Helden der USA, ein Tausendsassa und Flugpionier, der den Vereinigten Staaten verkündet, dass sie vor einer Schicksalswahl stünden. In der gehe es nicht, wiederholt er unablässig die griffige Formel, um Lindbergh oder Roosevelt, sondern um Lindbergh oder Krieg.

Fasziniert von den Nazis

Die jüdische Familie Levin, von der die bei Sky zu sehende HBO-Miniserie „The Plot against America“ erzählt, ist wie ihr ganzer Bekanntenkreis in dieser Frage gespalten. Wer will schon Krieg? Eigentlich niemand, die Nazis aber doch. Aus Europa hört man Furchtbares über das Schicksal der dortigen Juden: Entrechtung, Schikanen, Pogrome, Verhaftungen. Lindbergh, begreift der Versicherungsvertreter Herman Levin, will nicht nur mit Beschwichtigungspolitik Krieg verhindern. Er ist Antisemit in blau-weiß-roter Variante und fasziniert von Nazi-Deutschland.

Lindbergh will auch aus den USA einen autoritären Staat machen, in dem Juden bestenfalls gedemütigte und rechtlose Bürger dritter Klasse sein dürfen. Levin sieht das amerikanische System nicht per se geschützt gegen die Selbstzerstörung durch verheerende Wahlentscheidungen. Er wird recht behalten: Lindbergh siegt, der Umbau Amerikas beginnt.

Reale Erfahrungen

Das Wahlduell zwischen Roosevelt und Lindbergh hat es so nicht gegeben. Aber die historischen Figuren und Fronten werden in „The Plot against America“ korrekt skizziert. Franklin D. Roosevelt wollte die USA so schnell wie möglich an der Seite Englands gegen die Nazis antreten lassen. Lindbergh war eine Stimme der Isolationisten, die im Kongress, in den Medienhäusern und an den Stammtischen lange die Übermacht besaßen. Der Krieg in Europa sei ein rein europäisches Problem, befanden sie.

Die Serie „The Plot against America“ beruht auf dem gleichnamigen Roman von Philip Roth, der nur ein paar Gewichte ganz leicht verschiebt, um zu einem alternativen Geschichtsverlauf zu kommen. Bei Roth heißt die zentrale Familie allerdings nicht Levin, sondern Roth, der kindliche Erzähler trägt den Namen Philip, und eingeflossen sind in diese Erzählung die realen Erfahrungen des Autors mit Antisemitismus in Newark, New Jersey – nicht in der düstersten Provinz also, sondern in Spuckweite von New York, dem angeblichen Schmelztiegel aller Rassen, Klassen, Religionen. Roths Was-wäre-wenn-Roman, der auf Deutsch „Verschwörung gegen Amerika“ heißt, klingt durch die autobiografischen Komponenten noch einmal eine Gruselstufe authentischer.

Irrsinnige Ansage

Auch der TV-Sechsteiler, den das „The Wire“-TeamDavid Simon und Ed Burns verantwortet, trifft einen überzeugenden Ton. Schritt für Schritt verändert sich der Alltag der Amerikaner, alles bleibt vorstellbar. Eine sorgfältige, zunächst nostalgisch wirkende Ausstattung bettet die Figuren fest ein in unsere kollektive Idee von Amerikas grandiosen Jahren, als das Land gegen den Faschismus antrat.

Markante Schauspielerleistungen geben dem Personal Leben, Winona Ryder, Zoe Kazan, Morgan Spector, Anthony Bolye und Michael Kostroff legen ihre Figuren nie zu modern an. Die unvergesslichste Type aber spielt John Turturro, den Südstaaten-Rabbi Lionel Bengelsdorf, der aus Verblendung, Eitelkeit und wohl auch gut versteckter Furcht vor den Alternativen zu Lindberghs Komplizen wird. Bengelsdorf engagiert sich in einer antisemitischen Politik mit der irrsinnigen Ansage, nun endlich würden die Juden ihre stigmatisierende Besonderheit los und gleichwertige Amerikaner.

In Trumps Ära

Der Roman wahrt die Perspektive eines zehnjährigen Jungen, die Serie hat das klugerweise geändert und kann uns so mehr von der Welt zeigen. Vor allem die letzten drei Folgen, die schlimme Veränderungen im Alltag und im politischen Kurs durchspielen, legen sich mit Albtraumschwere auf die Brust.

Als das Buch 2004 erschien, meinten manche, nicht immer erfreut, Roth stichle hier gegen die Politik und Person von George W. Bush, was der Autor verneinte. Im Zeitalter von Donald Trump sieht man, dass Roth tatsächlich weitsichtiger war. „The Plot against America“ ist nun weniger Gedankenspiel als Analyse: Demokratie und Rechtsstaat sind keine Errungenschaften auf Dauer, sondern fragile Güter.

Info: Der reale Lindbergh

Im Mai 1927 absolviert der ehemalige Militär- und Postflieger Charles A. Lindbergh in der einmotorigen „Spirit of St. Louis“ den ersten Alleinflug über den Atlantik von Long Island nach Paris. Er wird ein Held seiner technikbegeisterten Epoche.

Im März 1932 wird der 20 Monate alte Sohn von Charles und Anne Morrow Lindbergh entführt. Die Medien drehen durch, ein Beobachter nennt es „die größte Geschichte seit Christi Auferstehung“. Trotz Lösegeldzahlung wird das Kind ermordet. Die Nation trauert mit den Lindberghs.

Lindbergh wird ein reichweitenstarker Gegner von Roosevelts Politik, in der Realität aber nie Präsidentschaftskandidat. Seine Sympathien für die Nazis werden immer offensichtlicher, er verliert einen Teil seiner Anhänger. Er rehabilitiert sich, als er im Zweiten Weltkrieg Kampfeinsätze gegen die Japaner fliegt. 1974 stirbt Lindbergh.

Serie abrufbar bei Sky, etwa via skyticket.de. Zuvor nur im Original verfügbar, nun auch in deutscher Synchronisation.

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