Vor Gericht: Maja (Hanna Ardéhn) und ihr Anwalt Peter Sander (David Dencik) Foto: Netflix/Johan Paulin

Netflix geht mit einer schwedischen Eigenproduktion dorthin, wo es heikel wird: „Quicksand“ erzählt von einer Bluttat. Die einzige Überlebende ist die Tatverdächtige.

Stuttgart - Quälend langsam gleitet die Kamera über die Spuren eines Gemetzels. Über Blut, Patronenhülsen, leblose Körper und die zerbrochene Kaffeetasse mit der Aufschrift „Bester Papa der Welt“, die vor dem Lehrerpult liegt. Schockierend und eindringlich beginnt „Quicksand“ (Treibsand), die erste schwedische Eigenproduktionsserie von Netflix, die gleich ein heikles Thema hat: ein Schulmassaker in Stockholm.

In Einzelhaft

Die 18-jährige Maja (Hanna Ardehn), die blutverschmiert und apathisch zwischen den Leichen kauert, hat den Amoklauf als einzige überlebt, alle ihre Klassenkameraden sind tot – erschossen von Maja, wie die Staatsanwältin glaubt. Die Schülerin wird wegen Mordes angeklagt, kommt in Einzelhaft, darf ihre Eltern nicht sehen. Zeitungen, Handy, Fernsehen sind verboten, Maja darf nur mit ihrem Anwalt und den Wärterinnen sprechen. Der Zuschauer rätselt: Ist das ein schrecklicher Irrtum, oder ist das Mädchen eine Mörderin?

Bevor das Rätsel geklärt wird, gibt es ein paar Rückblenden. Majas Eltern sind reich, das Mädchen gehört zur Jeunesse dorée Stockholms. Als sie und ihr Mitschüler Sebastian (Felix Sandman) ein Paar werden, schweben sie im siebten Himmel. Sebastians Vater ist Milliardär, auf seiner Luxusjacht im Mittelmeer genießt das junge Paar das Leben. Während die anderen Szenen so trist und düster sind, wie man es von einem Schwedenkrimi erwartet, sind die Rückblenden in Sonnenlicht und Farbe getaucht wie Werbespots für Eiscreme.

Kleine Irritationen

Doch kleine Irritationen deuten an, dass etwas nicht stimmt, Sebastians Vater wirkt gefährlich und gewaltbereit. Wie es aber zu dem schrecklichen Amoklauf kam und ob Maja wirklich selber geschossen hat, wird erst allmählich enthüllt.

„Quicksand“ entspricht mit dem Mix aus Brutalität und Spannung, komplexer Erzählstruktur und abgründigen Charakteren ganz dem Beuteschema von „Nordic Noir“-Fans. Dazu kommt eine Spur Teenagerdrama, vor allem aber geht die Gesellschaftskritik der Serie unter die Haut. In der Regie von Per-Olav Sørensen („Nobel“) und Lisa Farzaneh („Arne Dahl“) wirkt es fragwürdig, wie der Justizapparat mit der gerade erst volljährig gewordenen Verdächtigen Maja umgeht. Sie bekommt zunächst keine psychologische Betreuung, wird wie ein Paket in einem Güterzentrum hin- und hergeschoben, erleidet irgendwann einen Zusammenbruch.

Schuld und Erlösung

„Majas Geschichte wirft Fragen über Schuld, Verantwortung, Strafe und Erlösung auf. Sie hält der heutigen Zeit einen Spiegel vor“, sagt Drehbuchautorin Camilla Ahlgren, die auch schon an der viel gelobten Krimireihe „Die Brücke“ beteiligt war.

Ihre Serie „Quicksand“ basiert auf dem Bestseller „Im Traum kannst du nicht lügen“ von Malin Persson Giolito, die für den Roman 2017 den skandinavischen Krimipreis erhielt und damit in die Fußstapfen von Schriftstellern wie Henning Mankell oder Stieg Larsson trat.

Verfügbarkeit: Alle 6 Folgen bei Netflix bereits abrufbar.

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