Spiele können ganz schön harte Arbeit sein – wie „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ zeigt. Foto: Apple

Endlich hat die Games-Welt eine eigene Sitcom, die auch weiß, wovon sie erzählt: „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ ist ein fieses Vergnügen. Die zerstrittene Mannschaft eines Massive Multiplayer Online Games ähnlich wie „World of Warcraft“ muss mit vielen Krisen fertig werden.

Stuttgart - Was müssen die Zwergenkrieger aus dem Fantasyreich noch alles beherrschen außer dem Kampf mit Axt und Schwert? Einen zackigen Nazigruß. Die Programmierer arbeiten hart daran, dass die vierschrötigen Kleinkloben den rechten Arm akkurat ausstrecken. Das ist aber keine politische Botschaft, im Gegenteil. In „Mythic Quest: Raven’s Banquet“, einer neuen Comedy-Serie beim Streamingdienst Apple TV+, knüpfen Rechtsradikale ihre Netzwerke auch in einer Online-Spielewelt. Das entsetzte Entwicklerteam will die Agitatoren und Sympathisanten mit der Möglichkeit, sich offen als Nazis zu bekennen, aus ihren Löchern locken – was nicht ganz so klappt wie gedacht. Das folgt dem Grundprinzip nicht nur dieser Komödienserie: Aus schönen Plänen wird schwer kontrollierbarer Schlamassel.

Tag für Tag tauchen mehr Menschen in Spielewelten ein als ins Theater oder ins Kino gehen. Trotzdem wird von dieser dynamischen Kultur kaum je erzählt, fast so wenig, wie es Romane mit einem ausschließlichen Personal glucksender Säuglinge gibt: als sei die Szene der Spieler und Spieleentwickler eine nicht fassbare infantile Vorstufe des Erwachsenseins. „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ ändert das: Der Alltag in einer Spieleschmiede wird zugleich kenntnisreich und ohne Furcht vor Übertreibung ironisiert.

Egos und Mähroboter

Ian Grimm (Rob McElhenney) ist der Mann, der sich das Spiel „Mythic Quest“ ausgedacht hat. Sein massives Ego ist das eines Schöpfergottes, aber er kann kein einziges Pixelchen auf den Bildschirm bringen. Ohne die Chefprogrammiererin Polly (Charlotte Nicdao) käme kein Schwert ans Sausen, kein Kopf ins Rollen. Doch bleibt Polly nicht verborgen, dass man sie für ein Werkzeug hält, eine Art Mähroboter der Spielweltpflege, statt für eine Kreativpartnerin.

Fürs Kreative fühlt sich einer zuständig, der das Spiel noch nie gespielt hat, der abgewrackte, aber pompöse Fantastikautor C. W. Longbottom. 1973 hat er mal einen Nebula Award gewonnen und versucht nun täglich neu, das Wichtigkeitsgefühl von damals mit reichlich Alkohol noch einmal zum Brennen zu bringen. Dann gibt es da noch den kaufmännischen Geschäftsführer David (David Hornsby), der sich für die Investoren in Montreal um die Firma kümmern soll, den aber keiner ernst nimmt, und den für die Vermarktung virtueller Gegenstände verantwortlichen Brad (Danny Pudi), der die Spieler nur als Herde der Abzockbaren sieht. Alle sind sie zufrieden mit sich, unzufrieden mit allen anderen und umgeben von Leuten voller Ressentiments, Beschwerden und Verweigerungsstrategien – ganz wie im realen Arbeitsleben.

Mehr als bloß „The Office“

Die Serie wurde von Charlie Day und Rob McElhenney, die schon bei „It’s always sunny in Philadelphia“ zusammengearbeitet haben, gemeinsam mit Megan Ganz („Modern Family“) erfunden. Diese Komödienprofis wissen natürlich, wie man die Charaktere einander blamieren, auf die Zehen treten und in Rage bringen lässt. Aber die Gaudi ist mehr als eine Variante der Arbeitsplatz-Geisterbahn „The Office“, auch wenn Ian öfters an Ricky Gervais’ Figur in „The Office“ erinnert.

„Mythic Quest: Raven’s Banquet“ degradiert die Spielwelt nicht zur austauschbaren Kulisse, sondern setzt sich mit ihren Eigenheiten, Ritualen, Konflikten und Krisen auseinander, zum Beispiel mit dem Irrsinn, dass Wohl und Wehe großer Firmen von den Launen pubertierender Spielefreaks abhängig sind, die online im Nu einen Shitstorm entfesseln können. Das Spielegeschäft wird als Ritt auf dem Drachen kenntlich, als Inbegriff einer ganz auf Marktakzeptanz und Nachfragewellen zurückgeworfenen Kultur.

Verfügbarkeit: Apple TV+, alle neun Folgen bereits abrufbar

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