Der Premierminister (Guido Caprino) sieht sich mit dem rational nicht Erklärbaren konfrontiert, mit einer Wunderstatue. Foto: Arte

Die großartige Arte-Serie „Ein Wunder“ konfrontiert moderne Menschen in einem brüchigen Italien mit einem übernatürlichen Ereignis. Gläubige wie Atheisten sind ratlos. Wie und warum weint eine Madonnenstatue echtes Menschenblut?

Stuttgart - Es ist kein schöner Anblick, der sich der italienischen Polizei bietet, die gerade einen Mafiaboss stellt. Der Verbrecher kauert von oben bis unten mit Blut besudelt auf dem Boden seines Verstecks. Nur ist er weder Opfer noch Täter eines Gewaltakts. Das Blut fließt unablässig aus den Augen einer Madonnenstatue. Vorerst nimmt der Geheimdienst das Objekt in Obhut. Die Öffentlichkeit soll nicht erfahren, dass Italien wohl gerade das erlebt, was der Titel dieser Serie bei Arte gelassen ankündigt: „Ein Wunder“.

Ein verwahrloster Priester

Was sich hinter „Il Miracolo“, so auch der Originaltitel, verbirgt, ist weder thrillkitzelnde Urban Fantasy noch mondäugiger Esoterikkitsch, sondern etwas viel Überraschenderes: herber, lakonischer Realismus. Wunder, erklärt der Priester Marcello (Tommaso Ragno) dem Premierminister Fabricio (Guido Caprino), seien nicht für die Gläubigen da, die bräuchten keine, sondern für die Ungläubigen und jene, die gerade dabei seien, ihren Glauben zu verlieren. Und von diesen wankenden modernen Menschen führt „Ein Wunder“ nun einige vor, wobei nie unangenehm auffällt, wie eng der Figurenkreis gehalten ist, weil die Charaktere allesamt so prägnant gezeichnet und gespielt sind.

Marcello selbst etwa steckt tief in Verwahrlosung und Verzweiflung. Er ist ein Zocker mit Spielschulden, kassiert bei Gläubigen Geld für ein Hilfsprojekt in Afrika, das es nicht gibt, nimmt als guter Seelsorger eine junge Prostituierte im Auto mit und zwingt sie dann, ihn zu befriedigen. Bei all dem wirkt sein wütender Kummer über den Dreck seines Lebens echt, nicht nur, weil die Schläger des Buchmachers hinter ihm her sind und eine Jugendliebe seinen Betrug entlarvt. Als er selbst die Liste seiner Sünden herauskotzt, stellt er seinem Beichtvater die entscheidende Frage zu unserer Welt: „Sagen Sie mir die Wahrheit, ist dies die Hölle?“

Eine Volksabstimmung droht

Premierminister Fabricio ist ein rationaler Atheist, er macht einen korrekten Eindruck, wie auch jene bekennen, die ihn nicht wählen. Aber gerade fällt seine Regierung auseinander. Minister hintergehen ihn. Seine Frau landet mit peinlichen Videos auf Youtube. Eine Volksabstimmung droht, mit dem Ausstieg Italiens aus der EU zu enden. Nichts kann er weniger brauchen als das Spektakel einer Blut weinenden Madonna, das den irrationalen Kräften im Land Auftrieb geben würde. Und doch steht er nun neben seinem Geheimdienstchef in einer extrem nüchternen, kontrollierten Umgebung vor etwas, das sich nüchtern nicht erklären und nicht kontrollieren lässt.

Ernste Themen, durchgefeilte Bilder, beseelte Schauspieler und kluge Dialoge – das zeichnet die besten Serien von Netflix aus. Dieser von Niccolò Ammaniti („Ich habe keine Angst“) entworfene Arte-Achtteiler aber hält da locker mit, er ist ein Meisterstück – und fast schon ein Wunder.

Ausstrahlung: Arte, 10. Januar 2019, 2019, drei Folgen am Stück. An den beiden folgenden Donnerstagen geht’s weiter.

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