Die Angeklagte und ihr Anwalt im Gerichtssaal – wo sie ihre Taten glaubwürdig bereut hat. Foto: dpa

Wegen bewaffneter Überfälle muss eine 47 Jahre alte Frau für elf Jahre hinter Gitter. Die Verurteilte ist transsexuell – was den Fahndern bei der Suche nach dem Täter oder der Täterin große Probleme bereitet hat.

Bietigheim/Ansbach - Ihre Spielsucht hat eine heute 47-jährige Frau zu vier Raubüberfällen auf Supermärkte in Bayern und Baden-Württemberg getrieben. Die Tatorte waren in Murr, Abstatt (Kreis Heilbronn), Rauenberg (Rhein-Neckar-Kreis) und im fränkischen Burgoberbach (Kreis Ansbach). Am Donnerstag wurde sie vor dem Landgericht in Ansbach dafür verurteilt: Die Frau, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat, muss für elf Jahre ins Gefängnis.

Die Überfälle in den Jahren 2011 und 2012 hatten der Kripo viele Rätsel aufgegeben. Zwar gab es jeweils mehrere Augenzeugen, aber diese waren sich nicht einig, ob sich ein Mann oder eine Frau unter der Baseball-Cap und hinter der Gesichtsmaske verborgen hatte. Lange Haare, sehr zierliche Gestalt, aber tiefe Stimme. „Die Meinungen gingen auseinander“, fasste ein Kripobeamter aus Heidelberg die Aussagen in der Aldi-Filiale in Rauenberg zur Frage des Geschlechts zusammen. Von einem Überfall lagen Videobilder einer Überwachungskamera vor, doch auch diese brachten keine Klarheit.

Das lag auch an der Biografie der Täterin: Als Sohn eines Werkzeugmachers in Bietigheim-Bissingen geboren, war sie sich eigenen Aussagen zufolge seit der Pubertät nicht über ihre Geschlechtsidentität im Klaren. „Ich habe aus Angst vor den Folgen aber lange mit einer Operation gewartet.“ Erst mit 41 Jahren wurde Barbara G. (Name geändert) auch körperlich zur Frau. „Ich trug zunächst lediglich lange Haare, aber nach drei Jahren spürte ich, dass ich damit nur eine Rolle spielte. Letztlich habe ich nie aufgehört, mich als Mann zu fühlen. Jetzt ist es irgendwas dazwischen“, sagte Barbara G. am Donnerstag vor der Großen Strafkammer des Landgerichts.

Angeklagte verweist auf hohe Schulden

Eine Stunde lang schilderte sie, wie aus dem Jungen, der wegen seines geschickten Umgangs mit Waffen schon mit 16 Jahren eine Sondergenehmigung als Sportschütze bekam und zahlreiche Wettbewerbe gewann, eine Frau und eine Räuberin mit Pistole und Revolver wurde. „Ich habe durch meine hohen Schulden keinen anderen Weg gesehen, an Geld zu kommen.“ Rund 10 000 Euro betrug die Beute insgesamt.

Zunächst ohne Konsequenzen. Selbst ein ausführlicher Beitrag in „Aktenzeichen XY“ brachte keine Hinweise auf die Täterin, die sich, eine Waffe in der Hand, Geld aus den Kassen geben ließ. In Burgoberbach dirigierte sie eine Angestellte zum Büro. „Ich wusste, dass sich der Tresor um diese Zeit von mir gar nicht öffnen ließ“, sagte die Frau unter Tränen. „Deshalb dachte ich, meine letzte Stunde hat geschlagen.“ Nur ein Alarm, den ein Kunde auf der Flucht durch den Notausgang auslöste, ließ Barbara G. den Überfall abbrechen.

Nach den vier Taten zwischen November 2011 und März 2012 war Schluss. „Wir haben die ungeklärte Serie immer im Fokus behalten“, sagte der Ansbacher Kripobeamte. Die Polizisten wendeten die wenigen Spuren ein ums andere Mal, weil in Burgoberbach tatsächlich Schüsse gefallen waren. Auf dem Parkplatz vor dem Norma-Markt in Burgoberbach hatte in seinem Porsche Cayenne ein Mann gewartet, weil er von außen den Überfall bemerkt hatte. „Ich wollte ein Foto machen.“

Als Barbara G. dies bemerkte, lud sie auf dem Parkplatz durch und schoss fünf bis sieben Mal aus 18 Metern. „Ich habe bewusst hoch in die Luft geschossen. Ich wollte nur vermeiden, dass mich der Mann in seinem Porsche verfolgt. Wenn ich ihn hätte treffen wollen, hätte ich das getan“, sagte die 47-Jährige. Die Abschreckung wirkte, ihr gelang die Flucht. „Danach habe ich aber aufgehört.“ Dass sie tatsächlich ihre Waffen benutzt habe, habe sie schockiert.

Gutachter hält Täterin für voll schuldfähig

Nach der „XY“-Sendung gestand sie erst ihrer Mutter, die Verdacht geschöpft hatte, dann ihrem Vater die Überfälle. Auch einer damals neuen Lebensgefährtin erzählte sie davon. „Ich wollte ein ehrliches Fundament für die Beziehung. Das ist mir zum Verhängnis geworden.“ Denn knapp zwei Jahre später war es vorbei, die enttäuschte Partnerin wandte sich an eine befreundete Richterin, die die Polizei informierte.

Der psychiatrische Gutachter hielt Barbara G. für voll schuldfähig. Weder die Spielsucht noch das lange Ringen mit der Transsexualität vermindere die Einsicht in das eigene Unrecht, meinte er. Barbara G. bekannte in ihrem Schlusswort ihre Erleichterung, nun die Verantwortung für ihr Tun übernehmen zu können. Bei den Supermarkt-Angestellten, die zum Teil wegen der traumatischen Minuten ihren Beruf wechseln mussten, entschuldigte sie sich im Stehen. „Es tut mir irrsinnig leid, was ich Ihnen angetan habe.“

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