Amy Adams als Camille Preaker in „Sharp Objects“ Foto: HBO

Eine psychisch angeschlagene Journalistin. Ein Kaff im Mittleren Western, das mehr Geheimnisse als Einwohner hat. Ein Krimidrama, das faszinierend zwischen Led Zeppelin und Tennessee Williams herumirrt: Amy Adams beeindruckt in der Miniserie „Sharp Objects“, die am 30. August auf Sky gestartet ist.

Stuttgart - Das Schild an der tristen Hauptstraße lügt. „Willkommen in Wind Gap“, ist da zu lesen. Doch willkommen ist hier in der hintersten Ecke von Missouri keiner. Es bröckelt der Putz an den Fassaden dieses Kaffs, Türen werden einem vor der Nase zugeschlagen. Einheimische gaukeln sich vor, in einer Puppenhauswelt zu leben, und jedes Jahr spielen sie bei den Bürgerkriegsfestspielen eine historische Vergewaltigung nach. Teenagermädchen amüsieren sich währenddessen in einer Schweineschlachterei. Oder sie nehmen Reißaus, hauen wie Camille ab nach St. Louis. Ohne natürlich Wind Gap und den dunklen Flecken in der eigenen Vergangenheit wirklich entfliehen zu können.

Wind Gap ist einer dieser TV-Kleinstädte wie Twin Peaks, Riverdale, Broadchurch oder Winden aus „Dark“; Käffer, die harmlos tun, in denen es aber aufdringlich nach Sex, Drogen, Gewalt und Missbrauch riecht. Von Wind Gap erzählt nun die Miniserie „Sharp Objects“, die auf ­Gillian Flynns Debütroman „Cry Baby“ beruht. Der Achtteiler stammt von Marti Noxon, Regie hat Jean-Marc Vallée geführt. Die beiden haben zwar erst kürzlich in „Dietland“ beziehungsweise „Little Big Lies“ von sexueller Gewalt, von weiblicher Selbstbestimmung, von der Umkehrung von Täter- und Opferrolle erzählt. Aber so schockierend, so eindringlich wie in „Sharp Objects“ waren ihre Geschichten zuvor nicht.

Angst vor der hochneurotischen Übermutter

Das liegt an dem Drehbuch, am Soundtrack, an der Kamera – und an Amy Adams, die Camille Preaker spielt, eine psychisch angeschlagene Journalistin, die in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um eine Story über verschwundene und ermordete Mädchen zu schreiben. „Mit gutem Aussehen und Geld bringt man es weit in dieser Stadt“, verrät Camille dem Polizisten Richard (Chris Messina), „mit etwas Grips schafft man es aber aus der Stadt hinaus.“

Zwei Mädchen haben es nicht aus Wind Gap hinausgeschafft. Eines wurde in einem Teich entdeckt, das andere hat man mitten in der Stadt in einer Gasse gefunden. So grausig die Bilder sind, der ­Schrecken für Camille lauert in Wind Gap woanders. Wenn sie sich in ihrem Auto Mut antrinkt, dann nur, weil sie zurück in das Haus muss, in dem sie ihre Kindheit und ­Jugend verbracht hat, weil sie vorübergehend ­wieder einzieht in die dunkle Südstaatenvilla, in der sie von ihrer hochneurotischen Übermutter Adora (Patricia Clarkson) ­erwartet wird. Hier lauern Camille so viele böse Erinnerungen auf, dass der Fall, über den sie für den „St. Louis Chronicle“ eine Reportage schreiben soll, fast in Vergessenheit gerät.

Tennesse Williams auf LSD

„Sharp Objects“ ist ein assoziativ erzählter Southern-Gothic-Thriller, der einem mit seiner verstörend-verschwommenen Ästhetik wie die filmische Umsetzung eines Lana-del-Rey-Songs vorkommt. Oder – wie es Jean-Marc Vallée ausdrückt – wie „Tennessee Williams auf LSD“. Mehr und mehr verwandelt sich der Thriller nämlich in ein Familiendrama, in dessen Zentrum Camille, ihre Mutter Adora und ihre Halbschwester Amma (Eliza Scanlen) stehen. Sie alle werden als zerbrochene, verlorene Existenzen vorgeführt. Amma spielt zu Hause die schüchterne Prinzessin, draußen aber die vulgäre Rollschuh-Lolita. Adora wird von Zwangsvorstellungen getrieben, setzt jedoch alles daran, den Schein der Bilderbuchfamilien-Matriarchin aufrecht zu erhalten. Und Camille ist gerade erst aus der Psychiatrie entlassen worden und ständig betrunken. Die Worte, die sie sich in die Haut geritzt hat, machen ihren Körper zu einer Landkarte der Qualen. Während man versucht, sie zu Hause mit Alexandra Streliskis „Plus tot“ oder Nana Mouskouris „Les parapluies des Cherbourgh“ ruhig zu stellen, tobt sie sich in ihrem Auto mit Led Zeppelins „I can’t quit you baby“ oder „What is and what should never be“ aus.

Camille befindet sich in einer Art Dauerdelirium. Und weil „Sharp Objects“ sie zur Erzählerin macht, ist die Geschichte, die in acht Episoden vor einem ausgebreitet wird, alles andere als ein konsequent komponierter Krimiplot, sondern irrt wunderbar verloren zwischen den Ereignissen hin und her. Man ist zusammen mit Camille in Wind Gap in einem bitterbösen Fiebertraum gefangen, bis einen der allerletzte Satz mit schonungsloser Brutalität aufweckt und die ganze Geschichte auf den Kopf stellt.

Vom Bestseller zur Serie

Buch Die Thriller „Gone Girl“ (2012) und „Dark Places“ (2014) haben die US-Autorin Gillian Flynn berühmt gemacht. „Sharp Objects“ beruht auf Flynns Debüt von 2007, das hierzulande unter dem Titel „Cry Baby“ erschien.

Miniserie Den Achtteiler hat Marti ­Noxon („Dietland“) entwickelt. Von diesem Donnerstag an wird „Sharp Objects“ auf Sky Atlantic im Original und in der deutschen Synchronfassung ausgestrahlt.

Soundtrack In unserer Spotify-Playlist finden Sie eine kleine Auswahl der Songs, die in „Sharp Objects“ zu hören sind.

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