Am 2. Februar 2012 überfällt eine unbekannte Person die Aldi-Filiale in Rauenberg. Ungewöhnlich daran: Der Täter hält eine Waffe in jeder Hand. Foto: Jim Albright

Nach einer fünf Jahre dauernden Suche hat die Polizei eine Serientäterin aus Bietigheim-Bissingen gefasst. Nun wird Anklage gegen wegen schweren Raubs in vier Fällen gegen die Frau erhoben. Protokoll der nervenaufreibenden Ermittlungsarbeit.

Bietigheim-Bissingen - Der Zugriff erfolgt um sechs Uhr am Morgen. Die Verdächtige schläft noch, als die Männer vom SEK ihre Wohnung in Bietigheim-Bissingen aufbrechen. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Ordentlich alles, aufgeräumt. Neben dem Bett stehen zwei Gewehre. Außerdem finden die Polizisten eine Pistole der Marke Star. Sie sind ­sicher: Die Täterin ist endlich gefasst.

Die Suche hat fast fünf Jahre gedauert. Begonnen hatte sie am 2. Dezember 2011. Damals wurde ein Lidl-Markt in Murr überfallen. Vier Wochen später folgte ein Überfall auf einen Aldi in Abstatt, am 2. Februar 2012 ein Überfall auf einen Aldi in Rauenberg und am 5. März 2012 ein Überfall auf einen Norma im fränkischen Burgoberbach. Die Beute betrug insgesamt weniger als 20 000 Euro. Die Ermittler ahnten bald, dass die Taten zusammenhängen. Aber irgendwann hat sich keiner von ihnen mehr vorstellen können, den Täter je zu finden. Dass sie den Fall an jenem frühen Julimorgen doch noch lösen konnten, hat mit verletzten Gefühlen, verspieltem Vertrauen und auch ein bisschen mit Glück zu tun.

Lange geht die Polizei davon aus, dass ein männlicher Täter für die Überfallserie verantwortlich ist. Am 5. März 2012 um 19 Uhr betritt der Räuber den Norma in Burgoberbach. Er ist maskiert und mit zwei Pistolen bewaffnet. Er bedroht eine Mitarbeiterin, die das Geld aus ihrer Kasse in eine Tüte stopfen muss. Mit rund 1600 Euro verlässt der Unbekannte den Discounter. Auf dem Parkplatz sieht er, wie ihn ein Mann aus dem Auto heraus fotografieren will. Der Täter schießt auf den Zeugen. Der gibt Gas und rast unversehrt davon.

Hollywoodreife Überfälle

In den Stunden nach diesem dramatischen Ereignis ist die Ansbacher Polizei mit allem unterwegs, was ihr zur Verfügung steht. Streifen sperren ringsum die Straßen ab, Einsatzkräfte durchsuchen mit Hunden das Einkaufsgelände, ein Hubschrauber steigt auf. Doch die Fahndung führt zu nichts, der Täter bleibt verschwunden.

Außer in Action-Thrillern kommt es eigentlich nicht vor, dass ein Räuber mit zwei Waffen ein Geschäft stürmt – weil es unpraktisch ist. Wer in jeder Hand eine Pistole hält, hat keine Hand frei, um die Beute sicher zu halten. Als die Sonderermittler von der Kriminalinspektion Ansbach ihren Fall mit anderen Gewaltverbrechen in der Republik abgleichen, stellen sie fest: Bei den Überfällen in Murr, in Abstatt und in Rauenberg ist der Täter ebenfalls so hollywoodreif vorgegangen. Und wie in Burgoberbach hat er die Kassiererinnen das Geld in eine Tüte packen lassen und ist zu Fuß geflüchtet. In allen drei Fällen vermuteten die jeweiligen Ermittler, dass das Fluchtauto in der Nähe abgestellt war. Und – noch eine wichtige Parallele – allen Zeugen an allen Orten war ­aufgefallen, dass der Täter sehr schmal war, die Augen schwach mit Kajal geschminkt hatte und mit einer Stimme sprach, die nicht zwingend männlich klang. Ist der Täter ­womöglich eine Täterin?

Die Polizisten in Ansbach schöpfen Hoffnung. Wenn es Spuren von vier Tatorten gibt, ist die Chance, einen entscheidenden Hinweis zu finden, viermal höher. Ein sichergestellter Fingerabdruck, eine übereinstimmende DNA-Spur, ein geortetes Handy, ein auffälliges Autokennzeichen, irgendwas. Doch alles, was die Ermittler in monatelanger Arbeit herausfinden, ist, dass es sich bei dem Fluchtauto wahrscheinlich um einen türkisfarbenen Opel Corsa handelt und eine der Pistolen von dem spanischen Waffenhersteller Star stammt.

Zigtausend Spuren

Wenn Hermann Lennert erzählt, wie die Ermittler die berühmte Nadel im Heuhaufen gesucht haben, ist der Ansbacher Kripo-Chef noch heute, vier Jahre später, hörbar beeindruckt von den vielen, vielen Heuhalmen, durch die sich die Polizisten gewühlt haben. Exakt 31 555 Stück.

Die Polizisten durchforsteten die Computer nach allem Waffenbesitzern, die eine Pistole der Marke Star angemeldet haben. Sie ließen sich vom Kraftfahrtbundesamt die Daten aller Fahrer eines Opel Corsa übermitteln. Und sie spürten allen Personen nach, die bereits polizeibekannt waren und die der Beschreibung des Täters – oder der Täterin – entsprachen. Einigermaßen entsprachen, muss man korrekterweise sagen, denn die Angaben der Zeugen waren nicht sonderlich präzise. Einmal sollte die gesuchte Person ein Meter fünfundsechzig groß gewesen sein, ein anderes Mal ein Meter achtzig. Einmal wurde ihr Alter auf 25 bis 30 Jahre geschätzt, ein anderes Mal auf 35 bis 45. Einmal sollte der Täter sogar einen Dreitagebart getragen haben, obwohl er doch mit einem Tuch maskiert war. Na ja.

Am Ende der Rasterfahndung haben Hermann Lennerts Ermittler jedenfalls ­exakt 31 555 Datensätze. Daraus destillieren sie 300 Ermittlungsansätze. Sie überprüfen jemanden, der einen Opel Corsa hat und eine Waffe. Doch wie sich herausstellt, ist dieser Jemand viel zu kräftig gebaut – er kann es also nicht gewesen sein. Die Ermittler nehmen einen anderen Verdächtigen unter die Lupe, auf den zwar die körperliche Beschreibung passt und der sogar vorbestraft ist, aber zur Tatzeit ist er erwiesenermaßen im Ausland gewesen. So geht es immer weiter. Und am Ende müssen die Fährtensucher von Ansbach feststellen, dass ihre 300 Spuren alle ins Nichts geführt haben.

Der entscheidende Hinweis

Schließlich wird der scheinbar unlösbare Fall in der Sendung „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“ gezeigt. Ebenfalls ohne Erfolg. Und ein neues, komplett unbefangenes Team geht alle Unterlagen noch einmal gründlich durch. Erneut ohne Ergebnis. Wann immer Hermann Lennert am Norma in Burgoberbach vorbeifährt, und das tut er zu jener Zeit oft, spürt er ein kriminalistisches Unwohlsein. Sollte es dabei bleiben, dass dieses große Verbrechen in diesem kleinen Ort nicht aufgeklärt wird? Dass irgendwo da draußen ein Straftäter rumläuft, der nicht bestraft wird?

Der entscheidende Hinweis kommt wie aus heiterem Himmel. Am 28. Mai dieses Jahres ruft auf dem Revier in Ansbach ein Mann an. Der bis dato unbekannte Zeuge behauptet, das Phantom zu kennen.

Seine Aussage klingt so: Eine Bekannte erzählte ihm, dass eine 46 Jahre alte Frau aus Bietigheim-Bissingen vier Discounter überfallen habe. Die beiden Frauen hatte eine enge Freundschaft verbunden. Als die Beziehung in die Brüche gegangen war, fühlte sich die eine der beiden Frauen nicht mehr verpflichtet, das anvertraute Geheimnis zu hüten, und erzählte es ihm weiter. Er habe jedoch nicht gewusst, ob er die Geschichte glauben soll. Vielleicht wird da nur schmutzige Wäsche gewaschen? Doch als er bei seiner Recherche im Internet die alte „XY“-Sendung in der ZDF-Mediathek entdeckte, ahnte er, dass die Geschichte von der Kriminellen aus Bietigheim-Bissingen keine Räuberpistole ist.

Die Polizisten lassen die 46 Jahre alte Frau nicht mehr aus den Augen. „Operative Maßnahmen“ nennen das die Kriminalisten. Details nennt Hermann Lennert nicht, er sagt nur: „Wir haben ausgeschöpft, was die Strafprozessordnung hergibt.“ Die Strafprozessordnung gibt zum Beispiel eine Durchsuchung der Wohnung her, wenn der Bewohner nicht daheim ist. Und das Durchleuchten von Konten. Und eine Observation der Zielperson. Ihre Zielperson, das finden die Ermittler heraus, ist eine Einzelgängerin. Sie hat eine Ausbildung als Werkzeugmacherin, lebt aber von Hartz IV oder Gelegenheitsjobs. Und sie liebt Waffen.

Zwanzig Waffen in einer Lagerhalle

Als die Polizisten an jenem Julimorgen die Wohnung stürmen, sind da nicht nur zwei Gewehre neben dem Bett. In einer Lagerhalle nicht weit entfernt finden sie noch mehr Langfeuerwaffen, dazu Faustfeuerwaffen, Schnellfeuerwaffen, 20 Stück insgesamt, ­alle sorgfältig aufbewahrt und bestens ­gepflegt. Und Munition, mehrere Tausend Schuss, sowie 70 einzelne Waffenteile zum Weiterbasteln. Das Arsenal besteht größtenteils aus ehemaligen Dekowaffen, die bei Internethändlern und in belgischen Geschäften erworben wurden. Daraus scharfe Waffen zu machen ist für eine Werkzeug­macherin kein Problem.

Die Frau, die von der Polizei lange für einen Mann gehalten wurde, gesteht die Überfälle auf die Discounter noch am selben Tag. Sie beteuert, dass sie niemals jemanden verletzen oder gar töten wollte. Auf dem Norma-Parkplatz in Burgoberbach habe sie nur abgedrückt, um den lästigen Zeugen zu vertreiben. Hätte sie ihn wirklich treffen wollen, dann hätte sie ihn getroffen, sagt die Frau. Mit dem geraubten Geld habe sie Schulden begleichen wollen, die sie in Spielhallen angehäuft hatte. Über die Schüsse auf dem Norma-Parkplatz, so sagt sie, sei sie selbst erschrocken. So sehr, dass sie danach keinen Raubzug mehr unternommen habe.

Nach der „XY“-Sendung, in der das „Phantom von Burgoberbach“ gesucht wurde, vernichtete sie Spuren. Sie verwandelte eine Tatwaffe in den funktionsuntüchtigen Dekostatus zurück und verkaufte sie über das Internet. Bei der anderen, der Star-Pistole, schleifte sie das Kugellager und den Lauf aus. Falls jemals wieder damit geschossen worden wäre, hätten die Patronen keinen Abdruck mehr hinterlassen können, der mit der Überfall in Burgoberbach in Verbindung gebracht werden könnte.

Am 19. Juli dieses Jahres wurde die Serientäterin verhaftet. Sie sitzt jetzt in Nürnberg im Gefängnis. Dort wird sie bleiben, bis in einigen Monaten ihr Prozess beginnt. Die Anklage, die die Ansbacher Staatsanwaltschaft nun erhoben hat, lautet auf schweren Raub in vier Fällen.

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