Menschen mit funktionaler Diversität, wie körperlich und geistig Behinderte nun heißen, sind am Bildschirm oft Randfiguren. Serien wie „Simple“ und Shows wie „Besonders verliebt“ ändern das gerade.
Kann sich noch irgendjemand an Walter Zabel erinnern? Vor genau 50 Jahren erblickte er im ZDF das Licht der Fernsehwelt und machte siebenmal 45 Minuten lang nichts als Scherereien. Schließlich war „Unser Walter“ kein Kind wie alle anderen; es galt als etwas, wofür auch die ZDF-Fernsehlotterie „Aktion Mensch“ vor ihrer Umbenennung Anfang des Jahres 2000 mit dramatischer Musik zu dramatischen Bildern Geld gesammelt hat: ein Sorgenkind.
So nannte man einst auch sorgenfreie Kinder mit Trisomie 21, von denen einst auf rassistische Art abschätzig als „mongoloid“ die Rede war. Und obwohl „Unser Walter“ am Ende der preisgekrönten Serie ein vergleichsweise selbstbestimmtes Leben führt, entsprach ihr Tonfall dem der gesamten Film- und Fernsehlandschaft. Angeborene Handicaps kamen darin entweder gar nicht vor, und falls doch, dann als Probleme auf Beinen oder Rädern wie das querschnittsgelähmte „Vorstadtkrokodil“ Kurt, den seine „normalen“ Freunde 1977 eher geduldet als gemocht haben. Daran ändert zunächst auch die ZDF-Neo-Serie „Simple“ wenig.
Die ungewöhnlichste WG seit „The Big Bang Theory“
Dennoch ist der spanische Fünfteiler ein Meilenstein fiktionaler Inklusion, auf den Betroffene lang gewartet haben. 30 Jahre, nachdem sich ein gewisser Forrest Gump auf den Weg der Selbstermächtigung durch die Geschichte Amerikas begeben hat, dürfen vier grundverschiedene Frauen die ungewöhnlichste WG seit „The Big Bang Theory“ bewohnen. Neben der freiheitsliebenden Marga (Natalia de Molina) besteht sie aus der lernverzögerten Ángels (Coria Castillo), ihrer autistischen Cousine Nati (Anna Castillo) und deren mental retardierter Schwester Patri (Anna Marchessi).
Ob sie Krankheiten oder bloß Kratzer haben, ob sie daran mehr leiden als an den Konventionen der Gesellschaft, ob das Quartett eigensinniger Außenseiterinnen überhaupt unnormal ist oder nach Rosa von Praunheims Bonmot über Homosexuelle eher die Situation, in der sie leben: all das dekliniert Anna R. Costas Drehbuch nach Cristina Morales Roman „Lectura Fácil“ fünfmal 35 Minuten lang auf lehrreiche Art unterhaltsam durch, ohne „Menschen mit funktionaler Diversität“, wie ihre Betreuerin Laia sie nennt, als Opfer darzustellen.
Im Volksmund einst „geisteskrank“ genannt, wäre ihr Platz abgesehen von Ausnahmen wie Forrest Gump das dramaturgische Randgebiet gewesen. Regisseurin Laura Jou aber rückt sie von dort aus ins Zentrum einer hinreißenden Tragikomödie über den Dächern Barcelonas, wo sie den Protagonistinnen etwas Unerhörtes gewährt: sozial betreute, aber weitestgehend autonome Existenzen mit Jobs, Partnern, Freizeit, Stress, Freunden, Instagram-Account und sogar ein bisschen Sex and Drugs and Rock’n‘Roll.
Alltagsprobleme gibt es natürlich trotzdem. Viele davon haben auch damit zu tun, dass sie sich kognitiv eher auf Vor- als auf Hochschulniveau befinden. Trotzdem besteht hier ein himmelweiter Unterschied zu früheren Behinderungsfiktionen.
Sympathieträger mit physischer Einschränkung
Schon 1987 schaffte es Patrick Bachs Rollstuhlfahrer Rainer im Weihnachtsmehrteiler „Anna“ zwar zum zuckersüßen Sympathieträger, was Florian David Fitz als „Vincent will Meer“ mit Tourette-Syndrom 23 Jahre später noch steigern konnte. Und der kleinwüchsige Tyrion Lennister überlebte als einer der wenigen das Dauergemetzel im „Game of Thrones“. Ihre (noch so ein abschätziger Begriff) Gebrechen sind allerdings meist physischer Natur, weshalb die Skripte mehr Raum zur Persönlichkeitsentfaltung ließen. Der selbstbestimmteste Filmcharakter mit geistiger Beeinträchtigung bleibt „Forrest Gump“. Auch er war: ein weißer Mann, wenngleich kein allzu privilegierter. Körperlich und geistig beeinträchtigte Filmfiguren kennt das Fernsehen mittlerweile zwar fast ebenso viele wie Hausmänner und Oberärztinnen. Intersektional, also mehrfach benachteiligt, sind allerdings nur wenige.
Auch hier bürstet das katalanische Frauen-Quartett von „Simple“ also ein Stück gegen den Strich tradierter Rollenzuteilungen hilfsbedürftiger Objekte fürsorglicher Subjekte – und segelt damit ein wenig im Wind moderner Real-Life-Formate. In der Kuppelshow „Besonders verliebt“ suchen funktional diverse Menschen zum Beispiel schon seit 2021 nach dem US-Vorbild „The Undatables“ Partner fürs Leben. Und meistens schafft Vox dabei sogar einen Spagat zwischen Respekt und Voyeurismus, der Rolf Brederlow bereits Ende der Neunziger gelang. Als privat und beruflich eigenständiger Kumpeltyp „Bobby“ spielte er sich seinerzeit vom Down-Syndrom frei, wie es seine Kolleginnen Dennenesch Zoudé oder Sibel Kekilli von ihrer Herkunft taten. Mit seinem Wegbereiter Walter Zabel hatte Brederlow nur noch äußerlich etwas gemein. Der war schließlich ein Sorgenkind. Und Bobby? Bekam nicht nur viele Fernsehrollen, sondern das Bundesverdienstkreuz.
Wegweisende Film- und Fernsehcharaktere mit Beeinträchtigung
Klara Sesemann
Heidis beste Freundin, die am Ende von Buch und Serie aus dem Rollstuhl steigt.
Peter Dinklage
Inklusionsikone seit seiner Rolle als kleinwüchsiger Tyrion in Game of Thrones.
Forrest Gump
Wirbelgeschädigter Hillbilly mit niedrigem IQ, für den Tom Hanks 1995 den Oscar erhielt.
Rolf Krauthausen
Inklusionsaktivist mit Glasknochenkrankheit.
Philippe Pozzo di Borgo
Realer Tetraplegiker, der in „Ziemlich beste Freunde“ zur Komödienfigur wird.
Juana
„1 Meter 20“ große Frau einer argentinischen Arte-Serie, die wie alle Teenager Liebe und Sex will.
Mürfel
Hans Beimers mental retardiertes Kind, das ab 1999 in der „Lindenstraße“ aufwachsen durfte.