Demokratie im Stuhlkreis: Nina (Lavinia Wilson) und Jannos (Jasin Challah) heben die Hand. Foto: TNT

Das Leben ist zu kurz, um es mit Ramsch vor dem Fernseher zu verschwenden. Unser Schnelltest verrät, ob sich die TNT-Serie „Andere Eltern“ wirklich lohnt: Eine Gruppe Helikoptereltern gründet eine eigene Kita.

Stuttgart - Das Leben ist zu kurz, um es mit Ramsch vor dem Fernseher zu verschwenden. Unser Schnelltest verrät, ob es sich wirklich lohnt, sich auf eine neue Serie einzulassen. Wir haben für Sie gesehen:„Andere Eltern“.

Worum geht es? Nina (Lavinia Wilson) ist mit dem dritten Kind schwanger, hat aber nicht mal für ihr zweites einen Kita-Platz in Köln-Nippes bekommen. Logische Konsequenzen: Sie gründet zusammen mit einem Haufen vermeintlich Gleichgesinnter eine eigene Kita. Und sie ist nicht mehr hipper „Creative Director“ in einer Agentur, sondern schult um auf Yoga-Lehrerin.

Geht das gut? Mitstreiter sind z. B. Ninas Mann Jannos (Jasin Challah), Hausmann Björn mit der Tortenbäckerin Yaa (Serkan Kaya und Rebecca Lina), der Anwalt Lars und die Lehrerin Anita (Sebastian Schwarz und Nadja Becker), die alleinerziehende Musikproduzentin und Raucherin Nike (Henny Reents) und ihr schwuler Bruder Malte (Daniel Zillmann). Gleichgesinnt sind die alle nur bedingt.

Ja und? Der Siebenteiler „Andere Eltern“ wird nicht als normale Spielserie aufgezogen, sondern als angebliche Doku. Ninas Mutter Ini (Johanna Gatdorf) ist Filmerin und will dem Phänomen Helikoptereltern auf die Spur kommen. Es ist ihr so fremd wie ihre eigene Tochter. Kamera. Die Schauspieler improvisieren.

Worum geht es also wirklich? Um die unerträgliche Schwere des heutigen Elternseins. Ini beschreibt die in Kommentaren stets ziemlich kompliziert: „Bio-Bohemians beim Umbau ihres Köln-Nippes-Soziotops zur keimfreien Filterblase. Als stünden diese Eltern mit ihrem Frust so symptomatisch für unsere Gegenwart, in der sich basische Workflows wie Hunger, Essen satt zu schier unlösbaren Herausforderungen auswachsen“.

Spinnen hier alle? Ini nicht. Sie wirkt als einzige normal - auf Frauen fernab der Hipster-Ära. Als Bindeglied zwischen den Generationen stellt Ini sich Fragen wie diese: Wie würden unsere Städte heute aussehen, wären die Trümmerfrauen damals so ans Werk gegangen wie die Hauptfiguren ihres Films? So jammernd, so verantwortungsabwälzend, so gelähmt?

Drei von zig Höhepunkten in den ersten Folgen 1. Wie beim unerträglichsten Elternabend diskutieren die Kita-Gründer auf unbequemen Ministühlen über den Namen ihrer zukünftigen chakra-gerecht hingezimmerten Kinderwunderwelt. Haarscharf schrammen sie bei der Abstimmung vorbei an: Adolf-Kita. Und Globulillis. 2. Nina will Bäumchen pflanzen im Kita-Garten. Auf Plazentas. Yaa findet das eklig: „Die isst man doch. Oder macht daraus Globuli.“ 3. Nina hantiert mit Kindervisitenkarten. Was ist schlimmer? Dass darauf Allergien, Vorlieben und vielleicht auch Fremdsprachenkenntnisse der Kleinen festgehalten sind? Oder dass Nina davon spricht, dass diese Ausweise bei „Play-Dates“ nützlich sind? Play-Dates? Ernsthaft?

Unerträglich Die Sprache. Alles wächst aus irgendwem heraus. Wird zur Welt gebracht. Es wird viel über „Energie“ geredet. Wo auch immer sich der Serienschöpfer Lutz Heineking jr. in letzter Zeit herumgetrieben haben mag: Er hat sehr genau hingeschaut und -gehört. „So ein Grundhass auf die Eltern um mich herum“, habe ihn angetrieben, sagt Heineking jr. in einem Interview, „Hass im liebevollen Sinn“.

Die liebsten Kotzbrocken Björn, der Hauspapa, der sich ständig rechtfertigt, „ich bin ja Arzt, Richter.... blabla gleichzeitig“, der ständig den Mittelstrahl des Morgenurins als Desinfektionsarznei dabei hat und Spielplätze auf Tauglichkeit prüft. Und Lars, der seinen Alltagsrassismus nie versteckt und über den schwulen Malte höhnt, der sei im „braunen Salon“ unterwegs.

Entlarvend Björn erklärt, dass sie im autofreien Viertel wohnen. Dafür haben sie einen Wisch unterschreiben müssen, dass sie gar kein Auto haben. Aber natürlich haben sie eins. Mit dem parken sie das Viertel nebenan zu. Wie ihre Nachbarn, die im autofreien Viertel wohnen und so ticken wie sie. Also wie alle.

Gruseligster Lerneffekt Wahrscheinlich hätte Heineking jr. gar keine Schauspieler engagieren müssen. Mit der Kamera einmal quer durch Köln-Nippes – und er hätte ähnliche Geschichten im Kasten gehabt. Inis Vergleich zu den Kriegszeiten und Trümmerfrauen lässt die heutigen Mütter einerseits erbärmlich dastehen. Andererseits zeigt „Andere Eltern“ auf welchen Kampfschauplätzen sich Väter und Mütter heute herumschlagen müssen - zwischen unerlaubtem Fastfood und verordnetem Fremdsprachenkurs in der Kita, zwischen Heuchelei und echter Überzeugung. Die Serie zeigt, dass Helikoptereltern viel weniger um ihre Kinder kreisen als um sich selbst – und wie sie sich dabei ruckzuck in Luftkämpfe verwickeln.

Wer soll das gucken? Die anderen Eltern.

Und wer am allerdringendsten? Alle, die glauben, sie seien nicht die anderen Eltern.

Bingewatch-Faktor? Von Anfang an hoch. Ein besseres Generationenporträt gibt es derzeit nicht.

Gesamtnote 1

Ausstrahlung: TNT, immer dienstags um 20.15 Uhr. Via Skyticket und andere Anbieter auch als Streaming-Angebot.

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