Die FBI-Agenten Holden Ford (Jonathan Groff, li.) und Bill Tench (Holt McCallany) warten im Gefängnis auf ein Interview. Foto: Merrick Morton/Netflix

Der Regisseur David Fincher „(„Seven“, „House of Cards“) ist Experte für alle Spielarten von Thriller. 2017 erzählte er in „Mindhunter“ von den Anfängen des Profilings, der psychologischen Fallanalyse beim FBI. Nun ist die lang erwartete zweite Staffel da.

Stuttgart - Der Amerikaner Ed Kemper, Jahrgang 1948, gehört zu den grausamsten Serienkillern der jüngeren Vergangenheit. Als Teenager bringt er seine Großeltern um, als Erwachsener tötet er Studentinnen, seine Mutter und eine ihrer Freundinnen. Verhaftet wird er 1973, seitdem sitzt er in Kalifornien im Gefängnis. Kemper hatte eine unschöne Kindheit, wie so viele andere Menschen auch. Eine ungenügende Begründung seiner Taten also.

Die FBI-Beamten Robert Ressler und John E. Douglas versuchen damals als Erste, in Serienkillerhirne zu schauen. Jahrelang ziehen sie durch Haftanstalten, eines ihrer bevorzugten Studienobjekte ist der intelligente, freundlich-offenherzige Ed Kemper. Mit seiner Hilfe erarbeiten sie in Pionierarbeit einen Katalog tatrelevanter psychologischer Störungen, identifizieren Tätertypen, um ähnlich gelagerte Fälle besser klassifizieren und aufklären zu können.

Verbrechen durch den Filter betrachtet

Basierend auf John E. Douglas’ Aufzeichnungen „Mindhunter: Inside the FBI’s Elite Serial Crime Unit“ hat Joe Penhall 2017 die Netflix-Serie „Mindhunter“ entwickelt. Der ausgewiesene ThrillerexperteDavid Fincher hat einige Folgen inszeniert. Nun ist nach fast zweijähriger Unterbrechung die zweite Staffel zu sehen.

Auf den ersten Blick scheint „Mindhunter“ die seit Jahren ungebrochene Publikumsfaszination für intime Details aus dem Leben von Serienkillern zu bedienen. Doch anders als die oft unerträglich genauen True-Crime-Dokuserien wie „Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders“ überzeugt „Mindhunter“ durch den Ansatz, reale Verbrechen durch einen ästhetischen und erzählerischen Filter zu betrachten. Durch Arbeiten wie „Sieben“ (1995) und „Zodiac – Die Spur des Killers“ (2007) hat sich David Fincher als Experte fürs Psychopathen-Fach empfohlen. „Ich denke, die Leute sind pervers. Das ist das Fundament meiner Karriere“, bekannte er einmal freimütig in einem Interview. Genau dieses Denken bestimmt auch die zweite Staffel von „Mindhunter“.

Jeder wird verdächtig

Abseits der Täterprofile zeichnet die ein ungemütliches Bild der sozialen Verhältnisse zum Ende der siebziger Jahre. Zusammen mit den Co-Regisseuren Andrew Dominik („Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“, 2007) und Carl Franklin („House of Cards“) erzeugt Fincher beim Zuschauer ein omnipräsentes, diffuses Misstrauen gegen jede Figur abseits des Kernteams bestehend aus Special Agent Holden Ford (Jonathan Groff), Special Agent Bill Tench (Holt McCallany) und der Psychologin Wendy Carr (Anna Torv). So werden Tenchs Ehefrau und der kleine Sohn bald unterschwellig verdächtig, etwas mit dem Ritualmord an einem Kleinkind aus der Nachbarschaft zu tun zu haben.

Schnell wird man vom Gefühl überwältigt, selbst paranoiden Denkmustern zu verfallen. Genau darin liegt die große Kunst der Serie: empathisches Mitfühlen zu ermöglichen, ohne auf grelle Oberflächenreize und derbe Schocksequenzen zu setzen. Es bedarf nur einer winzigen graduellen Verschiebung, und jeder kann zu einer Gefahr für andere werden, legt Fincher nahe.

Komplexes Gesellschaftsbild

Dass Holden nach einer weiteren Begegnung mit Ed Kemper an einer Panikstörung leidet und die offensichtlich lesbische Carr zögert, ihrer sexuellen Orientierung nachzugeben, zeigt, wie stark rigide Normen damals auf die Menschen einwirkten. Die seelsorgerische Aufarbeitung beruflich bedingter Traumata war für Kriminalbeamte noch nicht vorgesehen. Homosexualität wurde gar als sexuell deviantes Verhalten eingestuft – im selben Zungenschlag wie echte pathologische Störungen.

So ist „Mindhunter“ viel mehr als bloß eine weitere spannende Krimiserie. Sie vermittelt ein komplexes Bild der Gesellschaft, in der berüchtigte Mörder auch deshalb so lange untertauchen können, weil sie sich im Grunde in nur wenigen Details von der Masse unterscheiden. Beruhigend ist diese Einsicht nicht, aber wahnsinnig spannend.

Verfügbarkeit: Beide Staffeln sind bereits komplett bei Netflix abrufbar.

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