Girls just wanna have Fun: Esmé Creed-Miles als Hanna Foto: Amazon Prime

Der Kinofilm „Hanna“ erzählte 2011 eine märchenhafte Geschichte von einem Mädchen mit Killerinstinkt, das von Agenten gejagt wird. Jetzt hat Amazon den Stoff in ein düsteres Seriendrama verwandelt und gezeigt, wie man es besser macht.

Berlin - Wenn man mal so überflüssige Details vergisst, wie dass Hanna als Baby aus einem Versuchslabor gerettet wurde, dass sie isoliert abseits der Zivilisation mit ihrem Vater in den Wälder irgendwo im Nirgendwo aufwächst, mit bloßen Händen Bäume fällen kann, immer auf der Flucht ist und stets die einzige Überlebende ist, wenn eine Horde Geheimdienstler versucht, sie einzufangen, dann ist Hanna eigentlich ein ganz normales Teenagermädchen.

Hinter der achtteiligen Thrillerserie „Hanna“, die an diesem Freitag weltweit bei Amazon Prime startet, verbirgt sich letztlich ein Coming-of-Age-Drama, das davon erzählt, wie schwer es ist, erwachsen zu werden. Dass die 15-jährige Hanna (Esmé Creed-Miles) eine Überlebenskünstlerin ist, die von ihrem Vater (Joel Kinnaman) zur Killerin ausgebildet wurde und vom CIA kreuz und quer durch Europa gejagt wird, schrumpft oft zur Nebensache.

Vorzeigestücke: Mrs. Maisel, Jack Ryan und Hanna

Die Erwartungen sind groß: „Hanna“ ist das neue Vorzeigestück der Amazon Studios, die sich als Netflix-Konkurrent Nummer eins behaupten wollen. Nachdem man zuletzt etwa mit der 50er-Jahre-Comedy „The marvelous Mrs. Maisel“ und den Agententhriller „Tom Clancy’s Jack Ryan“ Erfolge feierte, setzt Jennifer Salke, die Chefin der Amazon Studios, nun auf „Hanna“ und lässt sich das auch etwas kosten.

Der Konzern hat der Serie zum Beispiel einen der unglaublich teuren Werbespot-Slots während der Ausstrahlung des US-Super-Bowls spendiert – und das, obwohl „Hanna“ eine komplett europäische Produktion ist – gedreht etwa in Deutschland, der Slowakei, Spanien und England.

Bei der Serie handelt es sich um eine Neuinterpretation des Stoffs, der 2011 unter dem Titel „Wer ist Hanna?“ als Kinofilm eher mittelmäßig erfolgreich war. Damals hatte der Regisseur Joe Wright versucht, den Thrillerplot mit einem künstlerisch ambitionierten Erzählton, mit einer symbolisch märchenhaften Fabel, mit einer europäischen Handschrift aufzuladen. Das Drehbuch stammte zwar schon von David Farr. der jetzt hinter der Serienadaption steckt. Weil damals im Kino aber andere Regeln galten als heute bei Qualitäts­serien, war Farrs Einfluss auf die Umsetzung seiner Geschichte noch begrenzt. Jetzt gehört er zu den Profiteuren des goldenen Fernseh-Zeitalters, bei dem der Autor höheres Ansehen genießt als in Hollywood und zum sogenannten Showrunner befördert wurde, der letztlich in allen kreativen Fragen das Sagen hat.

In einen Thriller verpackte Coming-of-Age-Story

„Wir Autoren erleben gerade tatsächlich ein goldenes Zeitalter“, sagt David Farr im Interview, „nie zuvor haben wir so viel Einfluss auf die Umsetzung unserer Ideen gehabt wie jetzt.“ Farr, der schon in dem Sechsteiler „The Night Manager“ nach John le Carré machen durfte, was er wollte, ist nun stolz darauf, die ­„Hanna“-Story so erzählen zu können, wie er es eigentlich wollte: nicht als märchenhafte „Alice im Wunderland“-Variante, sondern eben als in einen Thriller verpackte Coming-of-Age-Story.

Das tut dem Stoff gut: David Farrs Serienumsetzung ist packender. lebendiger und viel näher dran an den Figuren als Joe Wrights Kinofassung, in der Saoirse Ronan, Eric ­Bana und Cate Blanchett die Hauprollen spielten. Wenn etwa Hanna in Marokko auf Sophie (Rhianne Baretto) trifft, stellt sich heraus, dass das einsame Killermädchen aus den dunklen Wäldern und das von Instagram besessene Partygirl überraschend viele Gemeinsamkeiten haben. Nicht nur weil beide in dysfunktionalen Familien aufwachsen, sondern auch, weil sowohl Hanna als auch Sophie nichts mit den traditionellen Rollen anfangen können, die die Gesellschaft für Mädchen und junge Frauen bereithält.

„Hanna“ macht Geschlechterrollenbilder bewusst

„Hanna“ ist tatsächlich nicht nur ein Thriller und eine Coming-of-Age-Story, sondern macht auch Geschlechterrollenbilder bewusst und stellt diese ähnlich wie „Killing Eve“, ein weiterer aktueller Serienthriller, infrage. Das gilt vor allem für die Figur der Hanna, die in den Wäldern frei von vorgegebenen weiblichen Stereotypen aufgewachsen ist und sich entsprechend unbefangen, unvoreingenommen verhält. Aber es trifft auch auf Nebenfiguren wie Hannas Jägerin Marissa zu, die von Mireille Enos gespielt wird. Die beschreibt ihre abtrünnige CIA-Agentin „als wildes Tier, das gelernt hat, sich gut anzuziehen.“

Die acht Episoden der ersten „Hanna“-Staffel sind von Freitag, 29. März, an bei Amazon Prime Video in der englischen Originalversion und in der deutschen Synchronfassung verfügbar.

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