Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus. Foto: dpa

Seit diesem Schuljahr können auch in Baden-Württemberg Eltern behinderter Kinder selbst entscheiden, ob ihr Sohn oder ihre Tochter eine Sonderschule oder einen Regelschule besucht. Integration von behinderten Schülern klappt, wenn man’s nicht verbissen macht.

Stuttgart - Was soll ein geistig behindertes Kind auf dem Gymnasium, wenn es dort ohnehin kein Abitur machen kann? Ist es nicht reine Geldverschwendung, extra für dieses Kind einen zusätzlichen Sonderpädagogen abzustellen? Und was ist mit den anderen Schülern in der Klasse? Wenn die Lehrer wegen des geistig behinderten Kindes mit ihrem Lernstoff nicht durchkommen – bezahlen die anderen Kinder dann den Preis?

Das sind so die Fragen, auf die sich die Diskussion um Inklusion an der Schule zuspitzt. Fragen, die einerseits unbegründete Ängste enthalten. Denn so, wie die Vorschriften im Land konzipiert sind, wird es auch in absehbarer Zeit nur sehr wenige geistig behinderte Kinder auf Gymnasien geben.

Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man sich mit Sönke Asmussen, Sonderschulexperte im Stuttgarter Kultusministerium, unterhält. Wenn, sagen wir mal, fünf lernbehinderte Kinder in der Klasse einer normalen weiterführenden Schule sind, müssen die Lehrer nicht immer alle gemeinsam unterrichten. Die Total-Inklusion, vor der Kritiker warnen, findet demnach im Südwesten nicht statt. „Man darf sich nicht geißeln und sagen: Inklusion ist nur, wenn alle Kinder rund um die Uhr beieinander sitzen“, sagt Asmussen. Man sei schließlich allen Kindern gegenüber in der Verantwortung. Außerdem „nützt es dem Schwachen nichts, wenn der Kluge sich was gedacht hat.“ Wenn der eine Schüler sich zum Beispiel mit Griechisch beschäftige und sein geistig behinderter Nebensitzer so lange nur Bilder anmalen dürfe, „dann wird der geistig Behinderte zum Weltmeister im Bilderanmalen, aber er hat nicht das gelernt, was er lernen muss“, sagt Asmussen.

Die Erfahrungen sind nicht nur positiv

Erfahrung mit Inklusion hat man in Baden-Württemberg allerdings vor allem in den Grundschulen. Was die weiterführenden Schulen angeht, muss man in andere Bundesländer schauen, die zum Teil schon viel länger die Sonderschul-Pflicht abgeschafft haben. Wobei man allerdings auch da auf Eindrücke und einzelne Berichte angewiesen ist. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet zum Beispiel seit vier Jahren regelmäßig über eine Bremer Gesamtschule, die seit 2012 geistig Behinderte in einer Klasse hat. Mittlerweile sind diese Schüler in der achten Klasse, es gab positive Überraschungen, aber den Lehrern wurden auch die Grenzen für Inklusion aufgezeigt.

Die „normalen“ Schüler in der Bremer Klasse beklagen zum Teil, dass man mit dem Stoff so weit hinterher ist. Und im nächsten Schuljahr zum Beispiel wird die Klasse in den Fächern Mathe und Englisch wieder in zwei getrennten Leistungsgruppen unterrichtet. Ist das dann noch Inklusion? Oder steht es nur noch auf der Verpackung drauf?

Für den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, zeigt das Bremer Beispiel, „wie das Ganze auf Sand gebaut ist“. Kraus ist einer der wenigen Pädagogen-Vertreter, die den Inklusionskurs der meisten deutschen Bundesländer öffentlich in Zweifel ziehen. „Wer wagt es schon, dagegen öffentlich aufzutreten“, sagt er. „Für Inklusion zu sein ist wunderbar.“

Für manche ist die Sonderschule besser

Der Deutsche Lehrerverband vertritt Pädagogen an weiterführenden Schulen, und deren Skepsis gegenüber der Inklusion hat sich laut Kraus bislang bestätigt: Großer Aufwand, wenig Ertrag – und das Gros der normalen Schüler falle hinten runter.

Auch das lässt sich allerdings nicht belegen, weil es bislang keine Erhebung dazu gibt, wie sich Inklusion auf die „normalen“ Schüler auswirkt, ob sie also für die soziale Erfahrung, Umgang mit einem Lernbehinderten zu haben, in irgendeiner Form bezahlen müssen – oder womöglich sogar davon profitieren, wie dies die Anhänger der Gemeinschaftsschulen gerne behaupten. „Studien dazu gibt es nicht, weil es wahrscheinlich politisch nicht opportun ist“, sagt Kraus. Für ihn sei jedenfalls klar: „Pauschal Inklusion für alle zu machen, damit werde ich dem Kindeswohl nicht gerecht.“

Kraus erzählt die Geschichte seines Neffen, der das Down-Syndrom habe und dessen Eltern ihr Kind auch zunächst auf eine normale Schule tun wollten. Dann hätten sie aber schnell gemerkt, dass das Kind auf einer Sonderschule viel besser gefördert werden könne, und heute könne es einigermaßen selbstständig in einer Wohngemeinschaft leben. „Der wäre nie so weit gekommen, wenn man den in eine Regelklasse gesteckt hätte“, ist Kraus überzeugt. „Da wäre das Kind abgetaucht und abgesoffen.“

„Inklusion bringt beiden Seiten was“

Es gibt allerdings eine Studie, deren Ergebnisse dem widersprechen. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat sie 2014 vorgelegt. Die Autoren haben Leistungsvergleiche von Viertklässlern ausgewertet und sind zum Schluss gekommen, dass vor allem Lernbehinderten die Inklusion viel bringt. Kraus kritisiert zwar, dass die Studie zu wenig differenziere und daher nichts tauge, aber Sonderschulexperte Asmussen vom Kultusministerium ist sich sicher: „Inklusion bringt beiden Seiten was.“ Man müsse allerdings stark und konsequent sein, die Gruppen einmal zu trennen. Nach seinen Angaben ist das Ganze ein längerer Prozess: „Ich bin überzeugt, dass wir in 10 bis 15 Jahren deutlich weiter sind und dass der Blick aufs einzelne Kind dem System Schule insgesamt guttut.“

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