Die Zukunft steht im Zeichen des Klimawandels. In der Serie „Wetterbericht“ verfolgen wir das atmosphärische Geschehen im Spiegel von Literatur, Kunst und Musik. Heute: Erhabene Gehirnstürme.
Stuttgart - Die Frage, was das Wetter mit uns macht, stellt sich nicht nur mit bangem Blick an den Himmel. Wir schauen in die Kulturgeschichte, um zu ermessen, wie tief unser Denken und Fühlen mit Wolken, Sturm, Sonne, Schnee oder Regen verstrickt ist. Folge 11:
Stürme gab es zu jeder Zeit. Am 31. Januar 1791 notiert der Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg in sein Tagebuch: „Entsetzlicher Sturm aus Nordwesten, der abwechselnd fast den ganzen Tag dauert, kleine Hagel mitunter.“ Lichtenberg kannte sich mit allem aus. So sind seine „Sudelbücher“ auch eine Fundgrube, wenn es um Winde aller Art geht, man erfährt darin zum Beispiel auch, dass die „Ägyptier Furze angebetet haben“.
Ideengeschichtlich tobt über ihm die aufgewühlte Wetterlage des Sturm und Drang, und wenn der Göttinger Universalgelehrte das in Bilder übersetzt, erinnert das an die Nachrichten, die uns dieser Tage aus dem Norden erreichen: „Sich heranwälzende Wassergebirge des Weltmeeres, die mit Flotten spielen wie mit Häckerling.“ Bei Lichtenberg ist es das Genie, das sich im Brausen hoher Luft und dem kommenden Donnerwetter ankündigt. Skeptischer blicken seine Nachfolger auf das, was sich über uns zusammenbraut.
Klimatheorie und Witterungs-Discourse
Das genialische Brausen schlägt sich heute atmosphärisch vor allem als verheerende Schadensbilanz nieder. Was unsere Luft weltweit so in Wallung bringt, konnte er noch nicht wissen. Dabei wurden schon zu seiner Zeit „Witterungs-Discourse“ eifrig gepflegt: „Anstatt zu sagen: es geht ein scharfer Wind, sagt man: das neuste Stück der allgemeinen Bibliothek ist nun angekommen.“
Wenn einem dieser Tage die Ankunft der neuesten Klimatheorie die Gegenstände um die Ohren fliegen lässt, kann man an einem weiteren Aphorismus Halt finden: „Große Dinge gesehen zu haben als einen Sturm muß ohnstreitig dem ganzen Gehirn eine andere Stimmung geben.“ Die Frage ist nur, welche Konsequenzen aus diesem Stimmungswandel zu ziehen sind.
Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher I und II, Materialhefte, Tagebücher. Deutscher Taschenbuch Verlag.
Die vorige Folge unseres „Wetterberichts“ finden Sie hier.