Außerordentliches herstellen

Über ein operatives Ausstellungsbudget von bis zu 600 000 Euro aus Landesmitteln, so Trummer, kann das Kunsthaus Bregenz verfügen. In diesem Sommer wird das zwanzigjährige Bestehen gefeiert. Tausend Mitglieder hat die Gesellschaft der Freunde des Kunsthauses. „In einer Stadt mit 29 000 Einwohnern ist das eine gute Zahl“, sagt der Direktor und ergänzt mit Blick auf die vor ihrer ­Wiedereröffnung stehende Kunsthalle ­Tübingen: „In Ihrem Land haben Sie das ja vorgemacht, dass man auch in sehr kleinen Strukturen etwas sehr Spezifisches, Außerordentliches aufstellen kann.“ „Wir haben“ , sagt Trummer über das Kunsthaus, „organisatorisch einen kleinen Kunstverein mit einem sehr hohen Maßstab. Unser ganzes Team arbeitet immer nur an einem Projekt – deshalb gibt es bei uns auch kaum Motivationsprobleme.“

Perfektion ist auch ein Risiko

Ist aber ein solches Ideal immer wünschenswert? „Das“, räumt der 1967 im ­österreichischen Bruck an der Mur geborene ­Thomas D. Trummer ein, „ist ein wunder Punkt. Manchmal sind perfekte Zustände für die Kunst nicht die perfekten Zustände.“

Theaster Gates reagierte ­schlagfertig auf die Herausforderung, die das ideale Haus an ihn stellte: Er beschäftigte sich in seiner Ausstellung auch mit den sogenannten ­Negrobilia, klischeehaften Darstellungen schwarzer Menschen, und er entdeckte im idealen Vorarlberg die Biermarke „Mohrenbräu“. Ihr Logo zeigt exakt ein solch ­klischeehaftes Motiv. Lawrence Weiner, der im Herbst 2016 in Bregenz ausstellte, ­genoss es, so Thomas D. Trummers ­Eindruck, in ganz besonderem Maße, eben diesen Ort zu hinterfragen.

Kunst als „bestes Mittel gegen Fake“

Trummer selbst, vor Bregenz in Graz, Wien, Ridgefield (Connecticut), München und Mainz tätig, blickt jedoch auch mit leichter Skepsis auf die gegenteilige Tendenz des Kunstbetriebs: „Man geht dort hin, wo’s kriselt“, sagt er. „Dort interveniert die Kunst, weil sie sich dann wichtig genug fühlt. Wir müssen dabei sehr vorsichtig sein, dass wir uns nicht am Leid der anderen ­delektieren.“ Die Stärke der Kunst liegt für Trummer in der Fiktion: „Sie ist das beste Mittel gegen den Fake.“

haus-bregenz.at/html/welcome00.htm?Aus_Racel_Rose.htm" target="_blank"> Rachel Rose. Trummer spricht von einem „unermüdlichen Update“ seines Hauses: „Stellen Sie sich vor, Sie ziehen alle vier Monate um. ­Alles raus, alles rein. Jedes Mal kommt ein ganz anderer, der all seine Vorstellungen umsetzen kann. Und wir müssen als ganzes Team mitziehen. Volumen, Masse, Ressourcen werden bei uns in so großem Maße um­gesetzt wie kaum woanders.“

Der „große Wurf“ als Alleinstellungsmerkmal

Trummer schätzt Themenausstellungen, die Arbeiten verschiedener Künstler kontrastieren. „Ich glaube“, sagt er aber, „in Bregenz wäre das fehl am Platz.“ Schon weil Einbauten notwendig seien, die diese Räume eigentlich ausschlössen. „Mein Vorgänger Yilmaz Dziewior“, sagt Trummer, „hat einige ­solcher Ausstellungen gemacht. Ich habe mir die Kataloge sehr genau angesehen. Ich hatte das Gefühl: Das geht nicht ineinander.“ Und er ergänzt: „In Bregenz ist der ­große Wurf das Alleinstellungsmerkmal. Ein Künstler erhält eine Carte blanche, über vier Stockwerke. Wo sonst haben Sie so etwas, und dazu in dieser Größenordnung? Selbst für 1-a-Künstler ist das noch etwas Besonderes. Für vier Monate gehört alles ihnen – nicht nur diese unglaubliche Architektur, auch wir, das Personal. Wir werden zum Service; der Künstler ist der Chef.“

Organisatorisch abgesichert wird diese Ausnahmesituation durch das Miteinander dreier Bregenzer Kulturhäuser: Landes­museum, Landestheater und Kunsthaus. „Eine Geschwisterkonstruktion, die funktioniert, weil jedes Haus seine eigene Marke ist“, sagt Trummer. Die Kulturhäuser-Betriebsgesellschaft hat einen gemeinsamen Geschäftsführer. „Wir teilen“, sagt Trummer, „Personalverwaltung, Buchhaltung, aber auch die Technik. Jedes der drei Häuser hat ein Stammpersonal, aber wir tauschen uns auch aus und können auf die Infrastruktur der Nachbarn zurückgreifen.“ So arbeitet das Kunsthaus mit Bühnen­malern des Landestheaters, unterstützt ­dieses wiederum bei Schreinerarbeiten, mit Licht- und Soundtechnik.

Auch der Direktor ist Besucher

Entscheidend für die Wirkung der Marke Kunsthaus bleibt für Trummer die Konzentration auf ihre Funktion als Bühne der Kunst. „Peter Zumthor“, sagt Trummer, „hat das getrennt. Im Ausstellungsgebäude selbst gibt es keine Infrastruktur, keine Menschen, die durch die Räume laufen.“ Die Administration des Hauses ist in einem ­kleineren Gebäude untergebracht, vollständig vom Museumsbetrieb abgetrennt. Und Trummer summiert: „Wenn wir ins Haus ­hinübergehen, benehmen wir uns dort auch wie Besucher.“

Außerordentliches herstellen

Außerordentliches herstellen

Über ein operatives Ausstellungsbudget von bis zu 600 000 Euro aus Landesmitteln, so Trummer, kann das Kunsthaus Bregenz verfügen. In diesem Sommer wird das zwanzigjährige Bestehen gefeiert. Tausend Mitglieder hat die Gesellschaft der Freunde des Kunsthauses. „In einer Stadt mit 29 000 Einwohnern ist das eine gute Zahl“, sagt der Direktor und ergänzt mit Blick auf die vor ihrer ­Wiedereröffnung stehende Kunsthalle ­Tübingen: „In Ihrem Land haben Sie das ja vorgemacht, dass man auch in sehr kleinen Strukturen etwas sehr Spezifisches, Außerordentliches aufstellen kann.“ „Wir haben“ , sagt Trummer über das Kunsthaus, „organisatorisch einen kleinen Kunstverein mit einem sehr hohen Maßstab. Unser ganzes Team arbeitet immer nur an einem Projekt – deshalb gibt es bei uns auch kaum Motivationsprobleme.“

Perfektion ist auch ein Risiko

Ist aber ein solches Ideal immer wünschenswert? „Das“, räumt der 1967 im ­österreichischen Bruck an der Mur geborene ­Thomas D. Trummer ein, „ist ein wunder Punkt. Manchmal sind perfekte Zustände für die Kunst nicht die perfekten Zustände.“

Theaster Gates reagierte ­schlagfertig auf die Herausforderung, die das ideale Haus an ihn stellte: Er beschäftigte sich in seiner Ausstellung auch mit den sogenannten ­Negrobilia, klischeehaften Darstellungen schwarzer Menschen, und er entdeckte im idealen Vorarlberg die Biermarke „Mohrenbräu“. Ihr Logo zeigt exakt ein solch ­klischeehaftes Motiv. Lawrence Weiner, der im Herbst 2016 in Bregenz ausstellte, ­genoss es, so Thomas D. Trummers ­Eindruck, in ganz besonderem Maße, eben diesen Ort zu hinterfragen.

Kunst als „bestes Mittel gegen Fake“

Trummer selbst, vor Bregenz in Graz, Wien, Ridgefield (Connecticut), München und Mainz tätig, blickt jedoch auch mit leichter Skepsis auf die gegenteilige Tendenz des Kunstbetriebs: „Man geht dort hin, wo’s kriselt“, sagt er. „Dort interveniert die Kunst, weil sie sich dann wichtig genug fühlt. Wir müssen dabei sehr vorsichtig sein, dass wir uns nicht am Leid der anderen ­delektieren.“ Die Stärke der Kunst liegt für Trummer in der Fiktion: „Sie ist das beste Mittel gegen den Fake.“

Ob Hamlet wirklich Prinz von Dänemark war, das, sagt Trummer, interessiere letztlich keinen. „Wir sind ja Menschen, die fühlen und erleben wollen. Und das ist es, was Kunst kann. Sie kann uns mitreißen und ­woandershin entführen. Wenn wir aus dem Kunsthaus hinausgehen, sind wir jemand anderer – und wir wissen das.“

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