Verdammt guter Kaffee! Verdammt gute Serie! Sherilyn Fenn und Kyle MacLachlan in „Twin Peaks“ Foto: imago//Everett Collection

Wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag ist der visionäre Regisseur David Lynch am Donnerstag gestorben. Wir erinnern hier an seine Serie „Twin Peaks“, mit der im Jahr 1990 das Goldene Zeitalter der TV-Serien begann.

Stuttgart - An einem diesig-tristen Februarmorgen finden sie sie am Flussufer – mit Sandkrümeln in den Haaren, eisblau verfärbten Lippen, in eine Plastikfolie verpackt und auch als Leiche immer noch unerhört schön. Der Mord an der Schülerin Laura Palmer wird nicht nur das Leben im idyllisch von Wäldern umgebenen Kaff Twin Peaks im Norden der USA aus dem Gleichgewicht bringen. Er wird auch die Fernsehwelt, wie man sie bis dahin kannte, erschüttern.

 

David Lynch, Mark Frost und das neue TV-Serien-Zeitalter

Wer schon vor „Twin Peaks“ viel Zeit vor dem Fernseher mit TV-Serien verplempert hat, tat das stets mit einem ausgesprochen schlechten Gewissen. Schließlich hätte man stattdessen auch ein Buch lesen, das Geschirr spülen, die Psychologie-Hausarbeit schreiben oder wenigstens ins Kino gehen können, um sich einen Film von Jim Jarmusch, Peter Greenaway oder Woody Allen anzuschauen. Alles wäre auf jeden Fall sinn- und anspruchsvoller gewesen als seine Zeit mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Baywatch“, „Agentin mit Herz“, „Remington Steel“ oder „Trio mit vier Fäusten“ und all den anderen Serien zu vertun, die die 1980er Jahre und die noch ziemlich neue Vielfalt der Privatfernsehwelt damals zu bieten hatten. Doch dann kamen die 1990er Jahre, David Lynch, Mark Frost und „Twin Peaks“ – und alles wurde gut.

Ein schrulliger FBI-Agent namens Dale Cooper

Die Serie, die am 10. September 1991 erstmals bei RTL ausgestrahlt wurde, erzählt von Special Agent Dale Cooper, den das FBI nach Twin Peaks schickt, um den Mord an Laura Palmer aufzuklären. Der adrett-skurrile Ermittler verliebt sich in diese Landschaft, diese Kleinstadt, diese Menschen. Er schwärmt vom Kirschkuchen, vom schwarzen Kaffee, von den Douglas-Tannen, protokolliert seine Anfälle kindlicher Entzückung in den für eine gewisse Diane bestimmten Diktiergerät-Monologen. Und er findet heraus, dass im beschaulichen Twin Peaks nichts so ist, wie es scheint. Er träumt von Zwergen und Riesen, wird angeschossen und suspendiert, legt sich mit Dämonen an, und ist am Ende nicht mehr der, der er bei seiner Ankunft war. In Twin Peaks beginnt für Dale Cooper eine Reise ins Herz der Finsternis.

Und für das Fernsehen beginnt ein neues Zeitalter. Auf einmal gibt es eine Serie, die man verschlingen kann, ohne sich zu schämen, Fernsehen ist kein „guilty pleasure“ mehr. Mit „Twin Peaks“ bekommt man eine Serie geliefert, über die man als Geisteswissenschaftler in der Uni-Mensa – und bald sogar in den Seminaren selbst – fachsimpeln kann, ohne sich als Kulturmuffel zu outen.

Drama, Mystery, Krimi und Soap Opera

„Harry, ich habe keine Ahnung, wohin uns das führen wird, aber ich habe das bestimmte Gefühl, dass es ein Platz sein wird, der sowohl wunderbar und seltsam ist“, sagt der von Kyle MacLachlan gespielte Agent Cooper zum örtlichen Sheriff, als die Ermittlungen wieder einmal eine kuriose Wendung nehmen – und tatsächlich erweist sich die Serie als eine wundersam-schöne Reise ins Unbekannte. David Lynch und Mark Frost erschließen mit „Twin Peaks“ (1990–1991) neues Terrain, machen einen Genremix sendefähig, der Drama, Mystery, Krimi und Soap Opera vermengt und bis heute Vorbild für Serienerzählungen des Qualitätsfernsehens ist.

Ein Autorenfilmer macht Fernsehen – ein Skandal

Bevor am 8. April 1990 im US-amerikanischen Fernsehen der Pilotfilm ausgestrahlt wird, sind Serien in erster Linie ein Wegwerfprodukt, das TV-Pendant zum Fast Food, möglichst billig produziert, ohne wirklichen künstlerischen Anspruch. Fernsehen taugt bestenfalls angehenden Regisseuren als Karrieresprungbrett. Dass ein etablierter Filmemacher wie David Lynch, der spätestens seit „Blue Velvet“ (1986) Kultstatus erlangt hat und im Mai 1990 dann auch noch in Cannes für „Wild At Heart“ die Goldene Palme gewinnt, das Fernsehen als kreative Spielwiese nutzt, ist damals eine unerhörter Einfall – für die einen ein Skandal, für die anderen eine Sensation.

Und viele sind seither David Lynchs Vorbild gefolgt – Regisseure wie Martin Scorsese („Boardwalk Empire“), Steven Spielberg („Band Of Brothers“), David Fincher („House Of Cards“), Steven Soderbergh („The Knick“), Jane Campion („Top Of The Lake“), Guillermo del Toro („The Strain“) oder Woody Allen („Crisis In Six Scenes“), aber auch Oscar-prämierte Hollywoodstars wie Maggie Smith („Downton Abbey“), Matthew McConaughey („True Detective“), Anjelica Huston („Smash“), Dustin Hoffman („Luck“), Anna Paquin („True Blood“), Jeremy Irons („The Borgias“), Jessica Lange („American Horror Story“), Timothy Hutton („Leverage“) oder Kathy Bates („Harry’s Law“).

TV-Serien unterscheiden sich heute in Sachen Qualitätsanspruch und Produktionskosten oft kaum noch von Kinofilmen. Obwohl „Twin Peaks“ am Ende der Feigheit der Senderbosse zum Opfer fiel, so haben Lynch und Frost doch den Weg für künftige Produktionen geebnet. Sie haben nicht nur eine neue TV-Ästhetik, sondern auch mit langen, verworrenen Erzählsträngen und vielschichtigen Charakteren eine TV-Ideologie etabliert, die Serien als die Romane des 21. Jahrhunderts versteht.

David Lynchs lange kreative Pause

Das neue goldene Zeitalter der Fernsehserien ist allerdings ohne Lynch angebrochen. Seit im Jahr 2006 sein verdrehter Thriller „Inland Empire“ floppte, hatte David Lynch lange nicht mehr Regie geführt. Der visionäre Filmemacher, der immerhin viermal für einen Oscar nominiert war, verdingte sich stattdessen lieber als Multimediakünstler. 2013 veröffentlichte er zum Beispiel das Popalbum „The Big Dream“, auf dem sich morbide Balladen in dunkelrote Farben hüllen, in Zeitlupe durch eine wattierte Traumwelt schleichen, sich in surreale Dramen verirren, die von Sehnsucht und Verlangen, von Tod und Teufel erzählen. Die Songs auf dem Album unterscheiden sich damit eigentlich kein bisschen von den filmischen Entwürfen David Lynchs. Auch weil es kaum einen Song auf dem Album gibt, in dem nicht geträumt wird – etwa im Bonustrack „I’m Waiting Here“ mit Lykke Li („I Follow Rivers“) als Gastsängerin. Der mit geisterhaften Uhs verzierte Walzer hätte auch ausgezeichnet auf den Soundtrack von „Twin Peaks“ gepasst, erinnert an die Zeiten als einen noch Julee Cruise in Angelo Badalamentis Kompositionen in einen unruhigen, fiebrigen Schlaf sang.

2017 führt die Reise noch tiefer ins Herz der Finsternis

Doch David Lynch hat das Versprechen gehalten, dass er Laura Palmer den „Twin Peaks“-Fans damals in einer „Twin Peaks“-Traumsequenz geben ließ: „I will see you again in 25 years“ – In 25 Jahren sehen wir uns wieder. Mit ein bisschen Verspätung kehrte „Twin Peaks“ im Frühjahr 2017 auf die Bildschirm zurück.

Zwar werden am Ende der Fortsetzung, die vom US-Bezahlsender Showtime in Auftrag gegeben und in Deutschland von Sky ausgestrahlt wurde, alle Spuren wieder nach Twin Peaks führen. Man wird wieder Kyle MacLachlan in der Rolle des schrullig-exzentrischen FBI-Agenten Dale Cooper begegnen. Es wird ein Wiedersehen mit der somnambulen Audrey Horne, dem tölpelhaften Sheriff Andy Brennan, mit Lucy, Hawk und auch mit David Lynch geben, der als schwerhöriger FBI Deputy Director Gordon Cole in einem Büro zwischen einem Franz-Kafka-Plakat und dem Bild einer explodierenden Atombombe sitzt.

Achtung, bissiges Serienungetüm!

Doch „Twin Peaks“ ist trotzdem nicht wieder zu erkennen. Die Rückkehr gleicht einer Irrfahrt, die von New York nach South Dakota, von Las Vegas, nach Twin Peaks führt. Mittendrin Dougie Jones, der einst Versicherungskaufmann war, jetzt aber eine hohle Hülle ist, in der Dale Cooper gefangen ist. 16 der 18 Episoden braucht er, um aus diesem Gefängnis zwischen Infantilität und Lethargie zu entkommen. Und während dessen tun sich überall in der Welt Risse auf.

Es ist nicht ratsam, all die Doppelgänger, die grotesken Gestalten, die auftauchen und wieder verschwinden, all den Irrsinn und all die übernatürlichen Phänomene mit Logik einzufangen zu versuchen. Wer sich diesem gewaltigen TV-Serien-Ungetüm namens „Twin Peaks“ nähern will, ohne von ihm verschlungen und orientierungslos wieder ausgespuckt zu werden, sollte wissen: David Lynch ist kein Filmemacher, sondern ein Künstler, er erzählt in Bildern, will ein bisschen Edward Hopper und ein bisschen Francis Bacon sein, erschafft Imaginationsräume, in denen er seine dunklen Fantasien austobt.

Zwischen „Eraserhead“ und „Inland Empire“

Als Lynch in der ersten „Twin Peaks“-Staffel Dale Cooper durch einen roten Raum irren, einen kleinwüchsigen Mann rückwärts sprechen und das Stroboskoplicht flackern ließ, kam das „US“-Magazin zum Ergebnis, das seien „die bizarrsten fünf Minuten in der Geschichte des amerikanischen Fernsehens gewesen“. Und genau auf solche Reaktionen war Lynch bei der verspäteten Fortsetzung erneut aus: Er wollte nicht einfach nach Twin Peaks zurückkehren, sondern sicher stellen, dass er auch dem TV-Publikum von 2017, das hochwertige, komplexe Serienerzählungen gewöhnt ist, nicht nur fünf bizarreste Minuten, sondern 18 bizarre Episoden bescheren, ihm Dinge zeigen kann, die es so noch nie zuvor in einer Fernsehserie gesehen hat. Das ist ihm gelungen – auch indem er einem die Sinne verwirrt mit all dem Wahnwitz, der sich in seinem fantastischen Ideenfundus zwischen „Eraserhead“ und „Inland Empire“ angesammelt hat – von altmodischen Stop-Motion-Tricks über Mehrfachbelichtungen bis zu digitalen Effektspielereien.

David Lynch ist aber nicht nur mehr Künstler als Filmemacher, er ist auch mehr Träumer als Erzähler. Dass die Arbeitsweise der beiden Autoren (Lynch liegt auf der Couch und fantasiert, Frost sitzt am Schreibtisch, hört zu und schreibt auf) das Setting einer psychoanalytischen Therapiesitzung widerspiegelt, hat Methode. Die Reise nach Twin Peaks ist eine Reise ins Unbewusste, die Geschichte ergibt nur als ein großer Traum Sinn, der die Grenzen von Zeit und Raum nach Lust und Laune überschreiten kann.

„Twin Peaks“ als Labyrinth der Fantasie

In der ersten „Twin Peaks“-Staffel legten Lynch und Frost Donna Hayward den Satz in den Mund: „Es ist so, als ob ich den schönsten aller Träume und den schlimmsten aller Albträume auf einmal hätte.“ Und genau das schafft auch diese dritte „Twin Peaks“-Staffel wieder. Sie erweist sich als eine grandiose verstörende, betörende Traumerzählung, in der das Unbewusste Bilder und Szenen erschafft, surreale Welten entstehen lässt, ein herrliches Labyrinth der Imagination formt – und einmal mehr die Grenzen dessen, was Fernsehen sein kann, ausweitet.

David Lynch: Von „Eraserhead“ über Twin Peaks“ bis „Inland Empire“

Leben

David Lynch wurde am 20. Januar 1946 in Missoula, Montana, geboren. Bevor er 1970 in Los Angeles ein Filmstudium begann, wollte er Maler werden und studierte  an einer Kunsthochschule. 2020 wurde ein Lungenemphysem diagnostiziert, seit 2024  konnte er wegen Atemnot das Haus nicht mehr ohne Sauerstoffmaske verlassen. Am Donnerstag starb Lynch kurz vor seinem 79. Geburtstag.

Filme
David Lynch hat bei zehn Spielfilmen Regie geführt – bei fast allen war er auch Autor des Drehbuchs: „Eraserhead“ (1977), „Der Elefantenmensch“ (1980), „Der Wüstenplanet “ (1984), „Blue Velvet“ (1986), „Wild At Heart“ (1990), „Twin Peaks – Der Film“ (1992), „Lost Highway“ (1997), „Eine wahre Geschichte – The Straight Story“ (1999), „Mulholland Drive“ (2001), „Inland Empire“

Serie
Die ersten beiden Staffeln von „Twin Peaks“ sind bei Paramount+ verfügbar.

Buch
Gunther Reinhardt: Twin Peaks. 100 Seiten. Reclam Verlag, Stuttgart. 100 Seiten. 10 Euro.