Die Hochzeit des Kegelsports liegt bereits Jahrzehnte zurück, doch in der Abteilung des VfL Sindelfingen ist er für viele noch eine Herzensangelegenheit. Unsere Serie über totgeglaubte Phänomene startet mit einem Besuch im Glaspalast.
Rote Kugeln rollen über den blitzblanken Belag gen „Alle Neune“. Die Präzisionsarbeit der Männer in den blauen Trikots entscheidet darüber, ob die weißen Kegel am Ende der Bahn fallen oder nicht. Training ist bei den Sportkeglern des VfL Sindelfingen an diesem Nachmittag angesagt.
Im Untergeschoss des Glaspalasts öffnet sich die Tür zu einer schicken, hellen, großen Anlage. Sie ist das Zuhause der Kegelsportabteilung des Vereins. Hier gehen Frauen- und Männerteams ihrer sportlichen Leidenschaft nach. Das Sportkegeln hat es indes zunehmend schwer. Seine Hochzeit liegt Jahrzehnte zurück, der Nachwuchs fehlt. Doch wie hält sich der Sport in Sindelfingen noch heute in dieser Form?
Die Abteilung des VfL Sindelfingen wird 1962 gegründet
„Das ist die Gemeinschaft, der Zusammenhalt“, führt Stevan Fuks einen der Gründe an. Fuks leitet die 1962 gegründete Abteilung bereits seit 1989, an sechs von sieben Tagen sei er heutzutage im Glaspalast anzutreffen, sagt er. Dort tragen die Oberliga-Frauen, die Regionalliga-Männer und die drei gemischten Bezirksligateams ihre Duelle aus.
Seit 1995 habe seine Abteilung das alleinige Nutzungsrecht für die Anlage, die im Besitz der Stadt ist, erklärt Fuks. Um Einnahmen für deren Instandhaltung zu generieren, verpachten die Kegler die Bahnen zum Beispiel für Betriebssport, Turniere oder Pokalfinals. „Wir haben sehr, sehr viel hier gemacht. Die Bahnen sind nicht wiederzuerkennen. Wir haben viel Geld investiert“, erinnert sich der 75-jährige Leiter. Und das sieht man an dem gepflegten Zustand der Anlage. „Durch die vielen Tätigkeiten hier ist mir das ans Herz gewachsen.“ Die bislang letzte Investition stand 2020 an, seither stehen Touchscreens an den Anlagen. Dahinter befinden sich Tische, an denen sich Freunde der Abteilung treffen, und eine Küche. Zahlreiche Fotos mit Erinnerungen an frühere Ausflugstage und Pläne mit Spielen aus dem aktuellen Betrieb zieren die Wände.
An der Seite steht ein Weihnachtsbaum, an diesem Samstag steht die dazu passende Weihnachtsfeier an. Auf die rund 70 Sportkegler warten angenehme, gesellige Stunden – in einer seit längerem herausfordernden Zeit für den Sport. Denn: „Nachwuchs fehlt, und das flächendeckend. Entsprechend werden wir immer älter. Die Jugend zu gewinnen, gestaltet sich problematisch“, berichtet Sportwart Ewald Schmidt, 68. Das ergibt ungewöhnliche Konstellationen. „Da spielt mit dem 14-Jährigen auch noch ein 81-Jähriger“, nennt er ein Beispiel aus dem Verein.
Fehlender Nachwuchs im Sportkegeln
Langjährige Funktionäre und Mitglieder erinnern sich an frühere Zeiten mit sechs Jugendteams, vielen Betriebssportteams und einer kroatischen Liga zurück. Vergangene Hochzeiten. Heutzutage bilden sich Spielgemeinschaften, auch in der Daimlerstadt. Aktuell tritt der Verein als SG VfL Sindelfingen mit Magstädtern zusammen auf, diese treten dann ab der kommenden Saison dem VfL bei. „Dann werden wir im Schnitt zehn Jahre jünger“, sagt Fuks und bezieht sich auf den niedrigeren Altersschnitt des Nachbarklubs. Er ist „zuversichtlich, dass demnächst wieder ein Verein bei uns anklopft“. Einer, der sich allein nicht mehr halten kann und sich daher dem VfL anschließt. Fuks spricht von 57 aktiven Mitgliedern und einem Freundeskreis von zusätzlich zehn bis 15 Personen.
Gesellschaftlicher Treffpunkt und Sportstätte zugleich – die Anlage ist ein zentraler Ort im Leben der Sportkegler. „Das Miteinander ist auch der Antrieb, dass wir das hoffentlich noch arg lange machen. Daher opfert man auch viel Zeit, um die Bahnen zu erhalten, damit wir noch lange etwas daran haben“, sagt Ewald Schmidt hoffnungsvoll. „Für mich ist der Kegelsport einer, den man auch im hohen Alter noch ausführen kann und bei dem man Leistung zeigen kann“, fügt Wolfgang Mangler, Stellvertreter von Stevan Fuks, hinzu.
Dieser sagt: „Unser großes Glück ist – da muss man keinen Hehl daraus machen –, dass wir diese Anlage hier haben und schalten und walten können, wie wir wollen“ – solange sie für ihren vorgesehenen Zweck genutzt werde. Am Samstag ist sie primär für die Weihnachtsfeier gedacht – erstmals mit den Freunden aus Magstadt, weshalb sich Stevan Fuks auf ein besonderes Fest freut. Mit Anhängern eines Sports, der vielleicht totgesagt ist, in Sindelfinger aber nach wie vor lebt. Und der die Spieler begeistert.
Totgesagte leben länger
Serie
In loser Folge beleuchten wir in den nächsten Wochen Phänomene, bei denen viele geglaubt haben, dass es sie längst nicht mehr gibt. Darunter fallen alte Handwerksberufe ebenso wie längst totgeglaubte Sportarten oder nur scheinbar aus der Mode gekommene Hobbys.
Themen
Welcher Betrieb ist eigentlich der älteste im Kreis Böblingen? Und wer sammelt denn heute noch Briefmarken? Die Redaktion geht diesen Fragen ebenso nach wie der, wo man im Kreis eigentlich noch Schallplatten kaufen kann. So bleiben alte Traditionen lebendig oder – noch besser – werden wieder neu entdeckt. (jps)