Die Semf-Macher (von links nach rechts): Deniz Keser, Dirk Habdank, Tome Aulicky, Cristoforo Marrazzo und Andreas Brunka. Foto: privat

Es ist Semf-Zeit und wie gewohnt dreht sich die nächsten zwei Wochen bei Stadtkind alles rund um das Festival. Zum Kick-off unserer Serie "Techno mit Semf, bitte!" verraten uns die Macher Zahlen, Fakten und Erinnerungen.

Stuttgart - Es ist wieder SEMF-Zeit. Das Stuttgart Electronic Music Festival feiert dieses sein zehnjähriges Jubiläum. Was einst im fast schon „intimen Rahmen“ des Rocker33-Innenhof im WM-Sommer 2006 begann, ist längst eine perfekt inszenierte Großveranstaltung in den riesigen Messe-Hallen, bei der auch dieses Jahr wieder Tausende von Menschen zu Sven Väth, Chris Liebing, Loco Dice, Fritz Kalkbrenner, Klaudia Gawlas oder Felix Jaehn durchdrehen.

Wie in den vergangenen Jahren, werden wir in den nächsten zwei Wochen vor der Party bei unserer Serie „Techno mit SEMF“ auf verschiedene Themen rund um das Festival eingehen. Dabei stellen wir Locals vor, schauen zurück ins Jahr 2006, fragen nach wie es mit Techno im Iran ausschaut und hören wieder mit Musikern aus anderen Szenen Techno. Zum Kick off haben wir mit den Mit-Initiatoren Tome Aulicky und Dirk Habdank über Fakten, Zahlen und Anekdoten gesprochen.

Was denkt ihr als erstes, wenn ihr den Flyer aus dem Jahr 2006 anschaut?
Tome: Wie sich die Zeiten ändern, an Sommer und schon damals ziemlich viel auf der Uhr gehabt wegen dem Event, wenn auch auf einem anderen Level.
Dirk: Der Baum als Grafik hatten wir dann nochmal für die Freilichtbühne 2008, aber das war noch ziemlich freestyle.

An was müsst ihr denken, wenn ihr auf das Semf-Gründungsjahr zurückschaut – wie wars damals in Stuttgart? Was ging? Was ging nicht?
Tome: Der größte Unterschied war wohl, dass es keine Großveranstaltungen im elektronischen Bereich gab. Alles war auf die Clubszene fixiert, da wollten wir mit dem Event rausbrechen, zumindest mit einer vagen Vorstellung, auf jeden Fall etwas anderes, größeres zu machen.
Dirk: Für mich war die Freilichtbühne der Start und davor waren wir, wenn wir auf ein Festival wollten, immer in Mitteleuropa unterwegs, egal ob NatureOne, TimeWarp, Vision, Greenfields, Green&Blue, Streetparade. Als Stuttgarter hieß es immer, einen Bus zu suchen oder zu organisieren. Da kam die Frage auf "warum gibt's das bei uns nicht".

Gab es rückblickend Dinge, die ihr besser anders gemacht hättet?
Dirk: Was 2008 glaub offensichtlich war: Da ist unsere Gastro ist ziemlich implodiert. Da hätten wir das Angebot des Gastro-Experten lieber angenommen. Nur hatten wir für diesen weder das Geld übrig, noch die Ahnung, dass wir ihn wirklich brauchen. Aber was uns immer ausgezeichnet hat, war, dass wir ruck-zuck dazugelernt haben (lacht).

Als 2008 auf dem Killesberg, der Legende nach, quasi von der ersten Bassdrum an die Anwohner bei der Polizei angerufen haben: Wie oft dachtet ihr damals - Oh Mann, Stuttgart?
Tome: Kein einziges mal, ich war viel zu fokussiert, das Event reibungslos zu Ende zu bringen. Erstaunt waren wir über die große Resonanz. Da haben wir auch gespürt, dass Stuttgart und die Region nach so einem Event lechzt.
Dirk: Am Event selber lief für uns das Besuchererlebnis ziemlich cool und wir waren positiv geflasht. Nur im Nachgang und den kolportierten 40 Lautstärke-Beschwerden der einflußreichen Nachbarschaft mit der Konsequenz, dass wir nicht mehr auf die Freilichtbühne durften, dachte ich des öfteren "Oh Mann, Stuttgart".

Abgesehen davon, dass ihr in der Messe etabliert seid und die Veranstaltung läuft ohne Ende: Wäre es im Höhenpark nicht einfach am geilsten?
Tome: Vom Flair her natürlich, mit dem schönen Park und Open Air. Aber man muss sich eben auch an die aktuelle Situation adaptieren. Und da war schnell klar, dass es wo anders hingeht. Es gibt überall Vor- und Nachteile, so war es mit allen Locations beim SEMF.
Dirk: Es war wohl (Zitat Prinz 2008) die "ausartenste Party des Jahres". Das sagt im Prinzip alles - verdammt viel Spaß gehabt, verdammt viele Fehler gemacht und es ist verdammt krass ausgeartet. Von diversen Liebeleien in den Büschen bis zu den unendlichen Schlangen an den Bars und dem Neuen, Flashigen wie der Premiere von Dundu, war für alle viel am Start. Aber da war halt auch 'ne ordentliche Portion Glück dabei, vom sonnigen, nicht zu warmen Wetter angefangen bis zur ausgebliebenen Panik durch Störfaktoren. Da hätte viel schief gehen können. Großveranstaltungen sind halt doch komplexer, als man sich das erstmal vorstellt und da sind wir jetzt froh, über die gewonnenen Erfahrungswerte.

Einige Dinge, die man über das Semf bislang nicht wusste?
Tome: Dass es bei der ersten Ausgabe 2006 eigentlich Semmf heißen müsste. Damals war noch der Bereich Media integriert, also Stuttgart Electronic Music & Media Festival. Wir haben das eine M dann für beides genommen.
Dirk: Als wir 2008 die Freilichtbühne fix hatten, waren auch noch andere Namensoptionen im Spiel, wie z.B. "Mediterasia". Dass wir Semf weiterverwendet hatten, war eher ein bisschen dem Zufall geschuldet. Außerdem wollten wir 2012 einen 40W (nicht mW) Laser auf der Messe installieren, um im Batman-Gotham-Style "SEMF" in den Stuttgarter Nachthimmel zu schreiben. Mit dem Flughafen nebenan aber bisschen schwierig... (lacht)

Wie viele Menschen arbeiten heutzutage circa bei einem Semf-Festival?
Dirk: Circa 1200 Personen.

Wie lange dauert die Vorbereitung?
Tome: Nach der Party ist vor der Party, wobei im Artist-Bereich schon vor dem Event für das folgende vorgearbeitet wird.
Dirk: Die erste Vorbereitungsrunde ist traditionelle unsere Semf-Hütte Anfang Januar. Da schließen wir uns zwei Tage weg, um das Vorjahr zu verarbeiten und Verbesserungsmöglichkeiten abzuleiten.

Wie viele Quadratmeter werden bespielt?
Tome: Bist Du bei der Zeitung oder von der GEMA? (lachen)

Wie viel Strom wird verbraucht?
Dirk: Ungefähr soviel Energie wie 'ne Kleinstadt in einer Nacht: 60-80 MWh Wärme Klimaverbrauch, 30-40 MWh Stromverbrauch.

Wieviele Watt beschallen das Publikum?
Dirk: Um eine Million Watt, allerdings meinte unser Technikchef, dass das eigentlich eine nicht so aussagekräftige Zahl ist. Imposant hört sich's aber trotzdem an.

Über welchen Betrag freut sich die GEMA?
Tome: Uff, arm werden sie sicher nicht …
Dirk: Sagen wir mal so: Die Leute schaffen es nicht, so viel Bier zu trinken, um die Bier-Rechnung über die von der GEMA zu hieven.

Welcher Style bzw. modisches Accessoire hat sich über die letzten zehn Jahre beim Raver am ehesten gehalten?
Tome: Sonnenbrillen bei einem Nachtevent.
Dirk: Körperbetontes war schon immer im Trend. Zuletzt erreicht uns (schon) wieder die Neon-Welle.

Ist das Publikum nicht mitunter etwas ulkig?
Tome: Das kommt auf die Betrachtungsweise an, je nachdem was man selber für ein Typ ist.
Dirk: Wir hatten schon immer eine sehr bunte Mischung. Mein Kredo bei den Repräsentanten der Sicherheit ist immer: "Unser Publikum ist kreativ, nicht aggressiv." Was die lediglich ein bis drei Schubsereien bei 17.000 Gästen jedes Jahr auch immer wieder bestätigen.

Das beliebteste Getränk auf einer SEMF?
Tome: Immer noch Vodka Red Bull...
Dirk: ...und Bier.

Haben die Lenker der Riesenpuppe Dundu durch das Publikumsmeer nicht den schwierigsten Job beim Semf?
Tome: Ich denke, es kommen ziemlich viele Beteiligte ins Schwitzen - inklusive uns.
Dirk: Es ist schon ein ziemliches Gedrängel für sie, wenn sie am Mainfloor zu Sven Väth durch wollen, der sich immer über Dundu freut. Aber das Publikum macht ihnen, wenn es kann, Platz. Fürs Dundu-Team ist es immer ne mega Gaudi, sonst wären Sie nicht jedes Mal mit so viel Herzblut dabei.

Warum gucken Securitys immer so böse?
Tome: Kann ich nicht bestätigen, es gibt auch lachende Secus (lacht).
Dirk: Alle sicher nicht, aber an ein paar Stellen müssen sie auch kritisch hinschauen. Gerade in diesen Zeiten sind wir auch ein bisschen stolz drauf, dass man wohl nirgendwo im Ländle so abgesichert gegen Stress fett Party machen kann wie bei uns.

Mal daran gedacht, einfach nur den Termin ohne Line-up zu kommunizieren oder würde das die Leute überfordern?
Tome: Haben wir tatsächlich schon ab und an mal besprochen, aber hat sich bisher noch nicht durchgesetzt.

Wie hart gehen einem die Facebook-Line-Up-Timetable-Sonstwas-Hater auf den Sack?
Tome: Ich finde das eher witzig. Im Grunde ist es doch cool, wenn sich die Leute mit dem Event identifizieren und es ihnen wichtig ist.
Dirk: Wenn der Hate konstruktiv ist - immer her damit. Auch wir wollen immer dazu lernen und man sieht persönlich einfach auch nicht mehr in jedes Eck bei der Größe dieser Veranstaltung.

Ist die Techno-House-Szene engstirniger als andere?
Dirk: Eigentlich ist die Szene eher offener als andere Szenen, die lieber unter sich bleiben. Ein paar Engstirnige gibt's immer. Gerade an der BPM-Zahl (Beats per Minute) scheiden sich innerhalb der Szene die Geister.

Best of Moments in zehn Jahren Semf?
2008: Im Prinzip die ganze Party, speziell war, als Body Language lief und am Ende die Dundu-Parade von der Freilichtbühne zur alten Messe mit Dundu vorneweg und der Partymeute hinterher.
2011: Unser Rasenbauer hatte sich ziemlich verschätzt beim Rollrasenverlegen und war am Ende non-stop an den Vorarbeiten und am Rasen verlegen beschäftigt. Einer schlief sogar auf einer Rolle Rollrasen ein.
2012: Das erste Sven-Väth-Set auf unserer Party - Gänsehaut!
2013: Das erste Luciano-Set bei uns und der neu gestaltete Chill-Out im Atrium als auch C2 dazu kam. Damit hatten wir endlich überall gleich guten Sound und amtliche Stages, das war geil anzusehen.
2014: Daran scheiden sich vielleicht die Geister der Techno-Engstirnigen, aber das Engagement von Robin Schulz war schon als Glückstreffer zu titulieren. Dafür kam richtig gut der neue "komme-was-wolle"-Chill-Out unter Regie von unserem Krize, das ist für das buntere Kulturprogramm vom elektronischen Jazz mit Alphorn bis zu Drummachine alles dabei.
2015: "Radarfalle" auf der Messe. Aufgrund der Größe der Messe sind Hilfsmittel zum rumfahren unabdingbar. Mit dem E-Bike vom Deniz hatten wir mal ein kleines Action-Video für Facebook gedreht, nur dabei übersehen, dass darauf der Tacho zu sehen war - und da waren die vorgeschriebenen 25km/h nicht immer eingehalten worden (lacht). Das haben auch die Verantwortlichen der Messe gesehen und es gab eine entsprechende Rüge, aber lustig wars trotzdem. Am Ende bekamen wir von der Landesmesse Stuttgart trotzdem eine "Fünf Jahre SEMF@LMS Geburtstagstorte" in Form eines Technics Plattenspielers (grinst).


Die besten Tunes in zehn Jahren Semf?
Tome: Ich habe da "Sky & Sand" von Fritz Kalkbrenner Live gleich im Kopf, alle Arme oben auf dem Mainfloor und Dundu biegt um die Ecke und alle drehen dann komplett durch.
Dirk: 2008, Booka Shade - Body Language war DAS Lied, ebenfalls live gespielt.

Ohne das Semf wäre Stuttgart…
Tome: ...verloren! Spaß, um ein grosses elektronisches Festival ärmer.
Dirk: Genau das, nicht mehr aber eben auch nicht weniger.

Habt ihr ein Ritual am Tag nach dem Semf?
Tome: Zum Dinner treffen und gut essen, bei mir immer selbstgemachte Ravioli mit viel Salat.
Dirk: Erst einmal gibt's da ziemlich viel aufzuräumen. Aber wenn wir die Messe verlassen haben, wird beim Dinner mit der engsten Crew zum ersten Mal reflektiert. Und wie oben erwähnt, Anfang Januar die Semf-Hütte im Schwarzwald zur Nachbesprechung und zum "Teambuilding" (grinst).

Semf: am 10. Dezember auf der Messe. Mehr Infos hier.

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