Ein historisches Bild von den Bauarbeiten an der SSB-Endhaltestelle Killesberg Anfang der 1990er Jahre. Foto: Kraufmann/Thomas Hörner

Zehn Jahre nach dem Wegzug der Messe ist das Areal rund um die SSB-Endhaltestelle Killesberg nicht mehr wiederzuerkennen. Zu Besuch in einem Quartier, in dem das einzig Stetige der Wandel ist.

Stuttgart - Diese Begeisterung ist ansteckend: Sabine Mezger, Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Nord, und derGastronom Issam Abdel-Karimsitzen gemeinsam an einem Tisch in Karims Pizzabar nahe der SSB-Endhaltestelle Killesberg und sprühen vor Enthusiasmus, während sie sich darüber unterhalten, was in den vergangenen Jahren am Killesberg alles passiert ist und wie sehr sie den Stadtteil lieben.

Wenn zwei Menschen am besten die Vielfalt des Killesbergs präsentieren, dann sind das vielleicht Sabine Mezger und Issam Abdel-Karim. Sie ist ein echtes Killesberger Gewächs mit Elternhaus vor Ort und Jahrzehnte langem Engagement im Bürgerverein, im Bezirksbeirat und seit 2014 als Bezirksvorsteherin. Ihn spülten die Wogen des libanesischen Bürgerkriegs Ende der 70er Jahre in die Stimpfacher Straße in Zuffenhausen im Schatten der weitläufigen Kurve der B27.

Herausgekämpft aus dem Problemviertel

Ein Problemviertel, wie Abdel-Karim sagt, der in Beirut als Sechsjähriger von einer Miliz eine Kalaschnikow in die Hand gedrückt bekommen hatte, und sich im Bewusstsein, was einem in dieser Welt alles widerfahren kann, herausgekämpft hat an den Killesberg. Dort geht es gediegener zu, wenn auch nicht ganz so wohlhabend, wie es sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat, darauf legt Sabine Mezger Wert: „Mein Großvater war mittlerer Beamter, als er das Häuschen finanziert hat“, erzählt die Christdemokratin.

Hier finden Sie Kindheitserinnerungen, die nur Stuttgarter haben können.

Abdel-Karim wiederum muss heute darüber lächeln, dass seine Familie 15 Jahre lang als Geduldete leben mussten, weil sie als so genannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ galten. „Mein Vater war Architekt im Libanon, uns war es gut gegangen dort“, erzählt er. Ohne den Bürgerkrieg hätte die Familie keinen Grund gehabt, das Land zu verlassen.

Beide, Mezger und Abdel-Karim, verbindet ihr Engagement für den Killesberg. Das ist eine ausfüllende Aufgabe, denn das Areal rund um die SSB-Endhaltestelle hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Vor gut zehn Jahren, am 26. August 2007, begannen die Abbrucharbeiten auf dem Gelände der Messe Killesberg, mit denen eine mehr als fünf Jahrzehnte dauernde Ära der Messen auf dem Killesberg zuende ging. Die letzte Messe war die Babywelt Stuttgart Anfang Oktober 2007.

Keine Spur mehr von den 13 Messehallen

Von den 13 Hallen, in denen vor allem die Publikumsrenner, die Touristikmesse CMT und die Verbrauchermesse Hafa, später „Familie & Heim“, sowie bis zur Jahrtausendwende die Automobilausstellung „ama“ regelmäßig für ein Park- und Verkehrschaos im Quartier sorgten, ist heute nichts mehr zu sehen. Geschichte sind Konzerte wie die der Rolling Stones, die 1970 in der Halle 6 aufgetreten sind oder der Massenauftrieb zum europäischen Jugendtreffen von Taizé Mitte der 90er Jahre.

Sehen Sie hier den Killesberg aus der Vogelperspektive.

Wer sich heute am oberen Treppenaufgang der SSB-Endhaltestelle nach Norden richtet, sieht oder erahnt im Uhrzeigersinn ein ganzes Kaleidoskop Stuttgarter Stadtbilder. Es beginnt bei der futuristisch anmutenden Parkanlage, die in eines der populärsten Erholungsgebiete im Stuttgarter Raum führt, geht weiter mit dem Wohn- und Geschäftszentrum Killesberghöhe, das auch einige Jahre nach dem Start noch architektonische Kühle verströmt, und führt zur renommierten Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Dahinter lässt sich die Weißenhof-Siedlung erahnen, vor Kurzem von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben.

Aktueller Zankapfel Brenzkirche

Der Akademie gegenüber steht die Brenzkirche, aktuell ein Zankapfel im Quartier, wie die Bezirksvorsteherin Sabine Mezger berichtet. 1933 im klaren Stil des Neuen Bauens errichtet, wurde sie von der nazigetriebenen Stadtverwaltung 1938 umgestaltet, die liberale Architektur galt unmittelbar neben der Gartenschau als verpönt. Heute steht die Kirche unter Denkmalschutz und es tobt der alte Streit: Die Kirche wieder im Originalzustand von 1933 herstellen oder die danach enstandenen Veränderungen als historische Schichten bewahren?

Im Schatten der Brenzkirche stehen seit der Flüchtlingskrise 2015 mehrere Systembauten, in denen Geflüchtete untergebracht sind. Auch bei dieser Diskussion ist gestritten worden, erzählt Mezger, wie an so vielen Standorten innerhalb Stuttgarts. Andererseits habe sie überrascht, wie schnell sich der Freundeskreis gebildet habe, der sich der Flüchtlinge annimmt, und in dem auch Issam Abdel-Karim ganz vorne mit dabei ist. Das Engagement hat ihm in diesem Jahr die Auszeichnung Stuttgarter des Jahres durch die Stuttgarter Zeitungeingebracht. Eigentlich handelt es sich bei dem Areal um das Baugebiet Rote Wand, von 2019 an sollen dort knapp 120 Wohnungen entstehen. Weiter im Uhrzeigersinn erahnt der Spaziergänger Richtung Südwesten den Tennisclub Weissenhof, wo das ATP-Turnier jedes Jahr für einen kleinen Auflauf von Prominten sorgt.

Umwandlung des Messegeländes ein Erfolg

Die fast abgeschlossene Umwandlung des Messegeländes nennt die Bezirksvorsteherin Mezger unterm Strich einen Erfolg. „Wir haben endlich eine funktionierende Nahversorgung hier oben“, sagt sie, vom Discounter über Supermarkt bis zum Bio-Supermarkt, ein Ärztehaus und zwei Banken sind am Standort. Die Killesberghöhe habe wie jedes Zentrum mit einer gewissen Fluktuation umzugehen. Aber insgesamt seien alle zufrieden.

Bestimmte Probleme sind unterdessen geblieben: Wenn Veranstaltungen die Massen anlocken, etwa zu Konzerten im Park oder einfach schönstes Ausflugswetter herrscht, sind die Straßen rund um den Höhenpark bis über die Belastungsgrenze vollgeparkt, sagt die Bezirksvorsteherin. Nächtliche Partygelage von Jugendlichen am Park und an der Killesberghöhe sind mit dem gezielten Einsatz eines Sicherheitsdienstes weniger geworden, nervig sind aber immer noch die Hinterlassenschaften in Form von zerschlagenem Glas oder auch Fäkalien. „Ich nenne das Vandalismus“, sagt Mezger.

Unzufrieden mit dem Takt der SSB-Stadtbahnen

Unzufrieden sind die Killesberger zudem mit dem 20-Minuten-Takt der SSB-Linie U5, die das Quartier mit der Innenstadt verbindet. 1994 war die heutige Endhaltestelle als Teil der Messe- und Flughafenlinie mit Blasmusik und Jahrmarktstreiben ihrer Bestimmung übergeben worden. 435 Millionen Mark waren seinerzeit investiert worden. So viele Redner geißelten zur Eröffnung die hohen Kosten und die vielen Verzögerungen, dass es dem damaligen Oberbürgermeister Manfred Rommel schließlich zu bunt wurde: „Hört endlich auf zu jammern“, schimpfte er. Das erinnere ihn an die Wengerter, die nach einer guten Ernte stöhnten: „O Gott, was das den Boden schlaucht.“

Im Herbst 2013 hat die SSB den Takt von zehn auf 20 Minuten verringert, und begründet dies mit der fehlenden Auslastung, die einen kürzeren Takt aus wirtschaftlichen Gründen verbiete. Seither werden die Bezirksbeiräte nicht müde, den Zehn-Minuten-Takt zurückzufordern. Aber Mezger weiß, dass dies wohl eher in ferner Zukunft liegt.

Einzig stetig bleibt der Wandel

Der Gastronom Issam Abdel-Karim ist über den Wandel der vergangenen Jahre ebenfalls glücklich. Das Quartier habe sich deutlich belebt. Die Konkurrenz zusätzlicher gastronomischer Angebote spürt er allerdings, weshalb er seine Pasta-Bar im Schatten der Akademie der Bildenden Künste, die er neben der Pizza-Bar betreibt, soeben neu erfindet. Das soziale Gastro-Projekt „Red – Enjoy Refugees best kitchen“ soll die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft besser ins Quartier integrieren, Arbeits- und vielleicht auch Ausbildungsmöglichkeiten schaffen.

Während diese Pläne aus Abdel-Karims Mund sprudeln, leuchten die Augen der Bezirksvorsteherin Sabine Mezger. Sie freut sich über das Engagement und den Zusammenhalt der Killesberger – und wünscht sich, dass die Menschen, die auf der Killesberghöhe und künftig einmal an der Roten Wand leben, ebenso Teil der funktionierenden Quartiersgesellschaft werden.

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