Das Menschheitsthema schlechthin: die Liebe. Oder wie der Dichter Wilhelm Busch sagte: „Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir liebten.“ Foto: stock.adobe.com/Igor Mojzes

Liebe ist ein zentrales Thema im Leben. Aber warum? Drei Experten versuchen, sich der Frage zu nähern und erklären dabei, was es mit Verliebtheit auf sich hat und in welche Art von Menschen wir uns verlieben.

Ludwigsburg - Unzählige Lieder gibt es, die sich mit glücklicher, komplizierter oder gescheiterter Liebe beschäftigen. Unzählige Bücher über Beziehungen, seien es Romane oder Ratgeber. Der deutsche Dichter Wilhelm Busch sagte einst: „Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir liebten.“ Zweifellos: Die Liebe ist ein zentrales Thema für Menschen. Aber warum ist das eigentlich so?

 

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Experten haben verschiedene Antworten auf diese Frage. Allein schon das Verständnis von Liebe unterscheidet sich, denn eine klare Definition gibt es nicht. Carl O’Brien blickt von einem philosophischen Standpunkt auf die Liebe. Er ist Dozent an der Uni Heidelberg. In der griechischen Philosophie gibt es drei Arten der Liebe: Eros umfasst das körperliche Begehren eines anderen Menschen. Philia ist eher eine Art „Freundesliebe“. Und Agape ist die selbstlose, bedingungslose Liebe, zu der auch die reine Liebe Gottes zählt.

Liebe als Voraussetzung fürs Leben

Aus psychologischer Sicht ist das etwas anders. Alexandra Schlottke ist Psychotherapeutin in Ludwigsburg. Sie beschreibt Liebe als eine tiefe Verbundenheit mit einer anderen Person. Und sie sollte nicht mit Verliebtheit verwechselt werden, die der Liebe vorausgeht. Verliebtheit bedeutet laut Schlottke, jemanden attraktiv zu finden, körperlich, geistig oder emotional. Diese Anziehung weckt das Bindungsbedürfnis in uns. Maja Hesse, Psychotherapeutin in Stuttgart, setzt noch eine Schicht tiefer an und sagt, die Liebe sei die Basis von allem. „Sie heilt alle Wunden und bringt alles in eine natürliche Ordnung und Harmonie“, sagt sie. Damit sei die Liebe dem Sonnenlicht ähnlich, das das Leben erst ermöglicht.

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Bleiben wir zunächst bei der psychologischen Sicht. Alexandra Schlottke erklärt, dass Menschen auf der Suche nach anderen Menschen sind, um sich an sie zu binden und so besser durchs Leben zu kommen. „Wir sind in der Gruppe geschützter“, sagt sie. Außerdem haben Menschen laut Schlottke zwei grundlegende Bedürfnisse: eine Art Bindung, Nähe oder Zugehörigkeit und Autonomie. Wir hoffen also, in der Liebesbeziehung die Bindung und Nähe zu finden, die für uns ein Grundbedürfnis ist. Wenn wir es dann noch schaffen, die Autonomie zu wahren, hat die Partnerschaft eine gute Chance. „Ein Rezept für eine gelingende Beziehung gibt es nicht. Aber es ist gut, wenn man sich im Klaren darüber ist, dass eine Beziehung aus zwei Individuen besteht, die zu 100 Prozent für sich und zu 50 Prozent für die Beziehung verantwortlich sind“, sagt Schlottke.

Wie viel Liebe braucht ein Kind?

Wenn das nicht funktioniert, findet man die Ursache meist in der Kindheit. Denn auch da spielt Liebe schon seine sehr wichtige Rolle. Wer in dieser Zeit zu wenig Liebe bekommt, kann später in Partnerschaften unbewusste Ängste haben – obwohl diese dann unbegründet sind. „Wenn als kleines Kind zum Beispiel die Mutter weggeht, kann das existenziell bedrohend sein – wenn wir nichts mehr zu Essen bekommen. Aber wenn der Partner weggeht oder mal Nein sagt, sterben wir daran nicht, auch wenn es sich so anfühlen kann“, sagt Alexandra Schlottke.

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Das Problem ist aber: Eltern können ihren Kindern niemals angemessen viel Liebe und Aufmerksamkeit schenken. „Dafür sind wir viel zu komplizierte Wesen mit unterschiedlichen Bedürfnissen“, sagt die Therapeutin Maja Hesse. Deshalb bleibe immer ein Rest Potenzial in uns, der sich nicht entfalten könne. Das kann später zu Ängsten, Unzufriedenheit, Depressionen oder Essstörungen führen. Die Aufgabe des Erwachsenen ist es dann, das Vergangene zu verstehen und irgendwann den Eltern zu vergeben. „Das ist eine große Liebe, weil mir jemand wehgetan hat und das große Auswirkungen auf mein Leben hatte, ich ihm aber trotzdem vergeben kann“, sagt Hesse. Dieser Schritt sei auch ein wichtiger Meilenstein zum „größten Heiler“, wie Maja Hesse es nennt: die Selbsterkenntnis. Das bedeutet, sich selbst zu verstehen und zu akzeptieren – ganz und gar. „Das ist das Ziel der Menschheit“, sagt Hesse.

Aufstieg zum Göttlichen

Damit ist die Therapeutin schon nahe an der philosophischen Perspektive dran. Dozent O’Brien beschäftigt sich mit den Werken von Platon und erklärt, dass Liebe so wichtig ist, weil man immer daran arbeiten und aufsteigen kann. Nach dem griechischen Philosophen gibt es eine Art Leiter der Liebe. „Die Liebe, die wir als Individuen erfahren, ist nur die erste Sprosse“, sagt O’Brien. An der Spitze der Leiter steht die Liebe, „die uns endgültig zum Göttlichen führt“. Damit ist sie eine Art Aufstiegsmöglichkeit zum Göttlichen. Der Weg dorthin ist schwer, und es liegt ihm etwas zugrunde: „Keine Liebe ist möglich ohne Selbstliebe“, sagt O’Brien. Eine Theorie besagt sogar, dass wir auch in anderen nur uns selbst lieben. Beim eigenen Kind lieben wir etwa das, was es an uns erinnert; beim Partner das, was uns ähnlich ist.

Platon lehrt auch, dass sich Menschen nicht in einen beliebigen anderen Menschen verlieben können. „Die Seelen sind im Himmel verschiedenen Göttern zugeteilt, bevor sie auf die Erde fallen“, sagt Carl O’Brien, „dort können wir uns dann nur in die Menschen verlieben, die dem gleichen Gott zugeteilt waren und die gleiche Natur haben.“ – Sozusagen nur in Seelenverwandte.