Pionier und Firmengründer Wolfgang Renner sitzt in seinem Unternehmen CENTURION und MERIDA in Magstadt fest im Sattel. Foto: MERIDA & CENTURION

Innovationsgeist und Entwicklungsarbeit - dafür sind Stuttgart und seine Region bekannt. Dass dies im Auto-Mekka auch für die zunehmend boomende Fahrradbranche gilt, wissen meist nur eingefleischte Drahtesel-Fans. In loser Folge porträtieren wir daher Macher der Bike-Szene, wie Wolfgang Renner.

Heute Morgen geht er zu Fuß zur Arbeit. Gemütlich schlendert Wolfgang Renner über das Firmengelände von MERIDA und CENTURION in Magstadt. Durch die Montagehallen des Global Players in Sachen Markenfahrräder. Seine Mitarbeiter grüßt er dabei mit einem freundlichen Kopfnicken.

Das mit dem Spaziergang hat er sich seit Corona angewöhnt. „Man muss sich Freiräume schaffen, manche nehmen sich zu wichtig.“ Dabei kann der 73-Jährige durchaus stolz sein, auf das, was er in der schwäbischen Provinz aufgebaut hat. Der Mountainbike-Pionier gründet 1976 CENTURION. 1979 holt er den BMX-Sport nach Deutschland, 1982 baut er das erste sportlich einsetzbare Mountainbike und 1984 das erste Trekkingrad.

Exklusiv-Vertrag mit Eddy Merckx

Zwei Jahre später gelingt dem gebürtigen Stuttgarter und Magstadter von Herzen ein weiterer Coup: ein Exklusiv-Vertrag mit Eddy Merckx über den Import der Rennmaschinen des Radsport-Weltstars. 1989 unterstützt CENTURION das Team Stuttgart, Vorläufer des späteren Teams Telekom, mit Rennrädern.

Um in Entwicklung und Fertigung noch besser für die Zukunft aufgestellt zu sein, holt Renner im Jahr 2001 MERIDA mit an Bord des immer größer werdenden Firmenschiffes im kleinen Magstadt.

Der Mitbegründer der Erfolgsgeschichte der Fahrradbranche in Süddeutschland ist nun also per Pedes unterwegs. Mit dem Fahrrad fährt Renner in seiner Mittagspause. Zur Entspannung. Renner ist früh am Schreibtisch. Auch weil er viel mit Fernost zu tun hat. „Wir sind abhängig von Asien, ganz klar“, sagt der Firmenchef in seiner ehrlichen, direkten Art. Renner redet nicht lange drum rum und nichts schön. „Corona hat dies noch viel deutlicher gemacht.“ Ändern lässt sich daran kaum etwas. „Wenn wir alles in Deutschland machen lassen, werden die Räder unbezahlbar.“

Die komplette Entwicklung für CENTURION und MERIDA geschieht aber in Magstadt. In Hildburghausen werden E-Bikes montiert. Der Ausbau des Zweigwerks in Thüringen um einen Bau mit 20.000 Quadratmeter Fläche hat Corona zum Stoppen gebracht. Ein paar Mitarbeiter des Bauunternehmens sind an dem Virus erkrankt. „Und zack, alles zu.“

Corona: Boom der Fahrradbranche wird 2021 gebremst

Jammern auf hohem Niveau, findet Renner. Denn die Radbranche hat unheimliches Glück gehabt, da die Menschen das Fahrrad entdeckt oder wiederentdeckt haben. „Die Lager waren ausverkauft. Wir haben den mächtigsten Umsatz meiner Karriere gemacht. Die Leute sind bei unseren Händlern oft zwei Stunden Schlange vor den Geschäften gestanden, um noch ein Rad zu bekommen, das habe ich in 45 Jahren noch nicht erlebt.“ Doch jeder Boom hat mal ein Ende. Renner prognostiziert, dass 2021 viel schwieriger wird als 2020. „Wir haben aufgrund von Corona Lieferzeiten von bis zu einem Jahr. Die Lieferketten sind unterbrochen. Wir können die Nachfrage nicht wie gewünscht bedienen.“

Das Fahrrad sei dennoch auf einem tollen Weg. Auch in der Automobilregion Stuttgart. „Radfahren bereitet den Menschen Freude“, sagt Renner. „Es hat einen hohen Freizeitwert und Radeln kann man bis ins hohe Alter. Vor allem seit das E-Bike auf dem Markt ist.“

Biss und Teamgeist bringen den Rennfahrer auch als Firmenchef weit

Ein Loblied auf das motorisierte Biken von einem, der seine sportlichen Erfolge mit Blut, Schweiß und Muskelkraft erkämpft hat? Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Jürgen trainiert Renner schon als kleiner Bub jede freie Minute beim Kunstradfahren Geschick, Ausdauer, Balance, Biss und Teamgeist. Werte, die ihn als Chef mit seiner Firma später ganz nach vorne bringen sollten. Die ihn aber auch im Sport manches Mal aufs Treppchen lupfen. Allerdings nicht beim kunstvollen Radeln für Schöngeister, sondern beim knallharten Ritt durchs Gelände. Auch die Drohung des Vaters: „Wenn du Rennen fährst, dann kannst du ausziehen“, bringt den jungen Freigeist nicht ab von seiner Leidenschaft. „Also bin ich mit 18 weg von daheim“, erzählt Renner.

Das Tuch ist zwischen Vater und Sohn deshalb aber nicht zerschnitten. „Der Papa hat es gut gemeint.“ Schließlich weiß er, wie knallhart der Rennsport ist. Doch Renner ist hungrig. Im doppeldeutigen Sinn. Sein Geld ist knapp, Essen schnorrt er sich in den Kantinen von Siemens und IBM in Stuttgart, sein Zimmer mit fließend Kaltwasser und Toilette auf dem Gang kostet ihn 40 Mark im Monat.

„Man muss für etwas brennen, sonst wird es nichts“

Auch der Hunger nach Erfolg treibt den jungen Stuttgarter. „Man muss für etwas brennen, sonst wird es nichts.“ Und schnell fahren. Die Preisgelder kassieren, die nicht schlecht sind, gehen im Querfeldein doch Profis und Amateure zusammen an den Start. Und er fährt schnell. Mit 21 Jahren wird er erstmals Deutscher Meister. Ein Erfolg, den er in den beiden Folgejahren wiederholt. Mit zwei Plattfüßen verpasst er im Jahr 1972 mit Rang drei nur knapp den WM-Titel.

Und jetzt also E-Bike. „Sind die zu doof zum Radfahren“, sei seine erste Reaktion gewesen, als der Trend zum Drahtesel mit Motor vor ein paar Jahren Fahrt aufnimmt. Mittlerweile hat er Abbitte geschworen. Was einerseits damit zusammenhängt, dass Bosch damit anfing, E-Antriebe für Fahrräder herzustellen. „Das sorgte für den Aufschwung, da viele dachten, Bosch, die werden es schon richtig machen.“

60 Prozent des Umsatzes wird mit E-Bikes gemacht

Andererseits hat Renners Sinneswandel sicher auch mit den starken Verkaufszahlen im E-Bike-Sektor zu tun. Denn 60 Prozent seiner Umsätze generiert MERIDA und CENTURION aus dem Geschäft mit den Pedelecs. „Alle Nischen von Trekking bis City-Bike werden mit E belegt. Es wird daher viele neue, innovative kleine Firmen geben.“ Immer mehr sind E-Antriebe gefragt, die am besten nicht zu sehen und zu hören sind. Auch hier steht das Rad der Zeit nicht still. Wer zu den Gewinnern gehören will, muss mit aufspringen, sonst wird er überrollt.

Dass das gute Klima-Gewissen oft unter der Jagd nach Profit leidet, gibt Renner unumwunden zu. „Die Öko-Bilanz ist aber auch bei herkömmlichen Rädern nicht toll.“ Deren Rahmen werden in Asien produziert. Kaum noch in Europa. Zu teuer. „Da wird sich auch künftig nichts dran ändern lassen. Wir können das Ganze nur positiv beeinflussen, wenn wir Räder bauen, die sich sehr lange halten.“

Dass seine Firma qualitativ vorne mitfährt, überprüft Wolfgang Renner persönlich. Neue Fahrräder werden von ihm stichprobenartig gefahren und getestet. Bei seinen Touren im Ländle sitzt er viele Kilometer fest im Sattel.

Seit der Coronakrise habe er jedes Wochenende den Rat des Dalai Lama befolgt, einmal im Jahr einen Ort zu besuchen, den man noch nicht kennt. „Ich habe in Mannheim studiert, bin aber noch nie durch den Pfälzer Wald gefahren. Das habe ich jetzt erledigt. Alles mit Muskelkraft.“

3-D-Fotografien stillen Fernweh während des Lockdowns

Als es jedoch vor einiger Zeit in die Alpen geht, zu den sechs Standorten des Museums von Reinhold Messner, hat Renner bewusst den Turbo eingeschaltet. „Schon cool, wenn man dann mit mächtig Speed dahinsaust.“ Dadurch kann er in Ruhe Fotografieren und schnell wieder zur Gruppe aufschließen.

Seine zweite Leidenschaft neben dem Radfahren hilft ihm im Lockdown. Stillen seine 3-D-Fotografien doch ein wenig die Sehnsucht nach den Alpen, Südamerika, Afrika, Tibet oder Island, deren Schotterpisten, Asphaltstraßen, Gebirgspässe und rasante Abfahrten sich Renner in die Wadenmuskeln und Erinnerung gebrannt haben. Sein Fernweh während Corona ist daher auszuhalten. „Ich habe so viel erlebt. Das ist die Gnade der frühen Geburt.“

Wenn CENTURION 2021 45 Jahre auf der Kette hat, will Renner nicht nur wegen der Pandemie keine große Sause, sondern seinen Mitarbeitern eine 3-D-Schau zeigen. „Ich bin nicht der Feiertyp, aber ich möchte inspirieren und motivieren. Wenn der Film auch nur einen dazu anregt, mal den Jakobsweg zu fahren, dann freut mich das.“

Sein 73. Geburtstag hat den Hobbypiloten etwas nachdenklich gestimmt. Die Zeit wird endlich, die jungen Entwicklungsingenieure ziehen öfter auf dem Fahrrad an ihm vorbei. Seine Firma ist aber gut aufgestellt. Er hat Fehler gemacht, aber nie denselben zwei Mal. „Mein Wunsch ist es, nicht gebrechlich zu werden, sondern mit 90 noch fit zu sein und schließlich einfach vom Rad zu fallen. Ende.“

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