Ex-Topathlet Thomas Dingel will Barrieren abbauen. Foto: Bäuerle

Thomas Dingel weiß, wovon der spricht. Der Contergan-Geschädigte verbringt ein Leben im Rollstuhl, aber er hat nie an Aufgabe gedacht – auch, weil er Sportler ist. „Viele Menschen mit Behinderung“, sagt der Herrenberger, „ziehen enorm viel Kraft aus dem Sport.“

Herrenberg - Herr Dingel, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit?
Keine guten.
Warum?
Einerseits hatte ich das Glück, als Gehandicapter auf die Welt gekommen zu sein.
Glück?
Ich bin mit meiner Behinderung groß geworden, kenne kein anderes Leben. Das macht vieles einfacher und leichter. Von Anfang an war der Tagesablauf voll auf meine Bedürfnisse zugeschnitten.
Und andererseits?
Bin ich am falschen Ort aufgewachsen.
Wie meinen Sie das?
Meine Eltern wohnten damals in Herrenberg, aber ich war die meiste Zeit in Heidelberg. Dort war in den 60er und 70er Jahren das Zentrum für Contergan-Geschädigte. Wir waren ein gefundenes Fressen für Ärzte, die an uns herumexperimentiert haben. Ich musste zahllose Operationen über mich ergehen lassen, war monatelang in Krankenhäusern. Und es gab eigene Schulen für uns, das hatte schon Ghetto-Charakter. Zeitweise war ich in einem Internat mit bis zu 1000 anderen Kindern mit Behinderung.
Auf eine normale Schule zu gehen . . .
. . . war damals nicht möglich. Ich brauche Barrierefreiheit und eine Rollstuhl-gerechte Toilette. Das gab es damals nicht, zumindest nicht bei mir zu Hause in Herrenberg.
Wie wichtig war Sport in Ihrem Leben?
Unglaublich wichtig. Mit 13 Jahren habe ich begonnen, Rollstuhlbasketball zu spielen, drei Jahre später gehörte ich in Heidelberg zum Bundesliga-Team. Ich habe in meiner Schadensklasse zu den besten zehn Tennisspielern der Welt gezählt. Der Leistungssport war mein Lebenselixier, davon zehre ich noch heute. Sport hat mich zu dem selbstbewussten Menschen gemacht, der ich jetzt bin.
Ähnliche Erfahrungen . . .
. . . sammeln natürlich viele. Ich würde sagen, dass rund die Hälfte der Gehandicapten mit Sport nicht viel am Hut hat – aufgrund von mangelnder Eigeninitiative, fehlender Unterstützung aus dem Umfeld oder körperlicher Beeinträchtigungen.
Und die andere Hälfte?
Zieht enorm viel Kraft aus dem Sport.
Inwiefern?
Sport verbindet. Er bringt Freundschaften, soziale Kontakte, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Und Anerkennung. Wenn Kinder mit angeborenen Schäden Sport mit gesunden Kindern treiben, dann sind sie plötzlich keine Außenseiter mehr.
Was können Sportvereine daraus lernen?
Sie müssen ihre Türen und Tore öffnen und nach Möglichkeiten suchen, Gehandicapte in ihr Sportleben zu integrieren.
Passiert das?
Es gibt Vereine, die sich richtig anstrengen. Es freut mich ungemein, wenn ich sehe, wie Rollstuhlfahrer gegen Fußgänger Tischtennis spielen oder fechten, wie gehandicapte Kinder in die Turnstunden integriert werden oder sich gesunde Jugendliche in Rollstühle setzen und gegen Gehandicapte Basketball spielen. Es besteht im Sport natürlich das Problem, dass es in vielen Disziplinen nicht passt. Andererseits gibt es etliche Möglichkeiten für gemeinsamen Sport, die noch ausgeschöpft werden könnten.
Zum Beispiel?
Im Schwimmen und in der Leichtathletik läuft alles sehr getrennt ab, Potenzial gäbe es aber zum Beispiel auch im Rudern – um nur ein paar Sportarten zu nennen. Von einem bin ich fest überzeugt, und das ist immer auch der Anspruch an mich selbst gewesen: Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Das gilt für Vereine, dazu gehört aber auch eine Eigeninitiative von uns Gehandicapten.
Wie läuft das Thema Inklusion im Schulsport?
Klar ist, dass man sicher auch hier an Grenzen stoßen wird. Aber grundsätzlich gilt natürlich: Inklusion darf nicht an der Tür zur Sporthalle enden.
Wie kann das in der Praxis ablaufen?
Ich habe selbst schon 15 Rollstühle organisiert und eine Doppelstunde Sport abgehalten. Für die Kinder war es eine tolle Erfahrung zu sehen, wie so ein Gefährt funktioniert und welche Erfolgserlebnisse sie haben können, wenn sie sich auf den Rollstuhl einlassen. Das war Inklusion mal andersherum.
Aber eben kein alltäglicher Sportunterricht.
In dem Inklusion jedoch auch möglich ist. Beim Turnen kann ein Rollstuhlfahrer mit Ringen oder Barren durchaus etwas anfangen, in der Leichtathletik mit Diskus und Speer, und es gibt auch einen Rollstuhl-Sprint. Und ich selbst stand schon als Keeper in einem kleinen Fußball-Tor. Vieles lässt sich hinbiegen, es braucht nur Menschen mit Erfahrung im Umgang mit Gehandicapten, die etwas umsetzen wollen und auch dürfen. Das zeigen etliche Beispiele aus dem Osten Deutschlands. Dort ist die Inklusion viel weiter fortgeschritten, und dort funktioniert es auch im Sportunterricht.
Woran hapert es bei uns noch?
In den Schulen gibt es viel zu wenige ausgebildete Lehrassistenten, die Kinder mit Behinderung in den Unterrichtsalltag integrieren können. Allein in Baden-Württemberg fehlen 400 bis 500.
Und allgemein?
Ich merke beim Thema Inklusion, dass alle wollen. Aber vielen mangelt es am Erfahrungswert, wie es am besten umgesetzt werden kann. Schwierig macht das Thema zudem, dass jeder Fall anders ist. Für viele Menschen mit Behinderung ist zum Beispiel ein geschützter Raum zwingend notwendig, keine Inklusion. Meine Schwester ist schwerst autistisch, sie hätte in dieser schnelllebigen Gesellschaft null Chance, sich zu entwickeln. Sie benötigt ihren eigenen Bereich.
Sie sitzen seit Mai 2014 für die Freien Wähler im Gemeinderat in Herrenberg. Welche Herausforderungen warten auf die Kommunen?
Sie müssen die Grundvoraussetzung schaffen: Barrierefreiheit. In den Schulen, aber auch sonst überall. Da ist zuerst mal eine Bestandsaufnahme wichtig. In Herrenberg setzen sich deshalb immer mal wieder Bürgermeister und Gemeinderäte in Rollstühle, um zu sehen, wie leicht Gehandicapte an einer Stufe oder einer Bordsteinkante scheitern. Allerdings gibt es nicht immer perfekte Lösungen, weil es oft an der nötigen Fläche fehlt. Deshalb muss manchmal improvisiert werden. Dabei ist für mich klar: Eine Rampe, die eigentlich zu steil ist, ist immer noch besser als gar keine Rampe. Es ist wichtig, Probleme zu lösen. Nur das zählt.
Was wird die Zukunft bringen?
Es wird darum gehen, auch barrierefreien Wohnraum und barrierefreie Arbeitsplätze zu garantieren. Und natürlich darum, Inklusion zu leben – mit allem, was wir haben. Erst wenn wir nicht mehr über Inklusion reden, ist der Prozess beendet.
Aber die Richtung stimmt?
Auf jeden Fall. Wenn ich noch einmal jung wäre und eine barrierefreie Schule für mich suchen würde, dann würde ich heute in der Nähe meines Wohnorts eine finden.
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