Stimmt die Dokumentation? Lars Leitzke vom Gesundheitsamt lässt sich die Daten von einer Pflegekraft erklären. Foto: Gottfried Stoppel

Die Heimaufsichtsbehörde besucht jedes Pflegeheim im Landkreis mindestens ein Mal pro Jahr – und das unangekündigt. Die Rems-Murr-Redaktion hat die Prüfer bei einer Begehung begleitet.

Backnang - Das entgeht keinem: Es riecht. Und das ziemlich unangenehm nach Urin. Je näher wir dem Raum mit der Schmutzwäsche im Erdgeschoss kommen, umso mehr. Wir stehen in der beschützten Demenzabteilung des Alten- und Pflegeheims Staigacker in Backnang. Ein ganzer Tross von Prüfern der Heimaufsichtsbehörde und des Gesundheitsamts samt der Heimleitung hat sich auf diesen – sonst unangekündigten – Rundgang durch das große historische Haus mit fast 200 Pflegeplätzen gemacht. Nur weil dieses Mal die Presse dabei ist, hat die Heimleitung im Vorfeld von der Begehung erfahren. Mängel finden die akribischen Prüfer trotzdem.

Gestank wird durch Umbau beseitigt

Nicht nur diesen offensichtlichen Gestank in einer der Abteilungen. Dieses Problem, so Pflegedienstleiterin Sabine Schneider, sei bekannt – und soll in Zukunft behoben werden: „Hier gibt es kaum eine Lüftung“, erklärt die große blonde Frau. Grund seien die Türen zur Demenzabteilung: „Die waren ursprünglich nicht da, die Luft konnte gut zirkulieren, als der Anbau vor über 30 Jahren erstellt wurde“, fügt sie hinzu. Die Lösung: Die beschützte Demenzabteilung wird in das derzeit in Bau befindliche Demenzzentrum auf dem ehemaligen Klinikareal in Backnang umziehen. Danach wird am Staigacker saniert, die Türen kommen weg. Problem gelöst. Den Prüfern reicht das.

Den Stift gezückt, das Klemmbrett unter dem Arm, die Augen offen ziehen sie weiter von Raum zu Raum. In einem der Bewohnerbäder findet Hygieniker Lars Leitzke vom Gesundheitsamt zwar saubere Silikonfugen, doch der Spender mit den Papierhandtüchern ist leer. In einem Schmutzraum sind die Desinfektionsmittel nicht weggesperrt: „Das kann gerade in einer Demenzabteilung gefährlich werden“, sagt Leitzke. „Wir empfehlen einen Drehknauf an der Tür und ein Schloss am Schrank“, sagt Jörg Urban. Der Raum mit der Gemeinschaftsbadewanne bekommt das OK der Prüfer. Duschmittel dürfen offen herumstehen und es gibt einen Plan, wie und wann die Wanne desinfiziert wird.

Fehlende Absturzsicherung wird moniert

Stirnrunzeln verursacht allerdings ein anderer Mangel: In der Küche der besagten Demenzabteilung ist zwar der Herd und sogar der Kühlschrank mit einem Schlüssel und einem Schloss gesichert, doch am Waschbecken fehlen der Spender für Papierhandtücher und für die Seife. „Das muss ich jetzt doch mal anmerken“, sagt Leitzke. Schneider kann das Fehlen erklären: Das sei wegen der Bewohner der Demenzabteilung. Diese würden die Spender immer gleich leer machen, die Papierhandtücher ins Klo stopfen. So – ohne diese Spender – gebe es weniger Probleme. Der Hygieniker schlägt vor, die Spender versteckt in einem Schrank anzubringen.

Die Prüfer ziehen weiter in das aus dem Jahr 1904 stammende Haupthaus, das um die Jahrtausendwende umfassend renoviert wurde. Helle Treppenhäuser führen in die oberen Stockwerke, Handläufe an beiden Seiten, rutschhemmende Gummilippen auf jeder Holzstufe. Hübsch, denkt sich der unbedarfte Besucher. Doch Jörg Urban, seit 18 Jahren im Dienst der Heimaufsicht unterwegs, fällt sofort ins Auge: „Da fehlt die Absturzsicherung für Rollstuhlfahrer.“ – „Das habe ich bereits bei einer früheren Begehung angesprochen“, wirft sein Kollege Martin Schwenger ein. Nun ist Heimleiter Eckart Jost an der Reihe: „Wir haben eine Tür vor dem Treppenhaus. Das müsste reichen.“ Das Treppenhaus sei so genehmigt. Doch Jörg Urban erinnert sich an einen tragischen Fall: Damals sei in einem Heim ein Rollstuhlfahrer trotz Tür die Treppe hinabgestürzt und sei dabei ums Leben gekommen. „Im Schadenfall muss der Träger nachweisen, dass er nicht fahrlässig gehandelt hat.“ Dann geht es zu einem der Pflegestationszimmer.

Geprüft wird jedes Dokument

Dort ist Susanne Wolff zugange. Die Krankenschwester begleitet als Honorarkraft die Heimaufsicht und nimmt den pflegerischen Teil genau unter die Lupe. Mit einer Pflegerin geht sie gerade die Medikamente einer bestimmten Patientin durch. Wolff zählt, prüft, sortiert. Alles okay. Dann ist die Pflegedokumentation dran. Mit Einverständnis eines Angehörigen darf Susanne Wolff die Daten einsehen und mit der Pflegebedürftigen sprechen. „Wir machen Stichproben, die wir beispielhaft auswerten“, sagt sie.

So nimmt jeder Prüfer seinen speziellen Bereich in Augenschein. Anwesende Mitarbeiter werden gezählt und namentlich aufgenommen. Die Heimaufsicht lässt sich Dienstpläne und andere Dokumentationen geben, wird sie in den nächsten Tagen genau auswerten. Selbst mit dem Vorsitzenden des Heimbeirats, Eugen Feihl, sprechen die Prüfer. Der 86-Jährige, der seit einem Jahr im Heim wohnt, äußert sich zufrieden: „Es herrscht ein guter Geist.“

Zufrieden sind nach mehreren Stunden auch die Prüfer: „Die Zimmer sind ordentlich, der Zustand der Bewohner ist – soweit es ihre Gesundheit erlaubt – sehr gut“, sagt Susanne Wolff im Abschlussgespräch. Sie habe aus ihrer Sicht nichts zu bemängeln. „Nur in der Dokumentation könnten Sie besser sein“, sagt Jörg Urban. „Das zeigt, dass uns die Bewohner wichtiger sind als das Papier“, betont der Heimleiter.

So arbeitet die Heimaufsicht

Waiblingen - Die Heimaufsichtsbehörde gehört zum Amt für Recht und Ordnung des Rems-Murr-Kreises und wurde 1975 geschaffen, um Alten-, Pflege- und Behindertenheime für Erwachsene regelmäßig zu überprüfen und so eine qualitativ gute Pflege zu sichern. Derzeit hat die Heimaufsicht vier Mitarbeiter. Wir erklären, wie die Behörde arbeitet:

Wie viele Heime gibt es im Kreis?

Derzeit sind es insgesamt 130 Heime mit rund 6000 Plätzen. Davon sind 59 Alten- und Pflegeheime, die 3800 Pflegeplätze haben. 2000 der 6000 Plätze fallen auf Behindertenheime, 15 Plätze sind in ambulant betreuten WGs und 350 Plätze sind für chronisch psychisch Kranke.

Wie oft werden Heime besucht und überprüft?

Jedes der Heim bekommt mindestens zwei Mal pro Jahr unangekündigten Besuch: Einen von der Heimaufsichtsbehörde und in einem Abstand von mindestens vier Monaten einen vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Gibt es einen Anlass, kommt die Heimaufsicht auch zwischendurch zum Kontrollieren – wenn es sein muss auch nachts oder am Wochenende. Etwa wenn zum Beispiel die Einhaltung des Dienstplans für die Nacht nicht anders überprüft werden kann.

Was genau wird bei solch einer Begehung überprüft?

In dem 74 Seiten umfassenden Prüfleitfaden gibt es zu neun Themen ausführliche Fragen. Die Bereiche umfassen allgemeine Daten zum Personal, zur Organisation, Unterkunft, zu Pflege, Betreuung und Aktivierung, zu Hygiene, Infektionsschutz und den Medikamenten. Auch die Verpflegung, die Möglichkeit zur Mitwirkung sowie das Verhältnis Entgeld-Leistung zu Spenden werden dabei erfasst und abgefragt.

Was wird am häufigsten bemängelt?

In diesem Punkt schlägt auch im Rems-Murr-Kreis der Mangel an Fachpersonal zu Buche. Der häufigste Grund für eine Beanstandung ist, dass zu wenig examinierte Pflegekräfte da sind. Es müssen laut Landespersonalverordnung aus dem Jahr 2016 je 30 Bewohner im Schnitt eine Pflegefachkraft anwesend sein. Der zweithäufigste Grund für eine Beanstandung sind Probleme in der Dokumentation.

Was droht den Heimen, wenn die Heimaufsicht Mängel feststellt?

Zunächst gibt es eine offizielle Mängelberatung der Heime. Werden im Anschluss die Mängel nicht beseitigt, folgt eine sogenannte Anordnung. Dann muss das Heim handeln. Die Heimaufsicht kann auch Beschäftigungsverbote aussprechen oder ein Heim unter kommisarische Leitung stellen. Im schlimmsten Fall kann die Behörde den Betrieb des Heims untersagen. In den vergangenen zehn Jahren gab es allerdings keine Heimschließungen im Kreis.

Wie viele Beanstandungen gab es in den vergangenen fünf Jahren?

Zwischen 2013 und 2015 gab es jeweils zehn bis elf Fälle von Mängelberatungen. 2016 und 2017 waren es jeweils drei Beratungen. Zu einer Anordnung musste die Behörde in den vergangenen fünf Jahren jeweils ein Mal jährlich greifen. 2017 gab es da etwa einen Fall, in dem die Behörde mit einer Anordnung durchgreifen musste. Bemängelt wurde damals der Personaleinsatz und eine mangelhafte Pflegedokumentation. Im Zeitraum 2013 bis 2017 wurde darüber hinaus rund ein Dutzend Mal die Polizei eingeschaltet.

Worauf sollte man achten, wenn man für sich oder einen Angehörigen nach einem guten Heim sucht?

Die Mitarbeiter der Heimaufsicht empfehlen, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen und die Pflegedienstleitung oder die Heimleitung zu befragen. Transparenz ist dabei ein wichtiges Zeichen. Am besten sollte man seinen Blick schweifen lassen und all seine Sinne öffnen. Auch ein Bewohnerzimmer sollte man sich zeigen lassen. Wer es genau wissen möchte, kann auch vor Ort den Prüfbericht der Heimaufsicht oder des MDK einsehen.

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