Gerlinde, Mutter Else und Annegret Baumann (von links) und die polnische Pflegerin Dorota Skrzynska (hinten) Foto: Gottfried Stoppel

Die Schwestern Gerlinde und Annegret Baumann kümmern sich um ihre Mutter Else. Ohne die Pflegerin aus Polen wären sie aufgeschmissen. Die Helferin lebt im Wechsel mit Kolleginnen im Haus der alten Dame in Berglen-Reichenbach.

Berglen - Else Baumann hat wache Augen. Die 88-jährige Dame kann aber nicht mehr sprechen, sie kann auch nicht gehen oder selbstständig essen. Doch sie ist auf Zack. Mit ihren beiden Töchtern Gerlide (55) und Annegret (59) sowie mit der Pflegerin Dorota Skrzynska aus Polen kommuniziert die Frau aus Berglen-Reichenbach, Jahrgang 1930, auf ihre eigene Art. Die vier Frauen verstehen sich, man könnte sagen: fast blind. Die Töchter erzählen, fragen nach, und die Mama nickt freundlich oder schüttelt energisch mit dem Kopf. Und wenn sie sich freut, was oft der Fall ist, dann jubelt sie mit jauchzender Stimme.

Während dieser etwa eineinhalbstündigen Visite in der guten Stube, in der Else Baumann auch nachts in einem Pflegebett schläft, gewinnt der Gast schnell diesen Eindruck: Die vier Frauen machen das beste aus einer schwierigen Situation.

Vorübergehend in einem Heim untergebracht: Kurzzeitpflege

Die beiden Töchter erzählen von anno dazumal. Früher haben die Eltern einen Bauernhof betrieben. Doch dann ist die Mutter krank geworden. Eine Entzündung am Herzen. Die Familie musste die Landwirtschaft aufgeben. Der Vater hat fortan in einer Fabrik gearbeitet, und die Mutter blieb daheim bei den Kindern. Als Else Baumann Anfang 50 war, kam die nächste schlimme Nachricht. ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, eine Erkrankung, welche die Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark angreift, auch bekannt als die Stephen-Hawking-Krankheit.

Bis vor vier Jahren seien Mutter und Vater noch ganz gut zurecht gekommen, berichten die Schwerstern. Doch dann ist der Vater verstorben. Wie geht es nun weiter? Über dieser Frage haben Gerlinde und Annegret Baumann gebrütet. Tagelang, wochenlang. Zunächst wurde Else Baumann vorübergehend in einem Heim untergebracht, Kurzzeitpflege. Gedacht war an drei Wochen, danach wollten sich die Schwestern entscheiden. Die Zeit der Ungewissheit hat aber rund vier Monate lang gedauert. Die Mutter hat damals keinen Hehl daraus gemacht, was sie will: wieder nach Hause ziehen, nach Reichenbach, wo die Freunde und die Bekannten wohnen, wo das Grab des Gatten ist.

Die Pflegehelden Ostalbkreis

In dem Pflegeheim, sagen Annegret und Gerlinde Baumann, habe die Mutter fast alles verlernt. Sie sei von den Mitarbeitern unterschätzt worden, oft zu spät auf die Toilette gebracht, mitunter sei sie nicht gefüttert worden. „Wir waren nicht zufrieden,“ sagen die Töchter unisono. So sollte die Mutter nicht leben. Dann der Entschluss: die Mutter kommt zurück nach Hause, eine Pflegerin wird beschäftigt, die fast rund um die Uhr da ist.

Die erste Zeit sei aber auch mit der Helferin schwer gewesen, ständig wechselten die Pflegerinnen. Nun indes sind die Baumanns recht zufrieden. Dorota Skrzynska wurde von den „Pflegehelden Ostalbkreis“ vermittelt, sie arbeitet immer drei Monate lang in Berglen, dann lebt sie ein paar Wochen daheim in Polen. Während dieser Zeit kommt eine andere Pflegerin aus Polen. Wenn diese frei hat, dann kümmern sich die Schwestern abwechselnd um ihre Mutter. Sie helfen der alten Dame beim Aufstehen, waschen sie, essen gemeinsam, lesen vor, erzählen.

Langfristiges Planen sei kaum möglich

Einmal wöchentlich schaut eine Frau von der Nachbarschaftshilfe bei Else Baumann vorbei, zweimal wöchentlich kommt ein mobiler Pflegedienst, einmal ein Ergotherapeut, zweimal ein Physiotherapeut. Auch die Friseurin mache Hausbesuche und sogar die Zahnärztin. Ein besseres Leben könnten sie ihrer Mutter kaum organisieren, so die Schwestern. Und doch sind da immer wieder Zweifel. „Ist das verantwortungsbewusst, was wir tun?“, fragt Gerlinde Baumann. „Wir sind doch keine Profis.“ Die Hilfe der polnischen Pflegerinnen erlaube es, „mal beruhigt weg zu fahren“, erklärt Annegret Baumann. Aber, so ihre Schwester, „alles ist fragil“. Langfristiges Planen sei kaum möglich. Mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen? Kommt nicht in Frage. Lieber mit dem Auto fahren, dann sei es jederzeit möglich schnell heim zu kommen. Die Mutter mache es ihnen leicht, sagt Annegret Baumann, „sie ist oft guter Dinge“. Dann fragt Gerlinde Baumann an diesem Abend im Herbst: „Geht es Dir gut?“ Und Else Baumann strahlt. Wer einen Menschen pflege, so Gerlinde Baumann, erfahre „große Befriedigung“.

Oft habe sie den Eindruck, sagt Gerlinde Baumann nachdenklich, dass andere Leute, deren Eltern in einem Heim leben (müssen), sich versuchten zu rechtfertigen. Und ihre Schwester ergänzt: „Wir würden uns aber nie anmaßen zu behaupten, dass unser Weg der bessere ist.“

Das bezahlen die Pflegekassen

Pflegehelden
Die Pflegehelden Ostalbkreis arbeiten auch im Rems-Murr-Kreis. Das Unternehmen vermittelt in Kooperation mit einem polnischen Partnerunternehmen Pflegekräfte. Laut Aussage des Geschäftsführers Armin Hirsch müssen die Familien für eine 24-Stunden-Betreuung zwischen 2100 und 2700 Euro bezahlen. Der Preis hängt unter anderem ab vom Pflegegrad des Klienten.

Pflegekassen
Pflegende Angehörige bekommen ein sogenanntes Pflegegeld. Die Pflegekasse bezahlt auch Pflegesachleistungen. Wenn der Pflegebedürftige ein oder mehrere Tage tagsüber in einer Pflegeeinrichtung betreut wird, dann übernimmt die Pflegekasse – je nach Pflegegrad – die Kosten ohne Kürzung des Pflegegelds. Die Kassen bezahlen auch Pflegehilfsmittel und sie beteiligen sich an der Finanzierung von Umbaumaßnahmen, etwa des Bades. Für die häusliche Pflege bei Verhinderung der Pflegeperson werden jährlich bis zu 1612 Euro bezahlt. Weitere Infos über die Leistungen gibt es beim Pflegestützpunkt, Telefon 071 51/50 11 657.

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