Serie Generation Turbo in sozialen Einrichtungen in Stuttgart Der soziale Dienst ist gewonnene Zeit

Von Barbara Czimmer 

Die FSJ-lerinnen Caia (li.) und Eva (re.) haben sich im Behindertenzentrum mit Lisa angefreundet. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die FSJ-lerinnen Caia (li.) und Eva (re.) haben sich im Behindertenzentrum mit Lisa angefreundet. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mehr Abiturienten denn je nutzen nach dem Turbo-Abi die gewonnenen Zeit zur Orientierung. Das beschert Sozialen Trägern viel Personal, allerdings auch mehr jüngeres.

Stuttgart - Früher stürzten sich Abiturienten gern direkt ins Studentenleben. Heute, vor allem in Zeiten des Turbo-Abis, wächst die wächst die Herde der freiwilligen Helfer.. „Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) hat sich zu einer Bewegung gewandelt“, urteilt das Landessozialministerium Baden-Württemberg. Zum Stichtag 1. Dezember 2016 waren es 12 700 junge Leute. Damit ist das Land seit Jahren bundesweit Spitzenreiter.

Bundesweit Spitzenreiter

„Die Bewerberzahl ist sehr stabil, egal, ob sich die jungen Leute für den Rettungsdienst, das Krankenhaus, den Einsatz im Sport oder für die Arbeit mit Wohnungslosen interessieren“, sagt Gisela Gölz. Sie ist Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft FSJ, der 35 Träger angehören. „Viele der Teilnehmer nutzen die Zeit zur beruflichen Orientierung“, so Gisela Gölz. Schließlich steht einem Abiturienten sozusagen die ganze Welt offen. Wofür soll man sich da entscheiden? Auslandsaufenthalt, zig Studiengänge, Duales Studium, Berufsausbildung? Ein FSJ bedeutet ein Jahr Schonzeit, ein Jahr ohne Lernstress. Und die Wartezeit auf einen Studienplatz lässt sich damit prima überbrücken.

Gisela Gölz hält das FSJ für „eine gute Gelegenheit, soziale Kompetenzen zu erwerben“. Auch für Nicht-Abiturienten. Eva Wollherr (17) beispielsweise möchte zunächst eine Ausbildung machen. „Um einen Platz zu bekommen, brauche ich den Nachweis über ein FSJ und ausbildungsbegleitenden Unterricht. Auf diese Weise komme ich zusätzlich zu meiner Mittleren Reife zur allgemeinen Fachhochschulreife“, sagt sie. Seit September arbeitet sie in der Tagesförderstätte des Behindertenzentrums Stuttgart (BHZ). „Jeder hat seine Liebsten und will, dass es ihnen gut geht. Darum muss man sich kümmern“, sagt Eva. Das habe sie zur Bewerbung dort motiviert.

Ein Viertel der Freiwilligen ist jünger als 18

Offenbar ist nicht jede Einrichtung gleich beliebt bei Schulabgängern. In der Seminargruppe für FSJ-ler „war ich von 25 Leuten die einzige, die mit behinderten Menschen arbeitet“, sagt Eva. Der Großteil der anderen engagiere sich in Kinderbetreuungseinrichtungen. „In der Tat war es in diesem Jahr sehr schwierig, die Stellen besetzt zu bekommen“, teilt Nicole Schmidt vom BHZ mit. Man habe sogar 22 der 45 Stellen mit Freiwilligen aus dem Ausland besetzen müssen. Angebote wie Work&Travel oder Auslandseinsätze machen den sozialen Einrichtungen Konkurrenz. Leute wie Eva Wollherr und die zweite FSJ-lerin Caia David (16) sind deshalb sehr willkommen. Caia will sich jetzt, wo sie den Realschulabschluss hat, erst mal beruflich orientieren. „Wir kriegen hier viele Informationen über Weiterbildungsmöglichkeiten im sozialen Bereich“, sagt Caia David.

Ein Viertel der landesweit 13 500 Freiwilligen im sozialen oder ökologischen Dienst ist im vergangenen Jahr jünger als 18 Jahre alt gewesen. „Wir haben insgesamt mehr jüngere Freiwillige, nicht nur, weil seit G 8 der Bedarf an Orientierung nach der Schule zugenommen hat, sondern weil die Einschulung teils früher stattfindet“, sagt Karin Renz, Teamleiterin bei der Diakonie Württemberg. Hinzu kommen Schülerinnen und Schüler von beruflichen Gymnasien, die die allgemeine Fachhochschulreife anstreben und dafür ein FSJ brauchen, und Schüler von allgemeinbildenden Gymnasien, die das Abi schon mit 17 Jahren in der Tasche haben. Manche Einrichtungen stellt das vor Probleme. „Eine Beschäftigung in unserem Wohnheim ist bei Minderjährigen wegen der Arbeitszeiten schwierig“, sagt Nicole Schmidt. Auch bei den familienentlastenden Diensten könnten Jüngere nicht zum Einsatz kommen. „Dort braucht man einen Führerschein“, so Nicole Schmidt.

Für Eva und Caia beginnt der Tag in der Förderstätte um 8 Uhr. „Wir kochen Tee, helfen den Gästen, ihre Jacken auszuziehen, reden mit ihnen, gehen spazieren und beschäftigen uns mit ihnen. Mit der Zeit merkt man, dass sich die Beziehung zu den Leuten verändert, dass man vertrauter wird“, sagt Caia. „Und wenn wir mal einen Ausflug in die Stadt machen wollen, gibt es dafür einen Fahrdienst.“

Auch Eva Wollherr sieht keinen großen Unterschied zwischen dem, was Volljährige tun dürfen, und dem, was sie als 16-Jährige leisten kann: „Es ist ein dankbarer Einsatz hier. Man bekommt auf alles eine Reaktion. Und es gibt viel Lustiges. Es ist kein trauriger Alltag hier. Ich glaube, in Kitas wird mehr geweint.“

Viele bleiben als Ehrenamtliche hängen

An Gisela Gölz von der Landesarbeitsgemeinschaft FSJ haben die Träger bisher keine Altersfragen herangetragen. „Die jungen Menschen sollen vor allem hauptamtliche Kräfte unterstützen. Dabei ist es nicht ausschlaggebend, ob sie nun 17, 18 oder 19 Jahre alt sind“, sagt sie.

Für die Träger sozialer Einrichtungen überwiegen trotz Einschränkungen die Vorteile. „Es freut uns als Wohlfahrtsorganisation, dass viele junge Leute über diesen Weg bei uns reinschnuppern“, sagt Udo Bangerter, Pressesprecher beim DRK Landesverband Baden-Württemberg. Jährlich wird das Rote Kreuz im Land im Schnitt von rund 1400 FSJ-lern sowie 180 bis 200 jungen Menschen im Bundesfreiwilligendienst unterstützt.

Die Zahlen seien aufgrund von festen Kontingenten, die der Landesorganisation zugeteilt werden, relativ konstant. Allerdings steige die Zahl der Bewerber. Auch wenn sie sich anschließend nicht für eine berufliche Karriere im sozialen Bereich entscheiden würden, blieben der Organisation viele freiwillige Helfer später als Ehrenamtliche erhalten. „Das ist ganz wichtig für uns, vor allem seit es den Zivildienst nicht mehr gibt“, so Bangerter.

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