Michael Ernst kennt sich mit den Krabbeltieren im Garten aus. Foto: Leonie Schüler

In einer Serie blicken wir über verschiedene Gartenzäune. Heute spricht Michael Ernst, der Leiter der Staatsschule für Gartenbau in Hohenheim und Mitglied bei den Gartenfreunden Möhringen, über Nützlinge und Schädlinge.

Möhringen - Es kreucht und fleucht in jedem Garten. Hier fliegt ein Bienchen, dort krabbelt ein Marienkäfer, da knabbert eine Schnecke. Was dem Gärtner bei seiner Pflanzenzucht nützt, wird gemeinhin als Nützling bezeichnet, was ihm schadet als Schädling. Michael Ernst, der Leiter der Staatsschule für Gartenbau in Hohenheim und Mitglied bei den Gartenfreunden Möhringen, kennt sich mit den Krabbelwesen aus. „Die Kunst des Gärtnerns ist es, dass man eine sinnvolle Balance von Nützlingen und Schädlingen hinbekommt“, sagt Ernst und spricht von einem „ökologischen Gleichgewicht“.

Was zählt alles zu den Nützlingen? „Im engeren Sinne sind es jene Lebewesen, die Schadorganismen zerstören. Im weiteren Sinne sind es alle Helfer im Garten“, erklärt der Agrarwissenschaftler. Das kann zum Beispiel der Greifvogel sein, der auf einer Obstbaumwiese Mäuse jagt, oder der Igel, der Schnecken auffrisst. Nützliche Insekten sind etwa Ohrwürmer, Schwebfliegen, Marienkäfer und Florfliegen, die störende Läuse aufessen. „Ein Marienkäfer frisst im Laufe seines Lebens 500 bis 800 Blattläuse“, weiß Ernst. Schlupfwespen wiederum legen ihre Eier in Blattläuse und bringen sie so zum Absterben.

Ohne die Biene müsste der Mensch selbst zum Pinsel greifen

Ein überaus nützlicher Gartenbewohner ist zudem die Biene. „Ohne ihre Befruchtung hätten zum Beispiel Apfel- und Zwetschgenbäume keine Früchte. Und auch Gemüsesorten wie Tomaten, Aubergine und Paprika sind auf die Bestäubung durch Bienen angewiesen, die den Pollen von einer Blüte zur nächsten transportieren“, sagt Michael Ernst. Ohne sie müsste der Mensch selbst zum Pinsel greifen und Blüten bestäuben – was die Volkswirtschaft riesige Summen Geld kosten würde. Bekannt ist, dass die Zahl der Bienen immer weiter zurückgeht. „Wir sind an einem kritischen Punkt angekommen“, betont der Agrarwissenschaftler. Einen Grund für das Bienensterben sieht er darin, dass das Nahrungsangebot für Insekten immer weniger und einseitiger werde. Jeder Garten- oder Balkonbesitzer könne „auf unspektakuläre Weise“ seinen Teil dazu beitragen, Bienen zu fördern, indem er nektarreiche Blumen anpflanze – mit dem schönen Nebeneffekt einer bunten Blütenpracht.

Ein weiterer fleißiger Helfer im Garten ist der Regenwurm. Indem er sich durch die Erde gräbt, lockert er den Boden auf. „Mit hacken und fräsen bekommt man das nie so gut hin“, sagt Ernst. Zudem erhöht der Regenwurm den Nährstoffgehalt der Erde, indem er sich von abgestorbenen Substanzen wie Laub ernährt und es dann wieder ausscheidet.

Gärtner sollten Nützlingen ein optimales Umfeld bereiten

Im professionellen Anbau ist es laut Michael Ernst inzwischen Standard, Nützlinge ganz gezielt einzusetzen. In einem Gewächshaus der Gartenbauschule zeigt er Auberginenpflanzen, an denen kleine Kärtchen mit winzigen Schlupfwespen-Eiern hängen. Sie sollen, wenn sie geschlüpft sind, Läuse bekämpfen. Auch Hobbygärtner könnten jene Eier-Kärtchen anbringen; sinnvoller ist es laut Ernst im privaten Bereich jedoch, den vorhandenen Nützlingen ein optimales Umfeld zu schaffen. Dies könne zum Beispiel durch Insektenhotels erfolgen, also Nisthilfen, in denen die kleinen Krabbeltiere Unterschlupf finden. Außerdem sollte, wer Nützlinge anlocken möchte, für einen reichlich gedeckten Tisch sorgen – also jene Blumen aussäen, die Insekten besonders gerne mögen.

Wie zahlreich sich Schädlinge in einem Garten ausbreiten, hängt stark mit der Witterung zusammen. Schnecken zum Beispiel mögen es feucht, Läuse lieben Wärme. Trotz der heißen Temperaturen stellten Läuse in diesem Sommer kein großes Problem dar, „denn auch die Nützlingspopulationen haben sich gut entwickelt“, sagt Ernst. Wer Kohlgemüse anbaut, habe aber zurzeit mit der Kohlmottenschildlaus zu kämpfen. „Die kam in den vergangenen Jahren auf, und uns fehlt ein Nützling, der effektiv dagegen vorgeht.“ Für Schnecken wiederum ist ein Gegenmittel bekannt: Enten. „Mein Vater hat sich mal welche zugelegt, aber der Kot ist dann überall“, sagt Ernst lachend und rät von dieser Maßnahme ab. Einfacher sei es, die sogenannte Studentenblume als Lockmittel anzupflanzen. Schnecken liebten sie und ließen sich dort gesammelt einfangen.

Michael Ernst betont, dass Gärtner auf Pflanzenschutzmittel verzichten sollten, wenn sie den Nützlingen nicht schaden möchten. Denn sowohl chemische als auch ökologische Substanzen wirkten nicht spezifisch, sondern schädigten alle Insekten. „Im Zweifel sollte man einen Ertragsausfall lieber hinnehmen oder halt auch mal zur Rebschere greifen“, rät er.

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