Trainer Johannes Koch mit den Leistungssportlerinnen aus der U-16-Mannschaft des MTV. Sie haben 2017 die Süddeutsche Meisterschaft im Volleyball gewonnen. Foto: Tom Bloch

Fürs Vereins- und Gemeinleben ist der verschulte Nachmittag Gift. Die Auswahl an Spitzensportlern sinkt, das Interesse an politischer Arbeit schwächelt, die Orchester verlieren Mitspieler. Vereine, Musikschulen und andere Organisationen ringen um eine Neuausrichtung.

Stuttgart - Deutsche Vereinskultur ist legendär: Rund 600 000 Titel sind im Vereinsregister eingetragen. Der Vereinsmeier, wie er gern spöttisch bezeichnet wird, stirbt so schnell nicht aus, möchte man meinen. Das Vereinsinnenleben bietet ein anderes Bild.

„Wir erfassen jährlich die Mitgliederzahl und -struktur unserer 5700 Vereine, sagt Thomas Müller vom Württembergischen Landessportbund, „bei den elf- bis 14-Jährigen ist die Zahl um 31 000 Kinder auf aktuell 188 000 zurückgegangen, die 15- bis 18-Jährigen verloren 12 000 Mitspieler, heute stellen sie noch 164 000 Mitglieder.“ Seit 2010 sei der Rückgang deutlich zu beobachten. Das war zwei Jahre bevor die ersten G 8er Abi geschrieben haben. „Seit G 8 haben unsere Sportler Schwierigkeiten, Zeit zu finden“, so Müller weiter.

Viele Jugendliche, keine Sporthallen

Der MTV, mit 8700 Mitgliedern Stuttgarts größter Sportverein, hat versucht, sich darauf einzustellen. „Wir wollten unser Jugendangebot von 16 auf 19 Uhr verlegen, aber zu der Zeit sind viele Hallen in der Stadt mit anderen Gruppen belegt“, sagt Karsten Ewald, der Geschäftsführer. Dabei fördert der MTV Jugendliche enorm, zum Beispiel mit einer Trainer-Akademie für den Fußballnachwuchs oder im Volleyball.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Volleyballerinnen, die Turner, die Rollerderby-Mannschaft und der Blindenfußball spielen in der Bundesliga, die Fußball-C-Jugend in der Oberliga, die U-16-Mannschaft Volleyball ist dieses Jahr Regionalliga-Meisterin geworden. „Aber die meisten Schüler sind zeitlich so ausgelastet, dass sie nicht mehr zwei Mal pro Woche für den Leistungssport trainieren können.“

Der verdichtete Unterricht hinterlässt auch im musischen Bereich Spuren. Darauf hat der baden-württembergische Landesverband der Musikschulen in einem Positionspapier hingewiesen: Den Jugendlichen fehle die Zeit „für das systematische Erlernen eines Instrumentes, erst recht für die Mitwirkung in Ensembles oder die Belegung eines Zweit- und Drittfaches an einer Musikschule“.

Friedrich-Koh Dolge, der Leiter der Stuttgarter Musikschule, bestätigt diese Entwicklung, allerdings nicht für die Landeshauptstadt: „Da klopfe ich drei Mal auf Holz, wir haben keinen Rückgang, weder in unseren Ensembles noch an Schülerzahlen generell.“ Nicht einmal im Wettbewerb Jugend musiziert bröselt die Bereitschaft. Dolge: „Wir hatten im Januar statt 250 sogar 340 Teilnehmer, aber es gibt ein Stadt-Land-Gefälle.“ Tendenziell, bestätigt Dolge, lernten immer weniger Kinder ein zweites Instrument.

Jeder zweite Landesbürger hat ein Ehrenamt

Aus Überzeugung und aus der Not heraus engagieren sich die Anbieter mittlerweile stärker als bisher im Kinderbereich. Die Stuttgarter Musikschule hat 140 Kooperationen mit Kitas und Schulen, unterrichtet 5000 Schüler in der elementaren Musikpädagogik und verzeichnet dort laut Dolge „große Zuwächse“. Es sei sein Bestreben, alle Kinder für zwei Jahre in eine musikalische Bildung zu bringen. Er sagt: „Ein Instrument zu spielen, musikalische Bildung, das gehört zum Menschsein.“

Auch der MTV engagiert sich zunehmend bei den Kleinsten, zum Beispiel in der Kindersportschule Kiss. „Wir bieten dort Handball an und mussten wegen der großen Nachfrage sogar schon einen Aufnahmestopp verhängen.“ Karsten Ewald weiß nicht, wie viele nach der Pubertät noch dabei sein werden. Sein Eindruck aber ist: „Man presst mit G 8 nur mehr Schulbildung in die Kinder, statt den Schülern ein Jahr Zeit für eine ganzheitliche Bildung zu lassen. Wir sind traurig, dass wir trotz attraktiver Angebote einen Teil unserer Jugendlichen verloren haben.“

Wird die Decke beim Nachwuchs dünn, fehlt es auf lange Sicht auch an Übungsleitern, Trainern, Kursleitern – kurzum an jungen Erwachsenen, denen Verantwortung übertragen werden kann. Das spürt beispielsweise die Evangelische Jugend in Stuttgart sehr deutlich. „Wir haben zwischen 3000 und 3500 ehrenamtliche Mitarbeiter, jedes Jahr lassen sich rund 130 Leute zum Jugendleiter ausbilden, doch für regelmäßige Einsätze fehlen uns die Schüler aus den elften und zwölften Klassen“, sagt Jörg Titze, der erste Vorsitzende, „sie fangen mit 15 an und hören mit sechzehneinhalb wieder auf.“ Selbst die Jungschar hätte man bereits an die Schulen verlegen müssen, um die Schüler dort einzusammeln, wo sie die meiste Zeit verbringen. „Seit Pisa definiert man Bildung allein als Schulbildung. Das ist der Fehler“, sagt Titze. Beim Stuttgarter Jugendrat, wo Heranwachsende Erfahrungen in der Politik sammeln konnten, ist der Schwund seit Jahren messbar: Seit den Wahlen im Jahr 2012 ging die Kandidatenzahl von 421 auf 270 im Jahr 2016 zurück.

Traurig über den Verlust der Jugendlichen

Viele Jugendliche schaffen den Spagat noch: Leon, mittlerweile 18 Jahre alt, G 8er und 1,8er-Abiturient, hat das Volleyball-, Handball- und Fußballspielen nie aufgegeben, trotz Bezirksliga und A-Klasse. Oder Ella Baumgärtner aus Musberg, G 8er-Abi 2017, die jeden Freitag die Jungschar beim CVJM sowie montags die Klettergruppe der Evangelischen Jugend gleitet hat. Sie sagt aber auch: „Je näher das Abi rückte, um so schwieriger wurde es, die letzten zwei Jahre waren am schlimmsten.“ Jakob Grasmann besucht die 8. Klasse der Freien Evangelischen Schule, spielt im Orchester, ministriert sonntags und donnerstags und engagiert sich auf dem Aktivspielplatz. Falls ihm die Zeit fehle, müsse er wohl beim Ministrieren und im Orchester Abstriche machen.

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